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© (2) Czernin Verlag
Wolfgang Pennwieser Sportpsychiater
 

Die EURO hat begonnen!

„Endlich“, sagt der Fan Pennwieser. Der Arzt in ihm fürchtet um die Gesundheit der Spieler.

Der Fußballfan in mir freut sich auf ein großes Fest, auf schöne Tore und neue Erkenntnisse bezüglich Taktik und Spielsystem. Als Sportpsychiater interessieren mich andere Dinge.

Etwa ob seit der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren ein anderes Verständnis im Umgang mit Kopfverletzungen Einzug gehalten hat oder nicht. Bei der letzten WM kam es zu mehreren Gehirnerschütterungen mit Bewusstlosigkeit. Die therapeutische Konsequenz war immer die gleiche: keine. Der Fußballer durfte weiterspielen, weil er es für sich so entschieden hat. Fahrlässig. .

Im Fall von Christoph Kramer, der sich beim Schiedsrichter erkundigte: „Ist das hier das WM-Finale?“, hat der Referee Kapitän Bastian Schweinsteiger darauf hingewiesen, dass mit Kramer etwas nicht in Ordnung sei. Kramer wurde daraufhin ausgewechselt. Es war die erste Halbzeit des WM-Finales im Jahr 2014 und die erste Auswechslung der deutschen Mannschaft. Stellen wir uns vor, das Spiel befindet sich beim Spielstand von 1:1 in der 82. Minute und Deutschland hat sein Austauschkontingent ausgeschöpft. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte Kramer weitergespielt.

Es braucht einen unabhängigen Arzt, der in diesen Fällen entscheidet, ob der Fußballer weitermachen darf, ähnlich wie im Boxsport. Der Teamarzt kann das nicht entscheiden, weil er Teil der Mannschaft ist, dadurch nicht unabhängig, und nicht über die Macht verfügt, dies durchzusetzen.

Daneben stellt sich bei diesem Großereignis für mich wieder die Frage, wie mit dem Thema Doping umgegangen wird. Von Jürgen Klopp bis Herbert Prohaska, alle behaupten, Doping ergebe im Fußball keinen Sinn. Warum eigentlich? Seit einer großen anonymen Befragung an über 1.000 Athleten in Deutschland weiß man, dass etwa ein Drittel der Sportler mindestens einmal eine verbotene, leistungssteigernde Substanz zu sich genommen hat. Warum soll es im Fußball keinen Vorteil bringen, mehr Ausdauer und mehr Kraft zu haben als der Gegner? Weil es ein Mannschaftssport ist und es viel um Technik geht, so die – immer gleichen – Antworten der Trainer.

Gerne würde ich das glauben, und doch habe ich meine Zweifel. Alleine wenn man weiß, wie leichtfertig im Fußball mit Schmerzmitteln umgegangen wird. Bei der Fußball-WM in Südafrika im Jahr 2010 nahmen laut FIFA etwa 60 Prozent der Spieler Schmerzmittel ein. Fast 40 Prozent verwendeten diese Medikamente vor jedem Spiel. Fußballer sind es gewohnt, Medikamente zu nehmen, seien es Schmerzmittel oder Nahrungsergänzungsmittel. Warum nicht auch Dopingmittel?

Als Ärzte müssen wir hinweisen, aufklären und wenn nötig Einspruch erheben. Nicht nur bei Profifußballern, sondern vor allem beim sportlichen Patienten den wir täglich behandeln. Denn: In der Allgemeinbevölkerung fehlen Dopingkontrollen. „Dass es im Breiten- und Freizeitsport zur missbräuchlichen Anwendung hochwirksamer Substanzen kommt, ist mehrfach belegt“, erklärt Deutschlands Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA). Dennoch freue ich mich auf eine – hoffentlich – gesunde EURO und will weiterhin an den schönen und sauberen Fußball glauben.

Dr. Wolfgang Pennwieser gründete im April d. J. gemeinsam mit Dr. Wolfgang Preinsperger die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychiatrie und Sport- und Bewegungstherapie im Rahmen der ÖGPP. Pennwieser ist Kolumnist beim Fußballmagazin ballesterer, Buchautor, Psychiater und Sportpsychiater in Wien (www.pennwieser.at).

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