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Allgemeinmedizin 27. Oktober 2010

Nur kein Stillstand

Public Health: Österreichische Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung.

In Österreich bewegen sich vier Fünftel der Schulkinder und drei Viertel der Erwachsenen nicht ausreichend, um in den Genuss der positiven Wirkungen von Bewegung auf die Gesundheit zu kommen. Eine Beratung zu körperlicher Aktivität und Training zur Prävention oder Therapie von Erkrankungen gehört deshalb zur ärztlichen Routine. In den Österreichischen Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung, vom Gesundheitsministerium und dem Fonds Gesundes Österreich herausgegeben, wurde nun das Mindestpensum an körperlicher Aktivität formuliert, und zwar für gesunde Personen, für die keine Kontraindikationen bezüglich körperlicher Aktivität vorliegen.

 

In Bezug auf das Ausmaß körperlicher Aktivität hinkt Österreich dem Durchschnitt in der Europäischen Union deutlich hinterher. Menschen zu mehr körperlicher Aktivität zu motivieren gilt als eine der größten Public-Health-Herausforderungen unserer Zeit. Der Stellenwert körperlicher Aktivität und Bewegung in der Reduktion von Mortalität sowie in der Prävention, Therapie und Rehabilitation vieler, vor allem chronischer Krankheiten ist unumstritten.

Ärztlicher Rat?

Leider lauten ärztliche Empfehlungen zu körperlicher Aktivität häufig etwa so: „Machen‘s halt ein bisserl Bewegung!“ oder „Treiben‘s halt ein bisserl Sport“.

Bisher gab es für Österreich keine wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen über Ausmaß, Art, Häufigkeit und Intensität, die nötig ist, um eine gesundheitsförderliche Wirkung und Reduktion des Krankheitsrisikos zu erzielen. Eine ärztliche Bewegungs- und Lebensstilberatung erfolgt auf optimale Weise individualisiert und berücksichtigt Alter, Ko-Morbiditäten und persönliche Präferenzen der Patientinnen und Patienten. Dennoch können Public-Health-Empfehlungen als Grundlage für individuell formulierte Bewegungsempfehlungen herangezogen werden.

Wie viel Bewegung ist empfehlenswert?

Die „Österreichischen Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung“ wurden vom Bundesministerium für Gesundheit und dem Fonds Gesundes Österreich herausgegeben. Diese wurden in Kooperation von vier österreichischen Fachgesellschaften (Österreichische Gesellschaft für Public Health, Österreichische Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Österreichische Sportwissenschaftliche Gesellschaft und Bundesportorganisation) erarbeitet. Das Projekt wurde von internationalen und österreichischen Fachexpertinnen und -experten begleitet.

Kernstück dieser Bewegungsempfehlungen ist die Frage: „Wie viel körperliche Bewegung ist empfehlenswert, um die Gesundheit zu fördern und aufrecht zu erhalten?“ Solche Ziele sehen selbstverständlich für junge, trainierte Freizeitsportlerinnen und -sportler anders aus als für ältere, übergewichtige, körperlich inaktive Personen mit kardiovaskulären Risikofaktoren.

Um diesen unterschiedlichen Bedürfnissen verschiedener Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden, wurden die Empfehlungen als Mindestpensum an körperlicher Aktivität formuliert, und zwar für gesunde Personen, für die keine Kontraindikationen bezüglich körperlicher Aktivität vorliegen. Die Empfehlungen gelten aber auch als Mindestmaß an Bewegung für Menschen mit chronischen Erkrankungen, die die Bewegungsfähigkeit nicht unmittelbar betreffen (z. B. Asthma, Hypertonie, Diabetes mellitus etc.). Für die Planung der österreichischen Bewegungsempfehlungen wurden die 2008 publizierten Bewegungsempfehlungen der USA als Grundlage herangezogen, die auf einer umfassenden systematischen Literaturübersicht basieren. Des Weiteren wurden australische, kanadische und Schweizer Bewegungsempfehlungen als Referenzdokumente herangezogen.

Altersgemäße Aktivität

Die Bewegungsempfehlungen wurden für drei Altersgruppen formuliert: Kinder und Jugendliche (siehe Kasten 1), jüngere Erwachsene (siehe Kasten 2) und ältere Menschen (ab 65 Jahren, siehe Kasten 3). Die Bewegungsempfehlungen in diesen Altersgruppen sind in den Kästen zwei bis vier angeführt. Unter dem Begriff „Bewegung“ sind in den Bewegungsempfehlungen körperliche Aktivitäten gemeint, bei denen große Muskelgruppen beansprucht werden. In den Empfehlungen wird zwischen körperlicher Aktivität mit mittlerer Intensität und höherer Intensität unterschieden. Mittlere Intensität bedeutet, dass während der Bewegung noch gesprochen, aber nicht mehr gesungen werden kann. Dies entspricht in etwa einem Wert von fünf bis sechs auf einer zehnstufigen Borg-Skala oder einem Metabolischen Äquivalent von drei bis 5,9 METs (Vielfaches des Energieumsatzes bei ruhigem Sitzen).

Beispiele für Bewegungsarten mit mittlerer Intensität sind zügiges Gehen, Gartenarbeit, Wandern, Nordic Walking, Wassergymnastik oder Tanzen. Höhere Intensität bedeutet, dass nur noch kurze Wortwechsel möglich sind. Dies entspricht in etwa einem Wert von sieben bis acht auf der zehnstufigen Borg-Skala oder einem Metabolischen Äquivalent > sechs METs.

Beispiele für Bewegung mit höherer Intensität sind Jogging oder Laufen, Skilanglaufen, Radfahren mit 19 bis 25 km/h, Bergwandern, Herz-Kreislauf-Training an Fitnessgeräten oder Schwimmen. Aus Gründen der Sicherheit wird empfohlen, dass Frauen und Männer ab 35 Jahren sowie Personen mit chronischen Erkrankungen oder Übergewicht, die in der Vergangenheit keine Bewegung mit höherer Intensität durchgeführt haben und damit beginnen möchten, vor dem Trainingsbeginn eine ärztliche Abklärung durchführen sollten.

Mit muskelkräftigender Bewegung sind körperliche Aktivitäten gemeint, bei denen das eigene Körpergewicht (z. B. Liegestütz), Gewichte (z. B. Hanteln, Kraftmaschinen) oder andere Hilfsmittel (z. B. Thera-Band) als Widerstand eingesetzt werden.

Unter knochenstärkender Bewegung versteht man das Körpergewicht überwindende, sich wiederholende körperliche Aktivitäten (z. B. Hüpfen, Laufen, Step-Aerobic), wobei aber auch jede muskelkräftigende Bewegung im Prinzip auch knochenstärkend ist.

Gesundheitliche Vorteile entdecken

Die Österreichischen Bewegungsempfehlungen haben zum Ziel, einen Beitrag zu leisten, damit mehr Menschen die gesundheitlichen Vorteile von Bewegung für sich entdecken, und letztendlich soll durch die Bewegungsempfehlungen ein Beitrag zur Gesundheit der Österreicherinnen und Österreicher geleistet werden. Ein nächster Schritt ist, aufbauend auf den Empfehlungen zu gesundheitswirksamer Bewegung, im Sinne eines nationalen Aktionsplans Strategien zu entwickeln, wie man verschiedene Bevölkerungsgruppen spezifisch unterstützt, tatsächlich gesundheitswirksam körperlich aktiv zu sein. Ein weiterer nötiger Schritt ist, auch Bewegungsempfehlungen gezielt für Personen mit bestimmten medizinischen Konstellationen, chronischen Erkrankungen und besonderen Bedürfnissen zu formulieren, da diese zusätzlich zu den allgemeinen Bewegungsempfehlungen differenziertere Angaben zu Art, Intensität und Sicherheitsempfehlungen benötigen würden.

 

Titze S, Ring-Dimitriou S, Schober PH, Halbwachs C, Samitz G, Miko HC, Lercher P, Stein KV, Gäbler C, Bauer R, Gollner E, Windhaber J, Bachl N, Dorner TE & Arbeitsgruppe Körperliche Aktivität/Bewegung/Sport der Österreichischen Gesellschaft für Public Health. Österreichische Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung. BM für Gesundheit, Gesundheit Österreich GmbH, Geschäftsbereich Fonds Gesundes Österreich (Hrsg.); Wien: Eigenverlag; 2010.

 Download: http://www.fgoe.org/presse-publikationen/downloads/forschung/bewegungsempfehlungen

Weitere Literatur beim Autor.

 

Dr. Thomas Ernst Dorner, MPH ist am Institut für Sozialmedizin, Zentrum für Public Health der MedUni Wien, tätig.

Kasten 1
Bewegungsempfehlung für Kinder und Jugendliche
Bewegung soll allen Kindern und Jugendlichen altersgerecht ermöglicht werden. Für Jugendliche gilt, dass die Bewegungsformen zumindest zehn Minuten am Stück dauern sollen.

Um die Gesundheit zu fördern …
• sollten Kinder und Jugendliche jeden Tag insgesamt mindestens 60 Minuten mit zumindest mittlerer Intensität körperlich aktiv sein.
• sollten Kinder und Jugendliche an mindestens drei Tagen der Woche muskelkräftigende und knochenstärkende Bewegungsformen durchführen.
• ist es empfehlenswert, zusätzlich Aktivitäten auszuführen, die die Koordination verbessern und die Beweglichkeit erhalten.

Falls sitzende Tätigkeiten länger als 60 Minuten dauern, werden zwischendurch kurze Bewegungseinheiten empfohlen.
Kasten 2
Bewegungsempfehlung für Erwachsene
Erwachsene sollten jede Gelegenheit nützen, körperlich aktiv zu sein. Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung, weil der Wechsel vom Zustand „körperlich inaktiv“ zum Zustand „geringfügig körperlich aktiv“ ein wichtiger erster Schritt ist.

Um die Gesundheit zu fördern und aufrecht zu erhalten …
• sollten Erwachsene mindestens 150 Minuten (2½ Stunden) pro Woche Bewegung mit mittlerer Intensität oder 75 Minuten (1¼ Stunden) pro Woche Bewegung mit höherer Intensität oder eine entsprechende Kombination aus Bewegung mit mittlerer und höherer Intensität durchführen. Idealerweise sollte die Aktivität auf möglichst viele Tage der Woche verteilt werden. Jede Einheit sollte mindestens zehn Minuten am Stück dauern.
• sollten Erwachsene – für einen zusätzlichen und weiter reichenden gesundheitlichen Nutzen – eine Erhöhung des Bewegungsumfanges auf 300 Minuten (5 Stunden) pro Woche Bewegung mit mittlerer Intensität oder 150 Minuten (2½ Stunden) pro Woche Bewegung mit höherer Intensität oder eine entsprechende Kombination aus Bewegung mit mittlerer und höherer Intensität anstreben.
• sollten Erwachsene an zwei oder mehr Tagen der Woche muskelkräftigende Bewegung mit mittlerer oder höherer Intensität durchführen, bei denen alle großen Muskelgruppen beansprucht werden.
Kasten 3
Bewegungsempfehlung für ältere Menschen
Ältere Menschen sollten jede Gelegenheit nützen, körperlich aktiv zu sein. Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung, weil der Wechsel vom Zustand „körperlich inaktiv“ zum Zustand „geringfügig körperlich aktiv“ ein wichtiger erster Schritt ist.

Um die Gesundheit zu fördern und aufrecht zu erhalten …
• sollten ältere Menschen mindestens 150 Minuten (2½ Stunden) pro Woche Bewegung mit mittlerer Intensität oder 75 Minuten (1¼ Stunden) pro Woche Bewegung mit höherer Intensität oder eine adäquate Kombination aus Bewegung mit mittlerer und höherer Intensität durchführen. Idealerweise sollte die Aktivität auf möglichst viele Tage der Woche verteilt werden. Jede Einheit sollte mindestens 10 Minuten am Stück dauern.
• sollten ältere Menschen – für einen zusätzlichen und weiter reichenden gesundheitlichen Nutzen – eine Erhöhung des Bewegungsumfanges auf 300 Minuten (5 Stunden) pro Woche Bewegung mit mittlerer Intensität oder 150 Minuten (2½ Stunden) pro Woche Bewegung mit höherer Intensität oder eine entsprechende Kombination aus Bewegung mit mittlerer und höherer Intensität anstreben.
• sollten ältere Menschen an zwei oder mehr Tagen der Woche muskelkräftigende Bewegungen mit mittlerer oder höherer Intensität durchführen, bei denen alle großen Muskelgruppen beansprucht werden.
• sollten ältere Menschen, wenn sie aufgrund von Beschwerden nicht mehr in der Lage sind, 150 Minuten Bewegung mit mittlerer Intensität auszuführen, so viel Bewegung machen, wie es ihre Beschwerden zulassen.
• sollten ältere Menschen körperliche Aktivitäten ausüben, die das Gleichgewichtsvermögen erhalten oder verbessern, um die Sturzgefahr zu reduzieren.

Von Dr. Thomas Ernst Dorner, MPH, Ärzte Woche 43 /2010

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