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Allgemeinmedizin 12. Februar 2009

So bringen Ärzte Bewegung in den Alltag ihrer Patienten

Wissen und Information sind wichtig, bewirken aber noch lange keine Verhaltensänderung.

Viele Erkrankungen, mit denen Ärzte täglich konfrontiert sind, könnten durch Verhaltensänderungen der Patienten günstig beeinflusst oder sogar vermieden werden. Doch trotz intensiver Aufklärung setzen Patienten die erhaltenen Informationen nur selten in die Tat um. Die Kenntnis über Ablauf und Gestaltung von Veränderungsprozessen kann dem Arzt helfen, seine Patienten erfolgreich zur Lebensstilmodifikation zu motivieren.

 

Regelmäßige Bewegung verbessert den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden unserer Patienten. Es reduziert das allgemeine Krankheitsrisiko, die kardiovaskuläre Mortali-tät, das Auftreten von Übergewicht, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und sogar die Wahrscheinlichkeit, an gewissen Leiden wie Brust- und Dickdarmkrebs zu erkranken. Zudem verbessert körperliche Aktivität die Stimmung und hat positive Auswirkungen auf Stressreaktion, Funktionen von Herzkreislauf- und Immunsystem sowie Bewegungsapparat. Alle diese Fakten sind ausreichend bewiesen und mit Ergebnissen zahlreicher Studien belegt.

Obwohl diese Erkenntnisse als Empfehlungen vom Arzt wie etwa „Leben Sie gesünder“, „Sie sollten sich mehr bewegen“ oder „Senken Sie Ihr Krankheitsrisiko“ mit Vehemenz an die Patienten weitergegeben werden, bewirken sie oft keine Veränderung des aktuellen Verhaltens. Die Folgen sind: Verbleiben in gewohnten Verhaltensmustern mit negativer Auswirkung auf die Patientengesundheit sowie Frustration auf Seiten der Ärzte.

Veränderung ist ein Prozess

Einen Ausweg aus dieser Sackgasse bietet die Kenntnis über den Ablauf und die erfolgreiche Gestaltung von Veränderungsprozessen. Diese laufen stadienhaft ab, mit den einzelnen Phasen Ignoranz, Nachdenkphase, Vorbereitungsphase, Aktion und Stabilisierung. In jeder dieser Phasen, mit Ausnahme der ersten, besteht die Gefahr des Rückfalls. Daher ist es erforderlich, dass der Arzt ein spezielles Wissen darüber hat, in welcher Phase sich sein Patient im Moment befindet und welche Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt erfolgreich angewendet werden können.

Stadien der Verhaltensänderung

Im Stadium der Ignoranz besteht wenig Interesse, das Verhalten in naher Zukunft zu ändern. Typische Aussagen lauten: „Ich bewege mich ja ausreichend“, „Lieber dick und lustig“ usw. In diesem Fall hilft nicht der Ratschlag: „Sie sollten sich mehr bewegen!“, sondern: „Sie sollten wissen, dass Übergewicht ein enormer Risikofaktor ist“, „Sie fühlen sich viel besser, wenn Sie Ihr Gewicht reduzieren“, „Regelmäßige Bewegung kann Ihren Stress reduzieren“. Diese Sätze können Bewusstsein schaffen und dem Probanden helfen, das nächste Stadium zu erreichen.

In der Nachdenkphase beginnen Patienten, ihren Wissensstand um ihr „erkanntes und akzeptiertes“ Problem zu verbessern. Sie informieren sich aus Zeitung, Fernsehen und Gesprächen mit Experten und Leuten, die bereits Kenntnisse über gesunden Lebensstil besitzen oder erfolgreich ihr Leben modifiziert haben. Personen, die über einen längeren Zeitraum in diesem Stadium verharren, erkennt man an einer Aussage wie: „Ich weiß ja, dass ich etwas ändern sollte, aber ...“ Die Antwort des Arztes könnte dann so formuliert werden: „Wollen Sie wirklich Ihr Leben ändern, wenn ja, ab welchem Zeitpunkt?“

Interessant und spannend ist die Vorbereitungsphase. Der Start in die Aktion steht unmittelbar bevor. Typisch sind folgende Aussagen des Patienten: „In einer Woche geht's los!“, „Ich habe meinen Freunden erzählt, dass ich jetzt mit dem Laufen beginne“, „Ich habe mir vor einer Woche eine Pulsuhr gekauft!“, „Ich werde Mitglied im Fitnessstudio!“ – In dieser Phase sind jetzt konkrete Empfehlungen und Tipps gefragt.

Zuerst Fitnesszustand abklären

Konkrete Tipps erfordern allerdings eine entsprechende Diagnostik. Bevor ein Bewegungsprogramm erstellt wird, führen wir in unserem Institut den Medical Fitness Test® durch. Bei diesem Test werden die Ausdauerleistungsfähigkeit mittels Ausbelastungsergometrie, die globale Beweglichkeit mit dem Fingerbodenabstand, die Kraft der Rumpfmuskulatur mit der Zahl der Wiederholungen von Situps in 30 Sekunden sowie die Gleichgewichtsfähigkeit beim Stehen auf einem Bein gemessen. Weiters wird die Körperzusammensetzung durch Messung des Körperfettgehalts sowie durch die Bestimmung des Body Mass Index (BMI) erfasst. Zudem wird ein Muskelfunktionsprofil von sechs häufig verkürzten Muskelpaaren erstellt. Liegen die gemessenen Werte im grünen Bereich, entspricht das dem Erreichen eines optimalen Gesundheitsgrades. Anhand der integrierten Normwerte können wir den Patienten dann in Bezug auf sein jeweili- ges Niveau einstufen und konkrete Empfehlungen geben.

Bevor das Lebensstilprogramm begonnen wird, treffen wir mit dem Probanden noch eine Zielvereinbarung. Zusätzlich empfehle ich regelmäßig, die Aktivitäten in einem Tagebuch zu dokumentieren. Die Kontrolluntersuchung mit dem Medical Fitness Test® wird nach Ablauf einer vorher vereinbarten Zeitspan-ne (meistens 3 bis 12 Monate) durchgeführt. Jetzt sollte eigentlich dem Erfolg nichts mehr im Wege stehen.

Unterstützung bei Rückfällen

In jedem Stadium von Veränderungsprozessen droht jedoch die Gefahr des Rückfalls in alte, nachteilige Verhaltensmuster. Auslöser sind fast immer krisenhafte Situationen, Stress, berufliche und private Überlastung, Krankheiten. Der Arzt kann jedoch mit gezielten Fragen feststellen, auf welche Stufe der Rückfall erfolgte. Anschließend geht er in der Intervention nach den oben angeführten Stadien vor.

Die Erstellung eines sportmotorischen Profils mit dem Medical Fitness Test® verwende ich in meiner Praxis häufig in Kombination mit der Vorsorgeuntersuchung. Zirka 80 bis 90 Prozent der Vorsorgepatienten nehmen dieses Angebot gerne an. Weiters führen wir dieses Programm bei der Betreuung von Firmenkunden durch und planen aufgrund der Daten gezielte Bewegungsprogramme für die Belegschaft.

Ärzte werden in zunehmendem Ausmaß zur Optimierung des Lebensstils gefragt. Das Wissen um die regelhaften Abläufe, das Beherrschen der adäquaten Werkzeuge in der Moderation des Veränderungsprozesses und die Durchführung der passenden Diagnostik sind Voraussetzungen für ein erfolgreiches Erzielen von Gesundheit und Lebensqualität unserer Patienten.

 

Dr. Georg Fritsch, MSc, ist am Institut med-aktiv in Schladming tätig.

Von Dr. Georg Fritsch, MSc, Ärzte Woche 6/2009

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