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Ao. Prof. Dr. Ralf Geiger Universitätsklinik für Pädiatrie III (Kardiologie, Allergologie, Zystische Fibrose) Medizinische Universität Innsbruck

 

Dicke Kinder bewegen sich wenig: Was ist Henne? Was ist Ei?

Bewegungsmangel kann zwar Übergewicht hervorrufen, andererseits aber auch durch Übergewicht verstärkt werden („reverse causation“). Ursache und Wirkung lassen sich aus wissenschaftlich-methodischen Gründen nur schwer auseinanderhalten.

Kinder, egal ob übergewichtig oder nicht, unterliegen einem biologisch bedingten, natürlichen Bewegungsdrang. Übergewicht entsteht in einem äußerst komplexen Netzwerk zahlreicher Einflussfaktoren, wie in der Abbildung dargestellt.

 

Die WHO empfiehlt allen Kindern „mindestens eine Stunde körperliche Bewegung mittlerer bis hoher Intensität pro Tag“. Weniger als die Hälfte aller Kinder verhält sich tatsächlich so. Unter den Elfjährigen befolgen gerade einmal 26 Prozent die Empfehlungen – unter den 15-Jährigen nur mehr 16 Prozent. Dies gilt für die allermeisten Länder (Currie C 2008).

Verhältnis von Bewegung zu BMI

Die meisten Studien zeigen eine negative Korrelation zwischen körperlicher Aktivität und dem Body Mass Index (BMI). Berücksichtigt man aber weitere Einflussfaktoren wie Medienkonsum, Sozialstatus, Ernährungsverhalten etc, so verringert sich der Grad der Korrelation deutlich und ist in einigen Studien gar nicht mehr nachweisbar. Auch in Beobachtungsstudien besteht nur mehr ein vager Zusammenhang zwischen dem BMI und dem Bewegungsverhalten. Dies mag unter anderem damit zusammenhängen, dass weder der BMI als Indikator für den Körperfettanteil noch Fragebögen zur Erfassung von körperlicher Aktivität im Kindesalter geeignet sind (Robert Koch-Institut 2008, BZgA 2008, Hu 2008, Commitee report 2008).

Methodik entscheidend

Die Verwendung von Akzelerometern lässt prinzipiell eine bessere Einschätzung von Bewegungsausmaß und -intensität zu, unterliegt aber ebenfalls Fehleinschätzungen, da bestimmte Bewegungsarten wie z.B. Schwimmen oder Fahrradfahren nicht oder nur unzureichend erfasst werden. DXA-Scanner lassen eine bessere Beurteilbarkeit der Fettmasse auch bei Kindern erwarten.

Übergewicht/Bewegungsmangel

Lediglich in zwei Studien wurde bisher der Zusammenhang zwischen Übergewicht bzw. dem Körperfettanteil und körperlicher Aktivität bei Kindern mit für diese Fragestellung geeigneten Methoden untersucht (Kwon S 2010, Metcalf BS 2010). Die Autoren beider Studien kommen übereinstimmend zum Schluss, dass Übergewicht im Alter von sieben bzw. acht Jahren einer verringerten körperlichen Aktivität mit elf Jahren vorausgeht. Dies stimmt mit den Ergebnissen der fünf bisher veröffentlichten Studien gleicher Methodik bei Erwachsenen überein. Die absolute Verminderung des Bewegungsausmaßes pro Tag von drei bis vier Minuten erscheint auf den ersten Blick wenig – summiert sich im Verlauf von drei Jahren jedoch auf beträchtliche 30 Stunden.

Übergewichtige Kinder schneiden in sportmotorischen Tests zudem schlechter ab als normalgewichtige (Graf C 2004, 2007). Bewegungsmangel aus Frustration ist dann vielfach die Folge.

Persistenz des Übergewichts

Ist ein Kind aber erst einmal übergewichtig, dann ist damit auch der Weg zum übergewichtigen Erwachsenen gebahnt. 55 Prozent der adipösen Kinder zwischen sechs und neun Jahren und bis zu 75 Prozent der adipösen Jugendlichen bleiben bis ins Erwachsenenalter übergewichtig (Danielzik S 2007, Freedman DS 2005).

Fazit

Übergewicht geht dem Bewegungsmangel im Kindesalter voraus und setzt die Spirale in Gang. Die geringen messbaren Unterschiede im Bewegungsverhalten zwischen Normal- und Übergewichtigen sprechen ebenfalls dafür, dass Einflussfaktoren die Ernährungsweise (Energiezufuhr) stärker beeinflussen als körperliche Aktivität (Energieverbrauch).

Verhaltenspräventive Maßnahmen müssen daher in erster Linie auf die Veränderung der „adipösogenen“ Umweltbedingungen abzielen. Dazu gehört natürlich auch die Betonung einer körperlich aktiven Lebensweise. Der Einfluss körperlicher Aktivität im Jugendalter auf das Übergewicht im Erwachsenenalter scheint hauptsächlich durch die Beibehaltung des Bewegungsverhaltens als Erwachsener zustande zu kommen. Ist Übergewicht aber erst einmal da, dann bleibt es hartnäckig bestehen – eine leider nur allzu bekannte Tatsache.

 

 Qualitätskriterien für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Primärprävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen: http://www.bzga.de/infomaterialien/gesundheitsfoerderung-konkret/

Literatur

 

Currie C et al, eds. Inequalities in young people’s health. Health Behaviour in School-aged Children international report from the 2005/2006 survey. Copenhagen, WHO Regional Office for Europe, 2008

 

Danielzik S, Pust S, Müller MJ (2007): School-based interventions to prevent overweight and obesity in prepubertal children: process and 4-years outcome evaluation of the Kiel Obesity Prevention Study (KOPS). Acta Paediatr 96, 19–25

 

Freedman DS, Khan LK, Serdula MK, Dietz WH, Srinivasan SR, Berenson GS (2005): The relation of childhood BMI to adult adiposity: the Bogalusa Heart Study. Pediatrics 115 (1), 22–37

 

Gesundheitsförderung konkret, Band 13; Qualitätskriterien für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Primärprävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Herausgeberin: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2010

 

Graf C, Koch B, Dordel S, Schindler-Marlow S, Icks A, Schüller A, Bjarnason-Wehrens B, Tokarski W, Predel HG (2004): Physical activity, leisure habits and obesity in first grade children. European Journal of Cardiovascular Prevention and Rehabilitation 11, 284–290

 

Graf C, Dordel S (2007): Körperliche Aktivität und Bewegungsmangel. In: Graf C, Dordel S, Reinehr T (Hrsg): Bewegungsmangel und Fehlernährung bei Kindern und Jugendlichen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 63–80

 

Hu FB, Obesity Epidemiology 2008, pp301-319

 

Kwon S, Janz KF, Burns TL, Levy SM. Effects of Adiposity on Physical Activity in Childhood: Iowa Bone Development Study. Medicine & Science in Sports & Exercise, Publish Ahead of Print DOI: 10.1249/MSS.0b013e3181ef3b0a

 

 

Metcalf BS et al. (2010): Fatness leads to inactivity, but inactivity does not lead to fatness: a longitudinal study in children (EarlyBird 45). Arch Dis Child PMID 20573741

 

Physical Activity Guidelines Advisory Committee. Physical Activity Guidelines Advisory Committee Report, 2008. Washington, DC: U.S. Part G. Section 9: Youth. Department of Health and Human Services, 2008

 

Robert Koch-Institut (2008): Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) 2003–2006: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland. Berlin, S. 57–66

 

Robert Koch-Institut, BZgA (2008): Erkennen – Bewerten – Handeln: Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Berlin, Köln. Download unter http://www.kindergesundheit-info.de/index. php?id=3558#14265

 

Titze, S., Ring-Dimitriou, S., Schober, P.H., Halbwachs, C., Samitz, G., Miko, H.C., Lercher, P., Stein, K.V., Gäbler, C., Bauer, R.,Gollner, E., Windhaber, J., Bachl, N., Dorner, T.E. & Arbeitsgruppe Körperliche Aktivität/Bewegung/Sport der Österreichischen Gesellschaft für Public Health. Bundesministerium für Gesundheit, Gesundheit Österreich GmbH, Geschäftsbereich Fonds Gesundes Österreich (Hrsg.). Österreichische Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung. Wien: Eigenverlag, 2010.

Von Prof. Dr. Ralf Geiger, Ärzte Woche 9 /2011

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