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Neurologie 9. Jänner 2014

Wachstumsfaktor schützt vor Demenz

Aber nur bei Frauen scheint der Brain-Derived Neurotrophic Faktor diese präventive Wirkung haben, ergibt eine in JAMA publizierte Studie.

Hohe Spiegel des Wachstumsfaktors BDNF deuten auf ein geringes Demenzrisiko hin - zumindest bei Frauen. Da der BDNF-Spiegel von Bewegung und Ernährung abhängt, könnte dies erklären, weshalb ein bestimmter Lebensstil vor Demenz schützt.

Viel körperliche Bewegung und eine gesunde Ernährung scheinen nach Daten epidemiologischer Studien vor einer Demenz zu schützen - weshalb ist aber noch nicht ganz klar. Von großer Bedeutung sind hier sicher vaskuläre Effekte: Bluthochdruck und zu viel Cholesterin im Blut erhöhen bekanntlich das Demenzrisiko.

Vermutet werden aber auch direkte neuroprotektive Wirkungen von Sport und gesunder Ernährung, und hier scheint der Wachstumsfaktor BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) eine gewisse Bedeutung zu haben (JAMA Neurol 2013; online 25. November).

Schon lange ist bekannt, dass BDNF das Überleben von Nervenzellen im Hippocampus und im Kortex fördert, aber auch cholinerge und dopaminerge Zellen benötigen das Protein. Erfreulicherweise lässt sich der BDNF-Spiegel beeinflussen: Er steigt etwa beim Fasten und beim Sport. Treiben ältere Menschen viel Sport, können sie dadurch das Hippocampusvolumen vergrößern und ihre kognitive Leistung verbessern.
Ähnliches wurde auch bei jüngeren Schizophrenie-Patienten beobachtet. Es liegt also nahe, dass ein hoher BDNF-Spiegel die Neurodegeneration hinauszögern kann.

Hinweise aus der Framingham Heart Study

 

Hinweise darauf haben nun US-Forscher um Galit Weinstein von der Boston School of Medicine anhand einer der ältesten und bekanntesten Kohortenstudien gefunden: der Framingham Heart Study. Die Wissenschaftler haben Mitte der 1990er-Jahre den Gehalt von BDNF im Blut von über 2.100 Teilnehmern im Alter von mehr als 60 Jahren analysiert und deren Schicksal in den folgenden zehn Jahren beobachtet. Insgesamt erkrankten in dieser Zeit 140 der Teilnehmer an einer Demenz, davon 117 an Morbus Alzheimer.

Wie erwartet stellte sich heraus, dass Teilnehmer mit niedrigen BDNF-Spiegeln in den folgenden zehn Jahren häufiger an einer Demenz erkrankten. Im Mittel lag der BDNF-Serumwert bei 23 ng/ml. Für jede Erhöhung um eine Standardabweichung (8,3 ng/ml) war die Demenzrate um ein Drittel geringer. Im Quintil mit den höchsten BDNF-Werten war die Demenzrate zehn Jahre später sogar nur halb so hoch wie im Quintil mit den niedrigsten Werten. Der Zusammenhang war unabhängig von anderen bekannten Risikofaktoren wie Blutdruck, Herzerkrankungen, Rauchen, BMI, Diabetes und Cholesterinwerten.

Demenzschutz bestand nur bei Frauen


Interessant ist jedoch, dass nicht jeder von hohen BDNF-Spiegeln in gleicher Weise zu profitieren scheint. Ein signifikanter Zusammenhang war nur bei Frauen erkennbar: Bei ihnen sinkt das Demenzrisiko nach diesen Studiendaten für jeden BDNF-Anstieg um eine Standardabweichung um 30 Prozent, das Alzheimerrisiko um 35 Prozent.

Für Männer lässt sich bei einem ähnlichen Anstieg nur eine Reduktion des Demenzrisikos um nicht-signifikante zwölf Prozent berechnen, das Alzheimerrisiko scheint dagegen überhaupt nicht zu sinken. Ausgeprägt war der Zusammenhang zudem nur bei Personen über 80 Jahren, nicht aber bei jüngeren. Und noch eine Einschränkung fanden die Forscher: Nur bei Teilnehmern mit einem hohen Schulabschluss ließ sich ein Nutzen von hohen BDNF-Spiegeln erkennen, dieser war aber gewaltig.

So war die Demenzrate für jeden BDNF-Anstieg um eine Standardabweichung bei College-Absolventen um 70 Prozent reduziert, das Alzheimerrisiko sogar um 75 Prozent - bei Teilnehmern ohne College-Abschluss dagegen nur um nicht-signifikante 15 Prozent.

BDNF-Anstieg allein verbessert nicht die kognitive Leistung


Dieses Ergebnis ist insofern interessant, als schon Interventionsstudien zeigen konnten, dass ein BDNF-Anstieg allein nicht ausreicht, um die kognitive Leistung zu verbessern: Die grauen Zellen müssen auch gefordert werden. So war in Kognitionsstudien vor allem die Kombination von Sport und kognitivem Training erfolgreich. Unklar ist noch, weshalb vor allem Frauen von hohen BDNF-Spiegeln im Alter profitieren, nicht aber Männer. Die Forscher um Weinstein vermuten hier Interaktionen mit Sexualhormonen, welche Frauen empfindlicher auf sinkende BDNF-Spiegel reagieren lassen.
Relativ einfach ist zu erklären, weshalb BDNF erst bei Teilnehmern über 80 relevant wird: Erst dann fallen die Serumspiegel deutlich ab.

Literatur:
Weinstein et al.: Serum Brain-Derived Neurotrophic Factor and the Risk for Dementia. The Framingham Heart Study. JAMA Neurol.   Published online November 25, 2013.  doi:10.1001/jamaneurol.2013.4781

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