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Prof. Dr. Heinrich Resch Präsident der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des Knochens und Mineralstoffwechsels sowie Leiter der II. Medizinischen Abteilung, KH Barmherzige Schwestern Wien

 
Innere Medizin 6. Oktober 2010

„Eine Zahl macht nicht krank“

Diagnose und Behandlung der Osteoporose umfassen mehr als die Knochendichtemessung.

Der World Osteoporosis Day wird von der International Osteoporosis Foundation (IOF) ausgerufen. Er findet heuer im Oktober statt und soll vor allem die Wahrnehmung der Erkrankung – bei Gesunden, Patienten, Ärzten und auch Politikern – fördern. Daran angelehnt wurde der Wiener Osteoporosetag ins Leben gerufen, der sich ebenfalls sowohl an ein Fachpublikum wie auch an interessierte Laien und Betroffene richtet.

Im Rahmen der Fachtagung des 9. Wiener Osteoporosetages werden Experten im Rathaus der Bundeshauptstadt über Neuerungen in Diagnostik und Therapie referieren. Gleichzeitig bekommen Patienten und interessierte Laien die Gelegenheit, sich zu informieren. Dabei können sich auch lebhafte Diskussionen entwickeln. Deshalb, so berichtet Prof. Dr. Heinrich Resch, Leiter der II. Medizinischen Abteilung im Krankenhaus Barmherzige Schwestern, Wien, der ÄrzteWoche, sei der Publikumstag eine großartige Erfindung.

Sie werden einen Vortrag zum „Wissen über die Krankheit“ halten. Wo gibt es noch Wissenslücken?

RESCH: Viel zu wenig bekannt sind Risikofaktoren wie ungünstige Ernährung oder unzureichende Bewegung – aber auch, dass einige Erkrankungen des Darmes, der Nieren oder Rheuma, das mit einer längeren Cortisontherapie behandelt wird, oft zusammen mit Osteoporose auftreten. Auch das Bewusstsein, dass eine bestehende Osteoporose eine Behandlung erfordert, ist noch nicht ausreichend vorhanden. Nur wer täglich etwas gegen die Krankheit unternimmt, kann Erfolge erzielen.

Welche neuen Erkenntnisse werden der Fachwelt präsentiert – vor kurzem erschien eine Studie zum Risiko von Kalziumpräparaten …

RESCH: Ja, ein australischer Kollege konnte zeigen, dass die regelmäßige Einnahme von Kalzium das Herzinfarktrisiko um bis zu 30 Prozent erhöhen kann. Das sorgt gerade für einige Verwirrung.

Dabei sind mehrere Aspekte dieser Untersuchung für die österreichischen Patienten nicht relevant: Zunächst gibt es bei uns keine Kalzium-Monotherapie. Wir verordnen allen unseren Patienten Kalzium in der Kombination mit Vitamin D. Das erhöhte Risiko für einen Herzinfarkt konnte hingegen nur für Patienten mit Kalzium-Monotherapie nachgewiesen werden. Zudem erwiesen sich in der Studie nur ungewöhnlich hohe Dosen der Kalziumsubstitution – etwa 1.000 mg pro Tag – als gefährlich.

Wir gehen aber mittlerweile davon aus, dass es ohnehin genügt, wenn ein Patient lediglich die Hälfte seines Kalziumbedarfs – 400 bis 500 mg – substituiert und zusätzlich Kalzium aus der Nahrung aufnimmt. Kalziumkonzentrationen, die unter 800 mg pro Tag liegen, scheinen auch in der aktuellen Studie unbedenklich. Im Übrigen kommt uns hier auch die schlechte Compliance der Patienten zu Gute: Kein Patient nimmt über Jahre täglich zwei Tabletten Kalzium.

Was ist realistischer?

RESCH: Realistischer ist, dass die Patienten eine Kalziumtablette öfter einmal nicht nehmen, als dass sie sie regelmäßig nehmen. Das Ernährungsbewusstsein, auf der anderen Seite, steigt immerhin.

Was sollten die österreichischen Ärzte noch wissen?

RESCH: Wir müssen uns von der Gläubigkeit an die Knochendichtemessung trennen. Nach wie vor wird eine Zahl in der Knochendichtemessung verwendet, um einen Patienten krank zu machen und ihn zu behandeln – oder eben nicht. Die Diagnose und Behandlung der Osteoporose sind aber mehr als eine Zahl. Ich kann keine Zahl behandeln.

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass ein gewisses Risikoprofil vorhanden sein muss und die Knochendichte lediglich einer von vielen Risikoparametern ist. Bei einem jungen Menschen ist eine schlechte Knochendichte bei biomechanisch gutem Knochenaufbau und ohne weitere Risikofaktoren keine Indikation für eine Osteoporosetherapie. Bei älteren Menschen dagegen könnte man die Therapie großzügiger ansetzen, denn das Alter ist der gewichtigste Risikofaktor – noch wichtiger als die Knochendichtemessung.

Weitere Informationen zum 9. Wiener Osteoporosetag:

Mag. Tanja Fabsits , Ärzte Woche 40 /2010

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