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Die Lifestyle-Kartei berücksichtigt alle wesentlichen Aspekte des Lebens, von individuellen sozialen und beruflichen Umständen bis hin zu Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten.
 
Allgemeinmedizin 25. März 2009

Lifestyle-Kartei für das Wartezimmer

Fragebogen verhilft dem Patienten zu mehr Eigenreflexion über seine Lebensweise und dient dem Arzt als Gesprächsleitfaden.

Die Frauenärztin Dr. Maria Hengstberger ist durch ihr langjähriges unermüdliches Engagement in der Dritten Welt weithin bekannt (siehe Kasten 1). Damit nicht genug, setzt sich Hengstberger auch für Patienten hierzulande ein. Gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrich Kropiunigg, Medizinische Psychologie, Medizinische Universität Wien, hat sie mit der sogenannten „Lifestyle-Kartei“ einen Fragebogen für das Wartezimmer niedergelassener Ärzte entwickelt (Kasten 2).

Im Gespräch mit der Ärzte Woche erklärt Dr. Maria Hengstberger Sinn und Zweck der Lifestyle-Kartei. Als Vorlage für diesen Fragebogen diente das Bild vom „Schutzhaus für Ihre Gesundheit“, das als visuelle Hilfe im kürzlich im Springer Verlag erschienenen Buch „Gynäkologie von Frau zu Frau“ vorgestellt wurde.

Die Kartei kann in jedem Wartezimmer aufgelegt werden, eignet sich jedoch aus Zeitgründen ganz besonders für Wahlarztordinationen. Die Beantwortung des Fragebogens soll das ganzheitliche Denken von Arzt und Patient sowie ihre Kommunikation miteinander erleichtern.

 

Warum haben Sie für die Lifestyle-Kartei ein Schutzhaus als Symbol verwendet?

HENGSTBERGER: Das Haus ist das Symbol für das eigene „Ich“. Manchmal sind wir total „aus dem Häuschen“ oder wir erleben Menschen, die total „außer sich sind“ – vor Wut, vor Ärger … wie auch immer, weil sie ihr Zuhause verloren haben, ihre Geborgenheit, ihre innere Ordnung. Wenn Stress und Probleme uns das Leben schwer machen, sollte das Zurückfinden zu sich selbst, das „In sich ruhen“ gleichsam zu einem Reflex werden.

Wenn wir aber so richtig „außer uns“ sind, dann haben wir keinen Zugang mehr zu hilfreichen Denkstrategien und dem intuitiv erworbenen Basiswissen für unsere Gesundheit. Wer denkt in Stresssituationen schon an gesunde Ernährung, an die Notwendigkeit von Bewegung, an Selbstwertgefühl und Abgrenzung? Wer denkt schon daran, wie wichtig es ist, wieder einmal loszulassen? Ein kleiner Trick kann hilfreich sein: Das Bild vom Lebenshaus kann in unserem Unterbewusstsein gespeichert werden, in schwierigen Zeiten Schutz bieten und auch dann an die Umsetzung eines bewussten Lebensstils erinnern, wenn gerade kein Fragebogen zur Hand ist.

 

Was soll dieses Symbol vermitteln?

HENGSTBERGER: Das schützende Dach des Hauses symbolisiert Selbstbewusstsein. Welchen Unwettern ist es oft ausgesetzt! Die tragenden Mauern des Hauses lassen auf einen Blick die wichtigsten Voraussetzungen erkennen, die ein gesunder Körper braucht: regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und reichlich Kraft aus der Natur, die unsere größte Energietankstelle sein sollte. Die großen Bäume neben dem Haus symbolisieren die Beziehung zu unseren Mitmenschen. Es ist wichtig, manchmal darüber nachzudenken, wie wichtig diese Beziehung für unsere Gesundheit ist! Auch die Regenwolken über dem Haus, z. B. die Anlage zu erblichen Erkrankungen, können dem Betroffenen weniger anhaben, wenn er sich rechtzeitig durch eine gezielte Vorsorge schützt.

Im Wohnzimmer des Hauses wohnen die persönlichen Gedanken und Gefühle. Man muss sich wohlfühlen, um gesund zu bleiben. Und man sollte sein Leid und seine Probleme regelmäßig verarbeiten. Wenn wir aus dem Haus treten, dann sollten sich die dicken Rauchschwaden aus dem Schornstein zum Wort „Loslassen“ formen.

Auch das Unterbewusstsein und die Einstellung zu Spiritualität haben einen wichtigen Einfluss auf Ihre Gesundheit. Die Seele denkt in Bildern. Meine Aufforderung an den Patienten lautet daher: „Machen Sie aus Ihrem Lebenshaus ein ‚Schutzhaus gegen Krankheit und Krebs’. Lassen Sie sich so schnell nicht mehr ‚aus dem Häuschen’ bringen. Nützen Sie den nächsten Vorsorgetermin bei Ihrem Arzt oder Ihrer Therapeutin, um wieder einmal gründlichen Hausputz zu machen. Verwenden Sie den Schutzhausfragebogen als Besprechungsgrundlage, denn mit dieser persönlichen Fleißaufgabe fällt es Ihrem Arzt sicher leichter, ganzheitlich die richtige Diagnose zu erstellen.“

 

Warum halten Sie das Ausfüllen dieses Fragebogens für so wichtig?

HENGSTBERGER: Mir geht es primär darum, dass der Fragebogen in Form eines Vorgespräches in Diagnostik und Therapie einbezogen wird und die Patienten auf das ganzheitliche und präventive Denken hingeführt werden.

 

Welche therapeutischen Konsequenzen können sich aus den Antworten ergeben?

HENGSTBERGER: Die meisten Ärzte haben Lebensberater, Psychologinnen und Psychotherapeuten zur Seite, denen sie bestimmte Fälle überweisen. Die Erkennung dieser Fälle kann jedoch oft sehr schwierig sein. Relativ einfach ist es, wenn eine Frau mit diagnostizierter Ovarialzyste kommt, weil sich Stresssituationen bekanntermaßen auf den Hormonhaushalt auswirken. Aber wenn eine Frau mit Schmerzen im Unterbauch kommt, kann man sie nicht einfach fragen, ob sie Probleme mit der Familie hat. Wenn man jedoch einer Patientin gezielt die Möglichkeit gibt, über ihre Grundsituation nachzudenken, ist das anders. Ich gehe sogar so weit, dass ich die Patienten nicht gleich drannehme, wenn sie den Fragebogen noch nicht ausgefüllt haben. Außer sie wollen das explizit nicht – das hat es aber bis jetzt bei mir noch nicht gegeben.

 

Stimmt es, dass durch das Ankreuzen der Antworten die Erwartungshaltung im Patienten geweckt wird, darauf angesprochen zu werden?

HENGSTBERGER: Genau so ist es. Mir haben schon viele Patienten gesagt: „Ich hätte mich das nie zu sagen getraut, aber es ist schön, dass Sie sich die Zeit nehmen.“ Ich antworte den Leuten meistens, wie wichtig es ist, dass wir mit unseren Gedanken und Gefühlen direkt an unsere Gesundheit herankommen. Denn erwiesenermaßen können wir uns mit unseren Gedanken und Gefühlen krank oder gesund machen. Meistens gehen die Patienten motiviert aus der Praxis und versuchen, ihre Gedanken besser unter Kontrolle zu bekommen. Ich glaube, dass man Denkstrategien genauso schulen wie die Muskulatur trainieren kann.

 

Was machen Sie konkret mit den Patienten?

HENGSTBERGER: Ich frage, ob man dieses oder jenes Problem nicht angehen sollte. Viele antworten: „Naja, ich war schon bei einem Therapeuten, aber der hat mir nicht gegeben, was ich wollte.“ Ich kooperiere mit drei Therapeutinnen, die verschiedene Richtungen verfolgen, von Partnertherapie bis zur Leidbewältigungstherapie. Ein anderer Aspekt ist, dass ein Patient anhand des Fragebogens klar erkennt, wie ungesund er lebt. Er betreibt weder Sport noch trinkt er genug Wasser noch ernährt er sich richtig, etc. Es sind einfach die Eckpunkte des Lebens angekreuzt, und das auf einen Blick. Man hat damit ein Zeugnis in der Hand, das aufzeigt, wo etwas zu tun wäre. Die Patienten sprechen darüber mit mir und gehen dann oft mit guten Vorsätzen nach Hause.

 

Werden diese Vorsätze dann auch in die Tat umgesetzt?

HENGSTBERGER: Angeregt durch die „schlechten Noten“ nehmen sich viele Patienten diesen Fragebogen mit, machen ein paar Kopien davon und füllen diese in gewissen Abständen aus – zur Eigenkontrolle, was sie in welchem Ausmaß verändern können. Viele Leute kommen nach drei, vier Monaten und sagen mir, dass ihnen das geholfen hat. Eine Wahlärztin in meiner Praxisgemeinschaft unterstützt beispielsweise übergewichtige Frauen, indem ich sie bezüglich Ernährung berät, Nordic Walking-Kurse organisiert etc. Ich mache Empowerment und motiviere. Die Lifestyle-Kartei ist dafür eine gute Gesprächsgrundlage.

 

Das Gespräch führte Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

Kasten 1:
Aktion Regen
AKTION REGEN ist eine von der Frauenärztin und Entwicklungshelferin Dr. Maria Hengstberger im Jahr 1989 gegründete österreichische Hilfsorganisation. Tätigkeitsschwerpunkte sind der Aufbau von Gesundheitszentren und Kliniken in den Entwicklungsländern und die Förderung von speziellen Frauenprojekten. Bekannt wurde die Initiative unter anderem durch die von Dr. Hengstberger entwickelte Geburtenkontrollkette, die es auch Analphabeten in Entwicklungsländern, wo es kein Geld für Verhütungsmittel gibt, ermöglicht, ihre fruchtbaren und unfruchtbaren Tage zu kennen. In bereits 30 Ländern der Erde werden von verschiedenen Entwicklungshilfeorganisationen Geburtenkontrollketten verteilt und in Eigeninitiative in anderen Ländern nachgebastelt. Unter fachärztlicher Leitung von Dr. Hengstberger werden weltweit Seminare für Entwicklungshelfer unter dem Motto „Education – Motivation – Innovation“ gehalten. Gelehrt wird, wie man aufklärt, motiviert und neue Methoden der Familienplanung praxisgerecht einsetzt und einer Aidserkrankung vorbeugen könnte.
Nähere Informationen: AKTION REGEN, Tel. +43-1-720 66 20 (Mo-Fr 8-12 Uhr), e-mail: , Internet: www.aktionregen.at, Spenden: Dauerauftragsformular zum Download über die Website oder auf das Konto: Erste Bank KTO. 037-25200, BLZ 20111, IBAN: AT302011100003725200, BIC: GIBAATWW
Kasten 2:
Vorteile der Lifestylekartei
Rückmeldungen von Ärzten und Patienten:
• Ermöglicht ganzheitliche Prävention vor Früherkennung
• (z.B. gynäkologischer Krebsabstrich, Kontrolle ist bereits eine Früherkennung, akute gesundheitsgefährdende Gewohnheiten werden erkannt)
• Mehr Chancen für den Praxisaufbau eines Wahlarztes - Entlastung der Kassenärzte
• (Viele Patienten bezahlen gerne mehr Honorar für mehr Leistung, mehr Zeit, mehr ganzheitliche Beratung)
• Gute Gesprächsgrundlage, besonders für ängstliche, vergessliche oder schüchterne Patientinnen
• Gesundheit und Lebensstil im Überblick auf einer Seite – „schwarz auf weiß“
• Bild motiviert zum Ausfüllen eines Fragebogens eher (Schutzhausstrategie ist derzeit auch als Schulprojekt in Ausarbeitung von Schulärzten und Pädagogen)
• Ausnützung der Wartezeit in der Ordination zur Selbstreflexion und Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit
• Rechtzeitiges Erkennen einer oft dringend notwendigen Gesprächstherapie
• Fördert die Arzt-Patientenkommunikation. Motivation zu neuen, gesundheitsfördernden Maßnahmen (mehr Bewegung, weniger rauchen, …)
• Monatliche Selbstkontrolle ist möglich – Anlegen einer Gesundheitsmappe mit persönlichen Eintragungen fördert Selbstbeschäftigung mit der eigenen Gesundheit.
• Rechtzeitiges Erkennen von psychosozialen Gefährdungspotenzial
• Motivation zu Stressbewältigungsstrategien (autogenes Training, Joga, neue Bewegungsgewohnheiten, etc.)
• Gute Grundlage für die Ausarbeitung wissenschaftlicher Studien für Manifestation neuer medizinischer Erkenntnisse, z.B. Zusammenhang Stress-Ovarialzysten
• In Leid- und Problemsituationen Erkennung von Ressourcen auf einen Blick
Die Lifestyle-Kartei erhalten Sie über AKTION REGEN; freiwillige Spenden erbeten.

Die Lifestyle-Kartei berücksichtigt alle wesentlichen Aspekte des Lebens, von individuellen sozialen und beruflichen Umständen bis hin zu Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten.

Foto: Wetzstein

Dr. Maria Hengstberger Frauenärztin und Entwicklungs-helferin

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