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Ernährung 5. September 2007

Kopfnahrung

In unserer Nahrung steckt viel Wohlfühlpotenzial. Und das hängt nicht allein am Genuss von gutem Essen. Auch die richtigen Inhaltsstoffe könnten auf zellmolekularer Ebene viel zum psychischen Befinden beitragen. Noch ist die Datenmenge allerdings sehr dürftig.

 Apfel
Die passende Menge diverser Nährstoffe könnte die gute Laune erhalten.

Foto: pixelio.de

Dass gesunde Ernährung wichtig für das körperliche und seelische Wohlbefinden ist, steht außer Zweifel. Relevante Zusammenhänge zwischen Nährstoffmangel und psychischen Krankheiten wurden jedoch erst kürzlich aufgedeckt.
Welchen Einfluss Nahrungsmittel auf das psychische Gleichgewicht haben können, zeigten beispielsweise Untersuchungen mit dem Vitamin Niacin, dessen Mangel, ebenso wie eine extrem fettarme Ernährung, Depressionen auslösen kann. Andererseits verbessert die Einnahme richtiger Mengen diverser Nährstoffe die Symptome psychischer Erkrankungen. Dies könnte in Hinkunft eine sichere und günstige Alternative zu den häufig nebenwirkungsreichen und teuren Psychopharmaka darstellen.

Mangelernährung mit Folgen

Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin, die vor kurzem in der Zeitschrift „Clinical Nutrition“ erschien, dokumentierte die besorgniserregende Mangelernährung von Patienten in deutschen Krankenhäusern. Eine besonders hohe Prävalenz an Mangel- oder Fehlernährten wurde dabei unter den geriatrischen und psychiatrischen Patienten festgestellt. Eine Quote, die auch in österreichischen Krankenanstalten dramatisch hoch ist (die Ärzte Woche berichtete in der Ausgabe 35). Die besonders schwierigen Lebensumstände und der oft krankheitsbedingt fehlende Bezug zur Realität führen häufig zu massiver Gewichtsabnahme, teils lebensbedrohlichen Elektrolytverschiebungen und damit insgesamt zur Verschlechterung der Symptomatik. Vermehrt wird in letzter Zeit auch die Hypothese diskutiert, ob nicht überhaupt Mangel- oder Fehlernährung als wichtigste Ursache für den Ausbruch einer psychischen Erkrankung verantwortlich gemacht werden muss.
Der komplexe Gehirnstoffwechsel unterliegt Mechanismen, die bis heute intensiv beforscht werden. Es gilt jedoch als bewiesen, dass bei psychischen Erkrankungen Dysbalancen in zerebralen Neurotransmittersystemen, vor allem dem dopaminergen und dem serotoninergen, vorhanden sind. Ob diese jedoch Ursache oder Folge einer psychischen Erkrankung sind, ist noch nicht ausreichend abgeklärt.
Makro- und Mikronährstoffe bilden die Überbegriffe für essentielle Nahrungsstoffe. Zu den Makronährstoffen zählen Kohlenhydrate, Aminosäuren, Proteine und Fette. Zu den Mikronährstoffen werden sämtliche Vitamine, Eisen, Jod, Selen, Kupfer, Zink und Mangan gerechnet. Kohlenhydrate stellen die wichtigste Energiequelle für das menschliche Gehirn dar. Ein Drittel wird direkt zu CO2 und H2O verbrannt, zwei Drittel dienen der Synthese von Aminosäuren, Peptiden, Lipiden und Nukleinsäuren. Ein intakter Zuckerstoffwechsel kommt den kognitiven Funktionen entgegen, zum Beispiel dem Gedächtnis, aber auch der subjektiven Leistungsfähigkeit. Dieser Effekt kann durch die Einnahme von Kohlenhydraten mit niedrigem glykämischen Index verbessert werden. Diese Kohlenhydratform wird langsam verdaut, was eine Stabilisierung der Achse Blutzucker/Insulinspiegel nach sich zieht. Langfristig wird somit eine bessere Stimmungslage und eine größere Gedächtnisleistung erzielt.

Mangel fördert Depression

Essentielle Aminosäuren bilden die Grundbausteine für Neurotransmitter und Neuromodulatoren. So stellen Tryptophan, Tyrosin und Phenylalanin die Vorstufen von Serotonin, Dopamin, Norepinephrin und Acetylcholin dar. Eine Aminosäureverknappung, bedingt durch Mangelernährung, kann somit zu Verschiebungen im Neurotransmittergleichgewicht und damit zur Entstehung von affektiven Erkrankungen führen. Bei depressiven Patienten wurde in Studien durchwegs ein stark erniedrigter Tryptophan-Spiegel gemessen.

Fett macht Nerven stark

Um eine normale Funktion des Gehirnes zu gewährleisten, müssen essentielle (d.h. mehrfach gesättigte) Fettsäuren mit der Nahrung zugeführt werden. DHA (Docosahexaensäure) zum Beispiel ist wesentlicher Bestandteil von neuronalen Membranen. Ein Mangel führt dementsprechend zu einer Veränderung der Zellmembran, was in weiterer Folge eine Änderung der Rezeptoraktivität hervorruft. Bei Ratten kam es durch Mangel an DHA zu einer deutlichen Veränderung des neuronalen Stoffwechsels im frontalen Kortex (Rao JS, Ertley RN, Lee HJ et al.).
Antioxidantien bewirken hingegen eine Erhöhung der ungesättigten Fettsäuren im ZNS. Diese sind besonders anfällig für die Lipidperoxidation. Daraus kann geschlossen werden, dass psychischer Stress, aber auch erkrankungsbedingte Belastungen aufgrund der prooxidativen Wirkung zu einem gesteigerten Verbrauch und damit auch zu erhöhtem Bedarf an Fettsäuren (zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren) führen.
Epidemiologische Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen fischreicher Diät (Hauptquelle von Omega-3-Fettsäuren) und affektiven Erkrankungen. So ist der Gehalt dieser Fettsäure in Erythrozytenmembranen (Modell für alle existierenden Zellmem­branen) bei depressiven Patienten stark vermindert. Placebokontrollierte Interventionsstudien (Add-on), bei denen depressiven Patienten Fischöl verabreicht wurde, zeigten Erfolge in Bezug auf Symptomatik und Verlauf der Depression. Für das Entstehen und den Fortbestand von Depressionen werden zudem ein Mangel an Vitamin C, Oxidantien und Störungen im Methionin- und Folatzyklus diskutiert. Endgültige Beweise stehen jedoch noch aus. EPA (Eicosapentaensäure) und DHA konnte in Studien mit ADHS-Patienten ein deutlich antiaggressiver Effekt attestiert werden.

Ernährungshypothesen

Ob genereller Nährstoffmangel oder das Fehlen bestimmter Substanzen (zum Beispiel Folsäuremangel) eine Rolle in der Entstehung von psychischen Erkrankungen, etwa bei der Schizophrenie, spielen, ist bislang nicht ausreichend geklärt. Niederländische Untersuchungen in den neunziger Jahren bestätigten jedoch einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie-Inzidenz und dem Hungerwinter 1944/45. Kinder, die zu diesem Zeitpunkt geboren wurden, hatten ein deutlich erhöhtes Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken. Angeschuldigt wurde in diesem Zusammenhang ein durch Nährstoffmangel bedingter nachteiliger Einfluss auf die frühe Hirnentwicklung. Chinesische Wissenschaftler werteten Patientendaten aus den Jahren 1971 bis 2001 aus. Dabei bestätigte sich ebenfalls, dass die Zahl der Schizophreniepatienten, die in der Hungerperiode geboren worden waren, im Vergleich zu anderen Jahrgängen doppelt so hoch war. Obwohl mehrere placebokontrollierte, doppelblinde Interventionsstudien mit EPA-als Monotherapie und Add-on-Therapie bereits durchgeführt wurden und sich ein positiver Effekt auf den Krankheitsverlauf bei schizophrenen Patienten bestätigte, gilt die Datenlage derzeit als zu wenig beweiskräftig. Experten erachten die Datenmenge als noch zu gering.

Der orthomolekulare Standpunkt

Der Chemiker und Nobelpreisträger Linus Pauling, ein wesentlicher Wegbereiter der orthomolekularen Medizin, verschrieb sich der Forschung über den Einfluss von Vitaminen und Mineralstoffen auf psychische Krankheiten. Die orthomolekulare Medizin basiert auf dem Grundsatz, dass Krankheiten stets auch zu einem biochemischen Ungleichgewicht im Körper führen, den es auszugleichen gilt. Darüber hinaus fußt sie auf der These, dass die heute verfügbaren Lebensmittel aufgrund Züchtung, Transport und Lagerung über essentielle Inhaltsstoffe nicht mehr im notwendigen Ausmaß verfügen und deshalb ein Ersatz zu empfehlen ist. Vitamine und Mineralstoffe werden in der orthomolekularen Medizin in wesentlich höherer Dosierung zugeführt als etwa die WHO anregt. Innerhalb der Schulmedizin hat sie daher einen umstrittenen Stellenwert.

Ernährungsoptimierung als Primär- und Sekundärprävention

Obwohl die Datenmenge noch zu gering und einige Studien nicht vollständig ausgewertet sind, könnte eine Prävention in Form von Ernährungsoptimierung in Zukunft ein viel versprechender Ansatz sein.
Eine gezielte „Ernährungsanamnese“ würde zumindest Teilaspekte der Entstehung und des Verlaufs von psychischen Krankheiten erklären. Vor allem von Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren verspricht man sich in dieser Hinsicht sehr viel. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGE) hat daher nicht nur für Risikopatienten, sondern generell zur Prophylaxe konkrete Empfehlungen ausgesprochen (siehe Fakten).

 Fakten

Maierhofer, Ärzte Woche 36/2007

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