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Foto: wikipedia
Der Franz-Josefs-Kai in Wien um 1890: Damals hatten Fußgänger noch Freiraum für ungehinderte Fortbewegung. Aber bald bekam das Automobil uneingeschränkten Vorrang. Heute fordern Ärzte mehr Platz für ungefährdetes Zufußgehen – für die Gesundheit.
 
Allgemeinmedizin 2. März 2011

Ärzte für gesunde Stadtplanung

Eine fußgängerfreundliche Umwelt wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus.

Möglichkeiten der Alltagsbewegung rücken zunehmend in den Fokus der Ärzteschaft. Die gebaute Umwelt sollte Bewegung fördern, nicht behindern.

Ungefähr seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gilt Zu-Fuß-Gehen als minderwertige Form der Fortbewegung. „Der Art und Weise, wie bei uns die Fahrbahn zum Gehweg gemacht, lesend und plaudernd in der Längsrichtung der Straßen spazieren gegangen wird, muß Einhalt geboten werden“, forderten damals die Automobilklubs – und setzten sich durch. So erließ etwa in Wien die Polizeidirektion 1911 eine entsprechende Gehordnung, obwohl es damals in der Stadt erst einige tausend Autos gab. Ihren Höhepunkt erreichte die Missachtung des Fußgängerverkehrs in den 1950er und 1960er Jahren, als Gehsteige verschmälert oder Fußgänger gezwungen wurden, an zahlreichen Kreuzungen Unterführungen zu benützen. Von Fußgängerzonen war damals noch kaum die Rede – vielmehr wurde von Autolobbyisten eine vierspurige Straße quer durch die Wiener Innenstadt gefordert (Zeitung „Neues Österreich“, 1960). Noch 1967 wurde in der ÖAMTC-Zeitschrift auto-touring die Autobahn durchs Stadtzentrum von Saarbrücken als „für Wien vorexerziert“ gelobt.

Fußgängerfreundliche Städte

Seit den 1970er Jahren versucht die Politik, die Städte fußgängerfreundlicher zu machen. Keine einfache Sache, denn selbst wenig einschneidende Maßnahmen wie Gehsteigvorziehungen, werden öfters heftig bekämpft. Insgesamt wird in Österreich immer weniger zu Fuß gegangen. So wurden z. B. in Graz 1982 noch 31 Prozent der Wege per pedes zurückgelegt, 2008 waren es nur mehr knapp 19 Prozent.

In den vergangenen Jahren wurde auch von ärztlicher Seite vermehrt die Bedeutung einer körperliche Bewegung fördernden (und nicht behindernden) Stadtplanung betont. Die Österreichische Diabetesgesellschaft formulierte es kürzlich so: „Um eine Verringerung der Diabeteshäufigkeit zu erreichen, sind neben der Information und Aufklärung zudem neue Ansätze zur Förderung der Bewegung und gesunder Ernährung nötig.“ Genannt wurde etwa ein „Städtebau, der Bewegung und Sport begünstigt“.

In den „Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung“ des Gesundheitsministeriums (siehe Ärzte Woche 43/2010) heißt es: „Durch die moderne Mobilität und Stadtplanung ist Bewegung im Alltag nur noch beschränkt möglich. Dabei könnte gerade der Ausbau der Fuß- und Radwege … einen großen, direkten Einfluss auf unser Bewegungsverhalten in der Arbeits- und Freizeitwelt einnehmen.“ Empfohlen wird u.a., dass Kinder und Jugendliche jeden Tag mindestens 60 Minuten mit zumindest mittlerer Intensität körperlich aktiv sind, Erwachsene 150 Minuten pro Woche (mittlere Intensität bedeutet dabei, dass man noch sprechen, aber nicht mehr singen kann). Regelmäßige körperliche Aktivität bei Erwachsenen verringere das Risiko für vorzeitigen Tod, heißt es in den „Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung“.

Mit dem Elterntaxi in die Schule

Der Österreichische Kinder-Umwelt-Gesundheits-Aktionsplan (CEHAP) thematisiert u. a. die Problematik der Schulweg-„Elterntaxis“. Diese führen zu noch weniger Bewegung der Kinder und noch mehr Kfz-Verkehr in der Nähe der Schule. Im Rahmen des CEHAP wurden verschiedene Projekte durchgeführt; so erhielten alle niedergelassenen Ärzte Folder und Plakate der „ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt“ mit Tipps für Patienten (Kinder und Erwachsene) zum Thema „Alltagsbewegung“. Die Aktion wurde vom Lebensministerium und der Ärztekammer unterstützt.

Das Projekt erreichte beim Walk-space-Award 2010 – „walk-space.at“ ist ein Verein für Fußgänger – in der Kategorie „Gesundheit“ den 3. Platz. In der Kategorie „Schulwegkonzepte“ siegte das Projekt „Per-Pedes-Pass“ der Ortsgemeinde Stuhlfelden (Salzburg): Kinder, die zu Fuß in die Schule kommen, erhalten einen Stempel in ihren Fußgängerpass. Für 25 bzw. 50 Stempel gibt es dann kleine Geschenke.

Sieger in der Kategorie Querungen/Über- und Unterführungen wurde das ungewöhnliche Projekt „Dauergrün für FußgängerInnen“ der Stadt Graz. Bei der Ampelschaltung beim Edegger-Steg (benannt nach dem engagierten Grazer Politiker Erich Edegger, der sich für sanfte Mobilität einsetzte und mit 52 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung starb) werden am Abend und am Wochenende – zu diesen Zeiten ist der Kfz-Verkehr geringer – die Prioritäten umgedreht. Fußgänger haben, wenn sich keine Autos nähern, immer „grün“, Autos müssen sich ca. 100 Meter vor der Ampel „anmelden“ und erhalten dann „grün“, ohne anhalten zu müssen. „Dieses Projekt beweist, dass Straßenverkehr auch mit Fußgängervorrang funktionieren kann“, so der Verein „walk-space.at“.

 

Weitere Informationen:

http://www.walk-space.at

 

Bewegungsempfehlungen: http://www.walk-space.at

 

Österr. Kinder-Umwelt-Gesundheits-Aktionsplan: http://www.klimaaktiv.at/article/articleview/62489/1/13103

 

Technisches Museum Wien: Spurwechsel. Wien lernt Auto fahren. Christian Brandstätter Verlag 2006

Von Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 9 /2011

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