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Ernährung 24. Oktober 2007

Pflanzenfarben beeinflussen Gene

Dresdner Wissenschaftler haben erstmals nachgewiesen, dass pflanzliche Stoffe, die etwa in Rotwein, Soja oder grünem Tee vorkommen, wichtige Vorgänge in Körperzellen verlangsamen oder beschleunigen können und sogar das Ablesen der Gene im Zellkern beeinflussen.

 Foto: cameraobscura / pixelio.de
Grüntee ist reich an Flavonoiden, deren Wirkmechanismen Forscher ergründen.

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Pflanzliche Stoffe docken in der Zelle an dem für die Zellbewegung und Zellteilung verantwortlichen Molekül Aktin an. Abhängig vom jeweiligen Pflanzenstoff, wird die Fähigkeit des Aktins, sich zu langen Ketten zusammenzulagern, gefördert oder gehemmt, so die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Biophysical Journal“.

Große Vielfalt

Mehr als 6.000 Flavonoide sind derzeit bekannt. Sie sind etwa als Pflanzenfarbstoffe in Obst und Gemüse enthalten und werden über die Nahrung aufgenommen. Sie werden oft in Zusammenhang mit den positiven gesundheitlichen Auswirkungen von grünem Tee oder Rotwein gebracht. Ihre Wirkungsmechanismen sind jedoch weitgehend unbekannt und auch mögliche Risiken noch nicht sicher beurteilbar. Viele Wissenschaftler arbeiten an der Aufklärung dieser Mechanismen auf molekularer Ebene mit dem Ziel, von der Natur zu lernen, um dann in einem weiteren Schritt hochwirksame Arzneimittel beispielsweise gegen Krebs oder Herzinfarkt zu entwickeln.
Zwei erstaunliche Resultate, die auf der Bindung von Flavonoiden mit dem Eiweißstoff Aktin beruhen, haben Wissenschaftler des Forschungszentrums Dresden-Rossendorf (FZD) nun zutage gefördert. Aktin ist das am häufigsten vorkommende und eines der am besten untersuchten Proteine überhaupt. Im Zusammenspiel mit anderen Proteinen ermöglicht es die Muskelkontraktion, die Veränderung der Zellform und die Trennung der Tochterzellen bei der Zellteilung. Bereits vor zwei Jahren fanden Biologen von der Technischen Universität Dresden überraschend heraus, dass Flavonoide auch im Kern lebender Zellen an das Aktin andocken.

Flavonoide geben Tempo vor

Nun konnten sie gemeinsam mit Biophysikern vom FZD erstmalig im Reagenzglas nachweisen, dass Flavonoide die Kettenbildung von Aktinmolekülen, die für viele Funktionen in Zellen wesentlich sind, so beeinflussen, dass sich die Geschwindigkeit dieser Vorgänge ändert. Flavonoide können somit zelluläre Prozesse verstärken oder schwächen. Das gilt sogar für die Geschwindigkeit, mit der im Zellkern das Erbgut von der DNA abgelesen wird. Dieses Ergebnis, so Professor Herwig O. Gutzeit von der TU Dresden, zeigt erstmals direkt die biologische Wirksamkeit der Flavonoide im Körper bis hin zum Einfluss auf die Genetik von Körperzellen.
Dem Biophysiker Karim Fahmy gelang es zudem, den genauen Wirkmechanismus zu entschlüsseln, wie Flavonoide wesentliche Abläufe in Körperzellen oder im Zellkern verlangsamen oder beschleunigen können. Die Flavonoide funktionieren gewissermaßen wie Schalter, die am Aktin ansetzen und dessen Funktionen hemmen oder verstärken. Mit Hilfe der Infrarot-Spektroskopie untersuchte Fahmy die Wechselwirkungen von Aktin mit dem verstärkend wirkenden Flavonoid Epigallocatechin („Aktivator“) und dem hemmenden Quercetin („Inhibitor“).
Diese Methode ist hervorragend geeignet, um Strukturänderungen in großen Biomolekülen ohne chemische oder andere störende Eingriffe in die sehr empfindlichen Eiweißstoffe aufzuzeigen. Gibt man zu Aktin also eines der ausgewählten Flavonoide dazu, so ändert sich die Struktur des Aktins in auffälliger und typischer Weise. Je nach Art des Flavonoids wird der „Aktin-Schalter“ auf erhöhte oder verringerte Aktivität eingestellt und damit die Funktion des Proteins direkt beeinflusst.

Funktion durch Form bedingt

Die Schlussfolgerungen liegen auf der Hand: Die Wirkung der Flavonoide liegt in ihrer Form begründet. Aktin selbst ist ein flexibles Molekül, wodurch sich erklären lässt, dass verschiedene Flavonoide zwar auf ein und dieselbe Art an Aktin binden, die beobachteten Effekte jedoch von Hemmung bis hin zur Stimulation reichen. Flexible Flavonoide passen sich der Struktur des Aktins an und bilden Komplexe, die die Aktinfunktionen fördern. Starrere Flavonoide dagegen prägen dem Aktin eine Struktur auf, die mit den natürlichen Funktionen von Aktin schlecht vereinbar ist, und können gerade deshalb die von Aktin abhängigen Zell-Prozesse stark hemmen.
Dies haben auch Simulationsrechnungen des Bindungsverhaltens von Flavonoiden bestätigt. So sind erstmalig Wissenschaftler den bislang unbekannten strukturspezifischen Wirkmechanismen von Flavonoiden auf die Spur gekommen.

FZD/RS

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