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© Birgit Reitz-Hofmann / pantherme
 
Allgemeinmedizin 9. Juni 2012

Neue Leitlinien empfehlen zwei Fischmahlzeiten pro Woche

Ernährungsphysiologisch bieten die Wasserbewohner neben einem hohen Anteil von Omega-3-Fettsäuren auch Vitamin D, Selen und Jod.

Die neuen europäischen Präventionsleitlinien, die beim EuroPrevent in Dublin vorgestellt worden sind, empfehlen zwei Fischmahlzeiten pro Woche, wobei zumindest einmal ein ganzer fetthaltiger Fisch (300 Gramm) verspeist werden soll.

 

Die erste Assoziation zwischen Omega-3-Verbrauch und der Inzidenz von kardiovaskulären Erkrankungen wurde in den späten 1970er-Jahren in epidemiologischen Studien gefunden, als die dänischen Wissenschaftler Hans Olaf Bang und Jorn Dyerberg entdeckten, dass die Inzidenz des Myokardinfarkts bei der dänischen Bevölkerung zehnmal höher war als bei den Inuit-Eskimos in Grönland.

„Zu diesem Zeitpunkt ernährten sich die grönländischen Inuit vor allem von Wal- und Robbenfleisch, das einen außergewöhnlich hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren hat“, so Prof. Dr. Erik Berg Schmidt vom Universitätshospital Aarhus, Dänemark. „Diese Ergebnisse standen im Gegensatz zum Dogma der Zeit, dass tierische Fette schädlich waren und führte zu der Hypothese, dass Omega-3-Fettsäuren Gefäßerkrankungen vorbeugen.“

Die meisten Menschen – ob gesund oder mit kardiovaskulären Erkrankungen – würden denn auch vom regelmäßigen Verzehr von fettem Fisch profitieren, heißt es in der EACPR-Mitteilung (European Association for Cardiovascular Prevention and Rehabilitation) zum Kongress EuroPRevent 2012 in Dublin. Dabei sind die langkettigen mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) in Meeresfischen wie Lachs, Makrele, Hering, Forelle oder Sardinen von Bedeutung. „Omega-3-Fettsäuren sind sehr wichtig für die menschliche Gesundheit, egal ob Sie über die kardiovaskuläre Gesundheit, das Gehirn oder das Immunsystem sprechen“, sagte Philip Calder, Biochemiker und Ernährungswissenschaftler von der Universität von Southampton, Großbritannien.

Positive Studien zu Fischöl

Wissenschaftliche Hinweise auf den Nutzen der Omega-3-Fettsäuren im kardiovaskulären Bereich kommen aus Interventionsstudien in der Sekundärprävention. Dazu gehören:

  • GISSI-Prevenzione: Die „Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravvienza nell’Infarto“ von 1999 hatte 11.324 Patienten nach Myokardinfarkt aufgenommen. Es ergab sich, dass marine Omega-3-Fettsäuren (885 mg EPA + DHA pro Tag) das Risiko für den kombinierten primären Endpunkt von Tod und einem nicht tödlichen kardiovaskulären Ereignis um 15 Prozent senkten (The Lancet 1999, 354, 447).
  • DART – „Diet and Reinfarction Trial“ von 1989: Darin hatten 2.033 Männer, die einen Myokardinfarkt erlitten hatten, eine 29-prozentige Reduktion der Mortalität aller Ursachen, wenn bei ihnen eine Beratung stattgefunden hatte, zweimal in der Woche fetten Fisch (300 g) zu essen oder Fischölkapseln mit einer gleichwertigen Menge von mariner Omega-3-Fettsäuren zu sich zu nehmen (The Lancet 1989, 344, 757).
  • JELIS: In dieser Studie von 2007 erhielten 18.645 japanische Patienten mit Hypercholesterinämie, mit oder ohne vorbestehender koronarer Herzkrankheit langfristig 1,8 Gramm gereinigtes EPA täglich. Dadurch wurde das Risiko des kombinierten primären Endpunktes von Tod und nicht tödlichen kardiovaskulären Ereignissen um 15 Prozent gesenkt (The Lancet 2007, 369, 1090).

Im Jahr 2010 kein Nutzen reproduzierbar

Drei weitere große klinische Studien aus dem Jahre 2010 (Alpha Omega, Omega und SUFOLOM3) waren jedoch nicht in der Lage, ein solches Ergebnis zu reproduzieren, so dass Omega-3-Fettsäuren in Nahrungsergänzungsmitteln (Fischölkapseln) nicht zur Verhinderung von kardiovaskulären Erkrankungen empfohlen werden konnten. Was bleibt, ist die wissenschaftlich gesicherte Empfehlung, Fisch als Bestandteil der Nahrung zu konsumieren und davon berechtigterweise einen Schutzeffekt zu erwarten.

Neue Leitlinien und Empfehlungen

Die neuen Europäischen Leitlinien zur Herz-Kreislauf-Prävention (EHJ 2012. Doi: 10.1093/eurheartj/ehs092), die beim Kongress Euro-PRevent 2012 vorgestellt wurden, empfehlen, Fisch mindestens zweimal in der Woche zu essen. Eine dieser Mahlzeiten sollte aus einem ganzen marinen Fisch (300 Gramm) bestehen. Der gesundheitliche Nutzen dieser Empfehlung liege auch darin, dass Fisch Vitamin D, Selen und Jod enthält.

Für Menschen, die keinen Fisch mögen und sich für Nahrungsergänzungen aus Fischölkapseln entscheiden, sei es dann allerdings am besten, Fischöl in pharmazeutischer Qualität zu sich zu nehmen, da nicht alle über den Ladentisch erhältlichen Präparate die gleiche Dosis der Fettsäuren enthalten, hieß es in Dublin. „Wir haben keinen endgültigen Beweis, dass die Vorteile durch den Verzehr von Fisch aus der Omega-3-Fettsäure kommen“, sagte Daan Kromhout von der Universität Wageningen, Niederlande.

Eine neue dänische Kohortenstudie aus Aalborg hatte untersucht, ob der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren im menschlichen Fettgewebe in Beziehung zur Häufigkeit des Myokardinfarkts stehe. Wurde in der Biopsie – entnommen aus dem Gesäß von 57.053 Personen – wenig Omega-3-Fettsäuren gefunden, stieg die Häufigkeit des Myokardinfarkts (Circulation 2011, 124, 1232). „Diese inverse Beziehung bedeutet aber nicht, dass der Verzehr von Fisch bei gesunden Menschen bereits einen Effekt auf die kardiovaskuläre Gesundheit hat. Um das wissenschaftlich zu belegen, wären zu große Teilnehmerzahlen in einer Studie erforderlich“, erklärte Kromhout. Der einzige Weg, um für die Primärprävention etwas aussagen zu können, bestehe darin, Auswirkungen auf intermediäre Endpunkte zu untersuchen. So habe etwa in Studien gezeigt werden können, dass Omega-3-Fettsäuren die Pulswellengeschwindigkeit um durchschnittlich 33 Prozent verlangsamen, was für eine Reduktion der arteriellen Steifigkeit spricht.

Experimentelle Studien mit Fischöl

Experimentelle Studien von Calder und Kollegen hatten ergeben, dass der Einbau von EPA in fortgeschrittene Plaques die Expression verschiedener Matrix-Metalloproteinasen (MMP) verringert. Diese Proteine sind in die Ausdünnung einer Plaque-Kappe involviert, dem unmittelbaren Auslöser einer Plaqueruptur, die zum Herzinfarkt führen kann. Ferner lassen sich antiarrhythmische Wirkungen zeigen. Membranphospholipide werden verrin-gert, was die elektrische Erregbar- keit beeinflusst und die Aktivität von Ionenkanälen (Natrium, Kalium und Kalzium) moduliert. Omega-3-Fettsäuren sind schließlich potente Triglycerid-senkende Mittel.

 

Die EuroPRevent 2012 wird von der European Association for Cardiovascular Prevention and Rehabilitation (EACPR), einem Zweig der European Society of Cardiology (ESC) organisiert.

springermedizin.de/KK

, Ärzte Woche 23 /2012

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