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Auch mit modernerer Gerätschaft eine fragwürdige Prophylaxe für Herz-OP-Kandidaten.
 
Kardiologie 2. Juni 2014

Zahnextraktion vor Herz-OP

Eine Prophylaxe nicht ohne Risiko.

Das Ziehen von akut schadhaften Zähnen soll bei einer nachfolgenden Herzoperation das Risiko für perioperative Infektionen und Endokarditiden senken. Was zum Schutz der Patienten gedacht ist, kann jedoch das Gegenteil bewirken: In einer retrospektiven Studie kam es noch vor dem kardiochirurgischen Eingriff zu schweren Komplikationen und Todesfällen.

Derzeit wird in internationalen Leitlinien empfohlen, vor Herzklappenoperationen den Zahnstatus zu untersuchen und ggf. eine Sanierung vorzunehmen. Laut American Heart Association „kann damit einer Endokarditis der Klappenprothesen vorgebeugt werden“. Auch vor nicht-valvulären Herzoperationen erfolgt häufig eine zahnärztlich-chirurgische Sanierung, die das Risiko von postoperativen Infektionen mindern soll.

Die Datenlage für diese Praxis ist allerdings dünn. Bestätigen sich die Ergebnisse einer aktuellen Studie, die Ärzte der Mayo Clinic in Rochester durchgeführt haben, dann sind Zweifel am Sinn von prophylaktischen Zahnextraktionen angebracht. Durch den Eingriff selbst werden die Patienten nämlich einem erheblichen Komplikationsrisiko ausgesetzt.

Die Ärzte um Mark M. Smith haben die Krankenakten aller Mayo-Clinic-Patienten durchgesehen, denen zur Vorbereitung einer kardialen Operation zwischen 2003 und 2013 defekte Zähne entfernt worden waren. Bei 205 Patienten waren 208 Zähne wegen kariösen Befalls und/oder eines Abszesses gezogen worden.

Zwischen zahnärztlicher Behandlung und Herz-OP vergingen im Median sieben Tage. Bei den geplanten kardialen Eingriffen handelte es sich mehrheitlich um Klappenoperationen (n = 151), oft in Kombination mit einer Bypass-OP oder einer Aortenplastik.

3 % starben vor der Herz-OP

Bei 14 der 205 Patienten (7%) kam es infolge der Zahnextraktion zu einer Verzögerung des kardiovaskulären Eingriffs. 16 Patienten (8%) entwickelten noch vor der Herz-OP eine schwerwiegende Komplikation in Form eines zerebrovaskulären Ereignisses (n = 4), eines akuten Koronarsyndroms (n = 4) oder eines Nierenversagens (n = 3).

Sechs Patienten (3%) starben wenige Tage nach der zahnärztlichen Behandlung.

„Patienten mit den besten Absichten umbringen?“

„Patienten, die sich vor einer elektiven Herzoperation einer Zahnextraktion unterziehen, haben ein erhöhtes Risiko für schwere Komplikationen, einschließlich eines dreiprozentigen Risikos, vor der Operation zu sterben“, fassen Smith und Koautoren ihre Ergebnisse zusammen. Ursächlich machen sie verschiedene Mechanismen verantwortlich: der massive Anstieg der systemischen Entzündung während des dentalchirurgischen Eingriffs, die Auswirkungen von Anästhesie und OP bei Patienten mit krankheitsbedingt hoher Thrombosegefahr sowie die sich ergebende Verzögerung des Eingriffs am Herzen.

Da die Daten retrospektiv erhoben wurden, sind die Studienautoren mit ihren Schlussfolgerungen sehr zurückhaltend: „Wir können keine definitive Empfehlung für oder gegen eine vorgeschaltete Zahnsanierung aussprechen.“

Sie raten vielmehr zu einer individualisierten Analyse, die den vermuteten Nutzen gegen die beobachteten Morbiditäts- und Mortalitätsraten abwägt.

Der Kommentator der Arbeit, Michael J. Unsworth-White aus Plymouth, wagt sich weiter vor: „Die Studie von Smith et al. wirft die Frage auf, ob wir nicht besser voranmachen mit unseren Herzoperationen und uns irgendwann später um die Zähne kümmern – oder ob wir riskieren sollen, unsere Patienten mit den allerbesten Absichten umzubringen.“

 

© Springer Medizin, www.springerzahnmedizin.de
, Zahnarzt 6/2014

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