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Foto: ©iStockphoto.com/the_guitar_mann
 
HNO 26. April 2011

Wie ist Lärm aus ärztlicher Sicht konkret zu beurteilen?

Vor kurzem erschien die Richtlinie „Wirkungen des Lärms auf den Menschen – Beurteilungshilfen für den Arzt“.

Der „Tag gegen Lärm“ findet heuer am 27. April statt. Ein guter Grund also, den Österreichischen Arbeitsring für Lärmbekämpfung und dessen neue Richtlinie „Die Wirkungen des Lärms auf den Menschen – Beurteilungshilfen für den Arzt“ vorzustellen.

 

Der Österreichische Arbeitsring für Lärmbekämpfung (ÖAL) wurde im Jahre 1958 gegründet. „Sein Hauptziel liegt in der interdisziplinären Behandlung von Lärmfragen“, erklärt Präsident Ing. Werner Talasch, hauptberuflich Mitarbeiter der Wiener Umweltschutz-Abteilung. Das komplexe Thema „Lärm“ werde daher aus technischer, medizinischer und rechtlicher Sicht betrachtet. Talasch: „Der Stand des Wissens in diesen Disziplinen wird durch die in der Praxis stehenden Mitarbeiter laufend aktualisiert und vom ÖAL dokumentiert und verbreitet, etwa in Form von Richtlinien. Angesichts der Tatsache, dass die Lärmbekämpfung in Österreich über keine Lobby verfügt, ist die durch den ÖAL geleistete Arbeit von besonderer Bedeutung.“

Lärm als Krankmacher

Die erste ÖAL-Richtlinie, die sich mit der medizinischen Bewertung von Lärm befasste, erschien 1968. Im Jahr 1991 kam dann die ÖAL-Richtlinie Nr. 6/18 mit dem Titel „Die Wirkungen des Lärms auf den Menschen – Beurteilungshilfen für den Arzt“ heraus. „Seither wurden zahlreiche wichtige Studien und Metaanalysen über die Auswirkungen von Lärm auf den menschlichen Organismus publiziert“, betont Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene, Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Es war daher an der Zeit, speziell die Kapitel „Extraaurale Wirkungen des Schalls“ und „Richtwerte“ zu aktualisieren. Die Neubearbeitung erfolgte durch eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Hutter, die sich zu insgesamt 15 Sitzungen traf.

Die überarbeitete Richtlinie gibt einen Überblick über die vielfältigen Effekte von Lärm wie Kommunikationsstörungen, Schlafstörungen, Störungen der Physiologie (z. B. Stoffwechselveränderungen), kardiovaskuläre Effekte, mentale Störungen, Auswirkungen auf Konzentration, Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit, Belästigung und soziale Beeinträchtigungen (etwa Abnahme sozialer Kontakte).

Laut Richtlinie erlauben die Ergebnisse epidemiologischer Studien den Schluss, dass „chronisch lärmbelastete Personen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen haben“. So sei etwa davon auszugehen, dass bei straßenverkehrsbedingten Lärmpegeln von über 60 dB (tagsüber) das Herzinfarktrisiko ansteigt. Nachts ist die Gesundheit bereits bei niedrigeren Pegeln gefährdet (siehe auch Ärzte Woche 16/2010).

Lästige Geräusche

Zum schwierigen Thema „Belästigung durch Lärm“ hält die Richtlinie u. a. fest: „Für den Grad der Belästigung spielen neben den akustischen Eigenschaften des Geräuschs die jeweilige Situation und die dabei ausgeführte Tätigkeit sowie die spezifische Erlebensweise der Betroffenen eine Rolle. Besondere Belästigungswirkungen durch akustische Faktoren können messtechnisch durch Parameter wie Spitzenschallpegel, zeitliche Verteilung oder Frequenzanalyse erfasst und durch eine entsprechende medizinische Beschreibung (Tonhaltigkeit, Impulshaltigkeit, Informationsgehalt) in der ärztlichen Beurteilung berücksichtigt werden. Als weitere Faktoren, welche das Erleben einer Lärmstörung mitbestimmen, sind u. a. noch folgende Einflussparameter zu nennen: Zeitpunkt des Auftretens (Tag/Nacht) des Geräusches, regelmäßiges oder unregelmäßiges Auftreten, Vorhersehbarkeit, Lokalisierbarkeit, Vermeidbarkeit sowie die psychische und physische Befindlichkeit der Betroffenen.“ Diese Einflüsse sowie die Gesamtumstände der zu beurteilenden Situation müssen bei der Erstellung von medizinischen Gutachten berücksichtigt werden, wie es in der Richtlinie heißt.

Das Verfassen lärmmedizinischer Gutachten sei beinahe eine eigene Wissenschaft, erläutert Hutter, die Tätigkeit werde häufig unterschätzt. Es genüge nicht, die zu beurteilenden Schallimmissionen einfach mit den Richtwerten zu vergleichen, wie auch in der Richtlinie betont werde. Vielmehr müsse immer der konkrete Einzelfall in allen seinen Facetten (Charakter des Geräusches, Umgebungsgeräusche etc.) beurteilt werden.

Erfahrungswerte

Auffällig sei auch, so der Umweltmediziner, dass (teure) Gutachten von in der Lärmbeurteilung unerfahrenen Universitätsprofessoren nicht selten ein deutlich niedrigeres Niveau aufweisen als Stellungnahmen von Amtsärzten mit zum Teil jahrzehntelanger Erfahrung.

Ziel: Einheitliche Begutachtung

„Insgesamt ist es uns ein Anliegen, dass die lärmmedizinische Begutachtung in Österreich weniger uneinheitlich wird“, betont Hutter. Derzeit komme es auf der einen Seite vor, dass gerichtlich beeidete Sachverständige behaupten, langjährige Lärmbelastung habe keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit (abgesehen von Lärmschwerhörigkeit). Auf der anderen Seite gebe es auch Ärzte, die selbst bei praktisch nicht wahrnehmbaren Schallimmissionen von einer Gesundheitsgefährdung sprechen. Hutter: „Ich hoffe daher, dass die neue Richtlinie vermehrt als Orientierungshilfe und grundlegende, wissenschaftlich fundierte Basis für eine medizinische Bewertung herangezogen wird.“

 

Kostenloser Download der ÖAL-Richtlinie Nr. 6/18 „Die Wirkungen des Lärms auf den Menschen – Beurteilungshilfen für den Arzt“ kann (aufgrund der Unterstützung des Lebensministeriums) unter:

www.oal.at

www.lärminfo.at

www.laermmachtkrank.at

www.hoerstadt.at

Von Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 17 /2011

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