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Kardiologie 24. Oktober 2012

Update zu Risiko und Vorbeugung

Neue ESC-Richtlinien zur kardiovaskulären Prävention.

Mit dem aktuellen Update ihrer Richtlinien zur kardiovaskulären Prävention hat die Europäische Kardiologengesellschaft (ESC) einen radikalen Schnitt vollzogen. Eine Reihe von Neuerungen wird auch die tägliche Praxis im Umgang mit Risiko-Patienten verändern. Bislang wurde zwischen Primär- und Sekundärprävention unterschieden. Erstere richtete sich an Personen mit Risikofaktoren, Zweitere an Patienten, die bereits eine manifeste kardiovaskuläre Erkrankung entwickelt hatten. Diese Unterscheidung gehört nun der Vergangenheit an. In Zukunft sollen sich vorbeugende Strategien nach dem individuellen Risiko richten.

„Die neuen Richtlinien sehen vor, dass Patienten nach dem Risiko, in den nächsten zehn Jahren einen tödlichen Herzinfarkt zu erleiden, in vier Kategorien eingeteilt werden“, erläuterte Prof. Dr. Rainer Hambrecht vom Herzzentrum Bremen. Niedriges Risiko (unter 1 Prozent) haben Menschen ohne Risikofaktoren, die sie einem moderaten Risiko aussetzen würden. Moderates Risiko (1–5 Prozent) haben z. B. viele Menschen mittleren Alters. Hohes Risiko (5–10 Prozent) haben Menschen mit deutlich erhöhten einzelnen Risikofaktoren (starker Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Dyslipidämie), mit Diabetes ohne Risikofaktoren oder Endorganschäden und moderater chronischer Nierenkrankheit. Sehr hohes Risiko (mehr als 10 Prozent) haben Menschen mit diagnostizierten kardiovaskulären Krankheiten, Diabetes mit einem oder mehr Risikofaktoren oder Endorganschädigungen und schwerer chronischer Nierenerkrankung.

Hohe Bedeutung der Nierenfunktion

Eine weitere Neuerung liegt in der Bedeutung, die der Nierenfunktion beigemessen wird. Laut den neuen ESC-Richtlinien rücken Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion automatisch und unabhängig von den übrigen Risikofaktoren in die Gruppe „Hohes Risiko“ oder „Sehr hohes Risiko“ auf. Da die Nierenerkrankung ihrerseits meist die Folge von Hypertonie und/oder Diabetes ist, steigt für viele Betroffene das individuelle Risiko noch weiter an. Diabetiker ohne zusätzliche Risikofaktoren befinden sich automatisch in der Hochrisikogruppe. Kommt zum Diabetes ein weiterer Risikofaktor hinzu, wird bereits von sehr hohem Risiko ausgegangen.

„Die Ärzteschaft ist nun aufgefordert, bei Männern ab dem 40. und bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr nach diesen Risikofaktoren zu fahnden. Dies ist nicht in erster Linie die Aufgabe der Kardiologen, sondern primär der Hausärzte, die ja näher an der – mehr oder weniger – gesunden Bevölkerung sind. Erst wenn es auffällige Befunde zu hinterfragen gibt, oder wenn präventive Maßnahmen nicht greifen, sollte ein Facharzt hinzugezogen werden“, so Hambrecht.

Altersangepasste Aussagen

Die neuen Risiko-Scores der ESC-Richtlinien erlauben auch altersangepasste Aussagen. „Das Alter ist ein wesentlicher Risikofaktor“, so Hambrecht. „Das führt aber nun dazu, dass z. B. ein junger übergewichtiger Raucher ein eher geringes absolutes Risiko aufweist. Anhand der Charts kann man diesen Menschen aber nun zeigen, um wie viel höher sein Risiko im Vergleich zu einem schlanken Nichtraucher gleichen Alters ist und wie es ihm wahrscheinlich in ein paar Jahren gehen wird ohne Lebensstilveränderung. Wir können also auch jüngeren Patienten demonstrieren, was es bringt, mit dem Rauchen aufzuhören.

Zur Umsetzung der kardiovaskulären Prävention empfehlen die Richtlinien neben – je nach individueller Situation – entsprechenden Medikamenten „multimodale Lebensstilintervention“: Aktives und passives Rauchen müssen vermieden werden, Ratschläge für eine gesunde Ernährung sind wichtiger Bestandteil der Prävention, übergewichtigen und adipösen Personen wird dringend eine Gewichtsreduktion empfohlen, und gesunde Personen sollten Alters-unabhängig 2,5 bis 5 Stunden pro Woche bei moderater Intensität (optimal 30 Minuten oder mehr/ Tag) körperlich aktiv sein.

Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, 11. bis 13 Oktober 2012, Hamburg

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