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Belastung mit Trichloramin im Hallenbad
 
Sportmedizin 5. September 2012

Herzstillstand

Neue Studie: Bei Sportlern verläuft ein Stillstand des Herzens viel seltener tödlich.

Menschen, die während oder kurz nach sportlichen Aktivitäten einen Herzstillstand erleiden, haben eine dreimal so hohe Überlebenschance wie Personen, die außerhalb eines sportlichen Zusammenhangs Herzstillstand-Opfer werden. Das zeigen die Auswertungen der ARREST-Studie, die in einer Datenbank alle Reanimations-Einsätze in der Region Amsterdam (Niederlande) und Umgebung mit rund 2,4 Millionen Einwohnern erfasst und auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München präsentiert wurde.

„Körperliche Betätigung ist zweifellos ein besonders guter Beitrag zur Herzgesundheit“, so Dr. Arend Mosterd von der Universitätsklinik Utrecht. „Training kann aber in manchen Fällen auch zum Auslöser für einen tödlichen Herzstillstand werden. Diese Fälle, zum Beispiel bei Fußball-Spielern, führen dann zu Bedenken über den gesundheitlichen Nutzen von Sport.“

Nutzen größer als Gefahr

„Der Nutzen des körperlichen Trainings ist weit größer als die Gefahr, die vom Sport ausgeht“, kommentiert Prof. Dr. Dr. Josef Niebauer, MBA (Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin, Universitätsinstitut für präventive und hehabilitative Sportmedizin der Paracelsus medizinischen Privatuniversität (PMU) Salzburg): „Körperliche Fitness geht mit einer deutlich erhöhten Lebenserwartung, vermindertem Erkrankungsrisiko und schnellerer und vollständigerer Genesung und somit auch besserer Lebensqualität einher. Werden dann auch Angebote der Vorsorgemedizin, die täglich auch von vielen Sportmedizinern durchgeführt werden, in Anspruch genommen, so kann das persönliche Risiko für den Herztod minimiert werden.“

ARREST-Studie

Für die ARREST-Studie wurden alle außerhalb eines Krankenhauses aufgetretenen Fälle von Herzstillstand im Zeitraum 2006 bis 2009 analysiert. Ein zentrales Ergebnis: Jährlich gab es durchschnittlich knapp 50 Fälle von Herzstillstand in einem sportlichen Zusammenhang, das sind 5,8 Prozent aller erfassten Herzstillstand-Fälle.

Insgesamt wurden im Studienzeitraum 145 Fälle von Herzstillstand verzeichnet, die mit sportlichen Aktivitäten in Zusammenhang standen, vorwiegend beim Radfahren (49), Tennis (22), Training im Fitnessstudio (16), oder beim Schwimmen (13). Nur zehn Fälle betrafen Frauen, nur sieben Betroffene waren jünger als 35 Jahre.

Bei sportlichen Personen lag die Überlebensrate bei 45 Prozent und war somit dreimal höher als bei Menschen, die den Herzstillstand in einem anderen Zusammenhang erlitten (15 Prozent). Keiner der Sportler hatte, im Gegensatz zur anderen Patienten-Gruppe, einen schwerwiegenden neurologischen Schadenerlitten.

Ein möglicher Hintergrund dieses Vorteils: Die sportlichen Herzstillstand-Opfer sind nicht nur jünger (58,8 vs. 65,5 Jahre), das Ereignis findet bei ihnen auch häufiger in der Öffentlichkeit statt (99,3 % vs. 25,3 %), wird öfter von Zeugen beobachtet (89 vs. 75,7 %), und bei ihnen wird öfter noch vor dem Eintreffen des Rettungsteams von zufällig Anwesenden Erste Hilfe geleistet, mittels Mund-zu-Mund-Beatmung (86,2 vs. 64,4 %) oder eines öffentlich zugänglichen Defibrillators (35,2 vs. 22,2 %).

Höhere Chancen

„Diese Studie bestätigt und ergänzt Daten früherer Studien, die nachweisen konnten, dass die Wahrscheinlichkeit defibrilliert und auch erfolgreich reanimiert zu werden, in Fitness Centern und auf Golfplätzen am höchsten ist“, so Prof. Niebauer. „Der Einfluss der körperlichen Fitness des Reanimierten wurde dabei nicht untersucht.

Deutlich geht jedoch aus zahlreichen Studien hervor, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit mit der Qualität der Reanimation durch Laien bzw. zufällig Anwesenden steigt und dass sie dann am Erfolgversprechendsten ist, wenn ein Defibrillator zum Einsatz kommt. Da oftmals das Personal in Fitness Centern in der Reanimation geschult ist und sowohl auf Golf- als auch auf Tennisplätzen die Ärztedichte besonders hoch ist, stehen hier die Chancen für eine erfolgreiche Reanimation am höchsten.“

Fitness des zu Reanimierenden

Letztlich ist es aber auch von entscheidender Bedeutung, wie fit der zu Reanimierende ist. Körperlich fitte Menschen überstehen nicht nur Operationen am besten, sondern tolerieren auch die Belastung durch eine Reanimation am besten. Es kann spekuliert werden, dass ein trainierter Körper immer wieder mit Extremsituationen konfrontiert wird und beispielsweise gelernt hat mit Belastungen in Grenzbereichen umzugehen. Auch ist die Regeneration bei Trainierten wesentlich besser als bei Untrainierten und es liegen auch weniger andere gravierende Risikofaktoren oder Erkrankungen vor. Prof. Niebauer: „Wenn es dann doch zu einem Notfall beim Sport in öffentlichen Plätzen kommt, so sind die Voraussetzungen für eine positiv verlaufende Wiederbelebung am höchsten.“

Fitness des Ersthelfers

Der Erfolg vor allem der Herzdruckmassage ist auch davon abhängig, wie fit die Ersthelfer sind. Je fitter die Ersthelfer, desto besser wird die Herzdruckmassage ausgeübt. „Da in Sporteinrichtungen die Wahrscheinlichkeit auf Ersthelfer mit guter körperlicher Fitness zu treffen am höchsten ist, ist auch dies ein begünstigender Faktor für eine erfolgreiche Reanimation“, so Niebauer.

Insgesamt ermutigt die ARREST-Studie, weiterhin großen Wert daraufzulegen, dass möglichst viele Bürger geschulte Ersthelfer sind. Ein Auffrischungskurs in Erster Hilfe, der auch eine Schulung im Umgang mit Defibrillatoren beinhaltet, sollte von möglichst vielen Menschen in Anspruch genommen werden.

Sport möglichst in der Öffentlichkeit betreiben

„Auch sollten Daten wie diese dazu motivieren Sport zu treiben und bei vorbestehenden Erkrankungen den geliebten Sport möglichst nicht alleine und eben möglichst in der Öffentlichkeit auszuüben, sodass in Notsituationen Ersthelfer aber auch professionelle Helfer zur Stelle sein können“, so Prof. Niebauer. „Bedauerliche Todesfälle beim Sport dürfen nicht dazu Anlass geben unsere körperlich viel zu inaktive Gesellschaft vom regelmäßigen körperlichen Training abzuhalten.“

Quelle:
ESC Abstract 3977: Mosterd et al, Exercise related out-of-hospital cardiac arrest: incidence, prognosis and prevention of sudden death

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