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Foto: ÖGP
Prim. Prof. Dr. Horst Olschewski, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie
 
ÖGP 2010 2. November 2010

„Es gibt ein Recht auf saubere Luft.“

Die Lungenfachärzte verstehen sich als Anwälte für Lungengesundheit. Deshalb fördern sie die stärkere Vernetzung unter den Disziplinen und treten vehement gegen das Rauchen auf.

Ein Kongress für alle, die in irgendeiner Weise mit dem Atmungsorgan zu tun haben, wollte die diesjährige Jahrestagung der Österreichischen Pneumologengesellschaft (ÖGP) sein. Eingeladen waren daher nicht nur Pneumologen, sondern auch Pädiater, Internisten, Intensivmediziner, Onkologen, Schlafmediziner und Thoraxchirurgen. Auch der nichtärztliche Bereich wurde explizit angesprochen: Angehörige der Pflegeberufe, Physiotherapeuten und biomedizinische Analytiker.

Über die Schwerpunkte der Österreichischen Pneumologentagung und die innerhalb der medizinischen Gesellschaft geht deren Präsident, Prim. Prof. Dr. Horst Olschewski, im Gespräch mit der Ärzte Woche ein.

Herr Prof. Olschewski, die Lunge als zentrales Zirkulationsorgan des Körpers stand im Mittelpunkt des Kongresses. Die ÖGP hat dazu auch gleich ein eigenes Logo entwickelt!

Olschewski: Das Logo symbolisiert die Zirkulation. Das Blau deutet das sauerstoffarme Blut an, das nach oben fließt und als sauerstoffreiches Blut – Rot – wieder herunterregnet. Das Logo soll an die kontinuierliche Zirkulation erinnern, die uns am Leben erhält. Die Philosophie dahinter: Die Lunge ist ein wichtiges Organ, nicht nur für den Pneumologen. Wir wollten den Kongress in alle Richtungen öffnen, ihn auch für die Randbereiche interessant machen. Etwa für den Übergang zu den operativen Bereichen, zu den Erwachsenen, den Kindern. Die Pneumonie wird häufig vom Internisten behandelt, bei der COPD muss ein Pneumologe häufig zusammen mit einem Hausarzt das Management durchführen. Auch für Anästhesisten ist die Lunge wichtig, denn diese ist immer wieder das entscheidende Organ, an dem sich entscheidet, ob ein Patient überlebt oder stirbt.

Eine interessante Entwicklung: Zuerst ging alles in Richtung Spezialisierung und rücken die Disziplinen wieder näher zusammen?

Olschewski: Es handelt sich nicht um einander widersprechende Tendenzen, sondern wir haben beides gleichzeitig. Es gibt eine immer stärkere Spezialisierung und immer mehr Wissen. Gleichzeitig besteht ein erhöhter Bedarf unter den Spezialisten, sich miteinander zu vernetzen.

Zurück zum zentralen Thema Zirkulation: Welche Rolle spielt die endotheliale Funktion der Lunge?

Olschewski: Die Endothelien sind das größte Organ des menschlichen Körpers, die Auskleidung sämtlicher Gefäße. Die Lunge beinhaltet eine besonders große Masse von Endothelien, sie ist auch besonders stark von der endothelialen Funktion abhängig. Die endotheliale Dysfunktion führt zu Herzinfarkt und Schlaganfall, aber auch zu schweren Lungenkrankheiten. Insbesondere ist anzunehmen, dass das Lungenemphysem stark von der endothelialen Dysfunktion abhängt. Endothelien gehen verloren und damit auch das Lungengewebe. Es gibt auch einen aktuellen Bezug zur Zirkulation in der Lunge, den tragischen Fall einer 19-jährigen Maturantin und Leistungssportlerin – österreichische Meisterin im Rückenschwimmen: Sie ist plötzlich an einer Lungenembolie verstorben. Sie hatte sich kurz zuvor bei zwei Ärzten vorgestellt, einem Hausarzt und einem Lungenfacharzt. Offenbar deuteten die Beschwerden eher auf andere Diagnosen hin und keiner der beiden zog eine Lungenembolie als Ursache in Erwägung.

Der Fall in Mürzzuschlag war in den Schlagzeilen. Lungenembolien sind nicht so selten. Wie häufig sind sie die Todesursache?

Olschewski: Im jungen Alter ist die Lungenembolie zwar selten, aber im höheren Alter wird sie doch sehr bedeutsam als Todesursache. In Deutschland gibt es eine Schätzung, die von 30.000 Todesopfern pro Jahr ausgeht, in vielen Fällen liegt eine Komorbidität vor. Die Spanier haben ein nationales Register eingeführt, um herauszufinden, was die Risikofaktoren für den Tod infolge einer Lungenembolie sind. Ergebnis: hohes Alter, Niereninsuffizienz, Krebs, Herzkrankheit und Lungenkrankheit. Nichts von all dem lag im aktuellen Fall vor.

Sie sind Präsident des ÖGP – was haben Sie sich vorgenommen?

olschewski: Wir haben in einer Strategiesitzung unser Leitmotiv festgelegt. Konkret: Die ÖGP will die Anwaltschaft für Lungengesundheit übernehmen. Wir wollen dafür auf allen Ebenen kämpfen. Damit wir das können und uns durchsetzen können, brauchen wir Fachkompetenz. Wir brauchen auch ein gewisse Legislative, damit wir das auch umsetzen können, was wir erarbeitet haben. Also brauchen wir auch ein gutes Verhältnis zu den Organen, die in diesem Land die Gesundheitspolitik steuern.

Ihr Anliegen ist die Prävention?

Olschewski: Als Anwälte für Lungengesundheit sagen wir: Es gibt ein Recht auf saubere Luft. Wo werden die meisten Schadstoffe inhaliert? Nicht draußen auf der Straße, sondern in den Innenräumen! Die stärkste Luftverschmutzung geschieht nach wie durch das Zigarettenrauchen – der Feinstaubproduzent Nummer eins. Aber es ist schwer, gegen die Raucherlobby anzutreten. Die Motivation, gegen entsprechende Regelungen vorzugehen, von den Rauchern selbst. Weil sie so süchtig sind, haben sie panische Angst, dass ihnen das Rauchen verboten werden könnte.

Als Anwalt für Lungengesundheit vergibt die ÖGP den Titel „Botschafter der Lungengesundheit“.

Olschewski: Wir vergeben ihn auch heuer wieder an eine Person des öffentlichen Lebens, die sich nach Ansicht des Präsidiums besonders mutig für den Nichtraucherschutz eingesetzt hat. Es ist Dr. Eva Glawischnig, die mit Mut und Durchsetzungsfähigkeit in der Öffentlichkeit deutlich gegen das Rauchen auftritt.

Die Gesellschaft hat sich noch ein zweites Leitmotiv gegeben?

Olschewski: Ja, wir wollen unser Fach attraktiv gestalten, damit wir guten Nachwuchs haben. Das beruht auf einer Sorge vieler Kollegen: Das Durchschnittsalter der Lungenfachärzte steigt. Die Ausbildungskapazität ist geringer, als notwendig wäre, um den Bestand zu wahren. Und wir müssen uns durchsetzen unter all den möglichen Organfächern und Spezialisten, um attraktiv für den Nachwuchs zu sein. Dazu zählt auch, dass wir uns machtvoll für unsere Patienten einsetzen.

Das Gespräch führte Inge Smolek

Inge Smolek, Ärzte Woche 44 /2010

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