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Über 70 Prozent der Zervixkarzinome und deren Vorstufen werden durch chronische Infektionen mit den HPV-Typen 16 und 18 hervorgerufen.
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Prof. Dr. Alain Gustave Zeimet
Präsident der Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie (AGO) der OEGGG, Stellvertretender Leiter der Innsbrucker Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

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Prof. Dr. Christian Marth
Präsident der OEGGG, Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

 

OEGGG: HPV-Impfung rechnet sich

Gynäkologen schlagen Alarm: Österreich ist Schlusslicht bei HPV-Impfung in Europa.

Die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) fordert, dass ein finanziertes Impfprogramm gegen HPV (humane Papillomviren) für alle zwölfjährigen Mädchen in Österreich implementiert wird: Studien und internationale Erfahrungen würden zeigen, dass die Krankheitslast in der Bevölkerung und folglich auch entsprechende Behandlungskosten damit effektiv gesenkt werden können.

 

Etwa 60.000 Mal im Jahr erhalten Frauen in Österreich die Nachricht, dass ihr PAP-Abstrich einer weiteren Abklärung bedarf. Bei 5.000 bis 6.000 Österreicherinnen werden Krebsvorstufen im Bereich des Muttermundes gefunden, die Konisationen erforderlich machen, die in der Folge im Fall einer Schwangerschaft das Risiko von Frühgeburten und die Kaiserschnittraten auf das Zwei- bis Dreifache erhöhen. Für rund 400 Frauen steht schließlich die Diagnose fest: invasives Zervixkarzinom – für 40 Prozent von ihnen wird diese Erkrankung tödlich enden.

Primäre Prävention

„Dieser Tumor bringt jedes Jahr in Österreich etwa 140 Frauen um“, stellt OEGGG-Präsident Prof. Dr. Christian Marth klar. „Das ist etwa gleich viel wie die Anzahl von Todesfällen im Straßenverkehr.“ Marth hat gemeinsam mit Prof. Dr. Alain Gustave Zeimet, Präsident der AGO (Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie) eine Pressekonferenz einberufen, um auf ein gesundheitspolitisches Versäumnis aufmerksam zu machen: Mit der HPV-Impfung könnten 70 Prozent der Zervixkarzinome verhindert werden, sagen die Experten. In Kombination mit regelmäßigen PAP-Abstrichen wären die Gebärmutterhalskrebserkrankungen fast vollständig vermeidbar. Aber: „Wir haben wirklich die eigenartige Situation, dass es eine Impfung gegen Krebs gibt, und niemand geht hin.“

Unter fünf Prozent geimpft

Die OEGGG fordert nun ein staatlich gefördertes oder finanziertes HPV-Impfprogramm, damit die Möglichkeit der Primärprävention von HPV-induzierten Erkrankungen in Österreich von der Bevölkerung auch wirklich genutzt wird. Zwar seien keine offiziellen Zahlen bekannt, aber Marth schätzt, dass weniger als fünf Prozent, „wahrscheinlich zwei Prozent der Zielgruppe“, hierzulande geimpft sind – im Vergleich mit den 80 Prozent in England ein kleiner Bruchteil. Und das, wo die Briten bekanntlich strenge Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellten, bevor sie medizinische Interventionen fördern. „Wenn die Engländer impfen, dann ist es kosteneffektiv“, bringt es auch Zeimet auf den Punkt: „Wenn die gesagt hätten, wir impfen nicht, ich hätte es verstanden, aber dass jetzt wir in Österreich sagen, wir finanzieren es nicht, das kann ich nicht verstehen.“ Der geborene Luxemburger steht auch mit Kollegen in seinem Heimatland in Verbindung und tut sich schwer damit, die österreichische Position zu erklären: „Die greifen sich an den Kopf und fragen: Wie gibt es denn so etwas? Lebt ihr da hinter dem Mond?“

Kosteneffizienz in Österreich

Es liegen zwei Analysen zur Kosten-Effizienz der HPV-Impfung in Österreich vor: ein HTA-Bericht und ein Bericht von Prof. M. Kundi (Value in Health 2009; 12 [7]: A274-A274). Der HTA-Bericht liefert ungewöhnlich hohe Kosten pro gewonnenem Lebensjahr der geimpften Personen im Vergleich mit anderen europäischen Berechnungen. Der Grund dafür liegt offenbar in der Auswahl der Modellparameter. Der Bericht von Kundi kommt hingegen zu einem ähnlichen Ergebnis wie in anderen Ländern. Bei 85 Prozent der geimpften zwölfjährigen Mädchen reduziert sich demnach die Sterberate um 64 Prozent und die Anzahl der Neuerkrankungen um 69 Prozent. Zudem könnten die Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs um bis zu knapp 50 Prozent gesenkt werden. „Jede seriöse Kosten-Nutzen-Relation muss die Kostenersparnis durch die zu erwartende Reduktion der jährlich anfallenden Konisationen berücksichtigen“, fordert Marth. Die Einführung eines HPV-Impfprogrammes wäre dann auch in Österreich kostensenkend.

Stand der Sicherheitsdebatte

Unerwünschte Reaktionen, die nach der Impfung auftreten können, sind hauptsächlich lokale Hautirritationen, in seltenen Fällen auch einmal Fieber. Viele Eltern zögern aber, ihre Töchter impfen zu lassen, nachdem in der ersten Zeit, als die Impfung verfügbar war, ein Mädchen nach der Immunisierung gestorben war. „Wir wissen heute, nachdem 100 Millionen Dosen an Impfstoff verabreicht worden sind, dass es keinen Zusammenhang gibt mit der Zunahme an unerklärlichen Todesfällen“, so Marth. „Sowohl die AGES als auch alle internationalen Gesellschaften wie die FDA zum Beispiel, die diese Impfungen überprüft haben, geben keinerlei Sicherheitswarnungen hinaus und empfehlen definitiv die Durchführung der Impfung.“

Ohne Alterslimit nach oben

Die Impfung wird vor Eintritt in das sexuell aktive Alter empfohlen. Neu ist, dass es kein Alterslimit nach oben mehr gibt, da die Impfung vor neuen Infektionen unabhängig von der sexuellen Aktivität schütze. „Wir fordern die Verabreichung der HPV-Impfung bei Mädchen ab dem 9. Lebensjahr. Primäre Zielgruppe sind junge Mädchen und Frauen, die HPV-naiv sind und noch nie Geschlechtsverkehr hatten“, so Marth, „aber auch ältere Frauen profitieren davon, da eine natürliche Infektion im Gegensatz zu einer Impfung nicht vor einer neuerlichen Infektion schützt.“

Vorzeigemodell Australien

Mittlerweile wurde die HPV-Impfung in das Impfprogramm von über 80 Ländern aufgenommen. In den USA ist sie in vielen Bundesstaaten gesetzlich vorgeschrieben, in Australien sind rund 80 Prozent der Mädchen und Frauen im Alter zwischen elf und 26 Jahren geimpft. Australien ist auch das Vorzeigemodell in Sachen HPV-Immunisation: Nach nur einem Jahr kam es zu einer Reduktion der Kondylome bei jungen Frauen um 50 Prozent und bei den nicht geimpften heterosexuellen Männern um 20 Prozent. OEGGG/PH

 

Quelle: Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) am 7. März 2012 in Wien.

Indikation zur HPV-Impfung

„Der größtmögliche individuelle Nutzen wird durch Impfung vor Eintritt in das sexuell aktive Alter erzielt (9 bis 15 Jahre). Auch bei sexuell aktiven Frauen und Männern ist die Impfung besonders sinnvoll. Nach durchgemachten Infektionen oder HPV-Erkrankungen schützt die Impfung vor neuen Infektionen, es gibt keine obere Altersgrenze bei Frauen und Männern (siehe EMA Bestimmung 2012).
Wenn ein Impfstoff verwendet wird, der auch vor Kondylom-verursachenden Viren schützt, haben besonders Buben/Männer einen persönlichen Vorteil. Zur Unterbrechung der Infektionskette ist die Impfung von Personen beiderlei Geschlechts wichtig.
Eine HPV-Testung vor der Impfung wird nicht empfohlen.
Das Vorliegen einer Schleimhautläsion im Genitalbereich ist kein Ausschlussgrund für die Impfung, bedarf aber einer individuellen Aufklärung über den möglicherweise eingeschränkten Nutzen der Impfung.
Die gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen mit Abstrich (Pap-Abstrich) und ev. notwendige Behandlungen müssen ungeachtet der Impfung in den empfohlenen Abständen weiterhin durchgeführt werden.“


Quelle: Impfplan Österreich 2012
www.bmg.gv.at

  • Herr Franz Sokrates, 22.03.2012 um 19:15:

    „Nein, nein, wir leben nicht hinter dem Mond, wir sind nur mißtrauisch. Kein Wunder, wenn man immer wieder über die häufigen pekuniären Verquickungen zwischen Wissenschft und Industrie hört. Es gibt viel zu oft die sogenannten "Mietmäuler".“

  • Herr Prof Dr E. Peter Leinzinger, 28.03.2012 um 12:58:

    „Wer zahlt die Impfung im Ausland, wer kann sich bei uns die 3 Impfungen leisten. Kosten/Nutzenrechnung muß man einem Vater mit z. B. 2 Töchtern klarmachen, wenn er nur 1.200 € verdient!“

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