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Kinder- und Jugendheilkunde 29. September 2010

Tabakrauchprävention bei Kindern und Jugendlichen

Josef Riedler, Schwarzach im Pongau

Frühe Intervention fördert Nachhaltigkeit

Zigarettenrauchen war für Kinder und Jugendliche schon immer interessant. Das Einstiegsalter in das Rauchen liegt in Europa zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr. In unserer 2005 abgeschlossenen 3-jährigen Studie an Salzburger Kindern und Jugendlichen rauchten 3,5 % der 11-Jährigen in den letzten 30 Tagen eine Zigarette.

 

Diese Zahl stieg auf 26 % bis zum 14. Lebensjahr an. In einer anderen Untersuchung in Österreich konnte gezeigt werden, dass 42 % aller 15-Jährigen bereits mehr als 40 Zigaretten geraucht haben. Seit Mitte der 80er Jahre hat sich in Österreich der Anteil täglich rauchender 15-Jähriger bei den Knaben verdoppelt, bei den Mädchen sogar verdreifacht.

Erstkontakt ist für die mögliche Suchtentwicklung entscheidend

Jugendliche beginnen nicht zu rauchen, weil sie dabei Genuss verspüren, sondern weil es cool ist. Ein hoher Prozentsatz aller Heranwachsenden probiert zumindest einmal eine Zigarette. Dieses Probierverhalten passiert meist zusammen mit Freunden. Die Mehrheit verbindet dabei keine weiteren positiven Effekte, im Gegenteil die erste Zigarette schmeckt meist überhaupt nicht, und Husten, Benommenheit, Übelkeit sind die Begleitumstände. Ganz entscheidend für das weitere (Nicht)-Raucherverhalten in dieser Phase ist die kognitive und emotionale Verarbeitung der ersten Zigarette. In der Stufenfolge des Tabakkonsums kommt es nach dieser Probierphase zur Experimentierphase. Jugendliche rauchen zwar wiederholt, aber unregelmäßig. Ein wichtiger Einflussfaktor dabei ist das Verhalten von Gleichaltrigen und die Verfügbarkeit im sozialen Umfeld (Schule, Familie, Freizeitangebot).

In der nächsten Stufe wird Zigarettenkonsum zu einem regelmäßigen Verhalten. Gleichzeitig beginnt die wichtigste Komponente, nämlich die psychische und physische Abhängigkeit von Nikotin zu wirken, und damit ist die endgültige Bindung an die Zigarette vollzogen. Viele Jugendliche werden bereits nach Monaten von der Zigarette abhängig und entwickeln ein echtes Suchtverhalten.

Psychosoziale Faktoren

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Einflussfaktoren auf das Rauchverhalten erfasst worden. Unter den sozialen Faktoren spielen das (Nicht)-Rauchverhalten der Eltern, Geschwister und Freunde, die Integration im schulischen Bereich und das Freizeitverhalten eine wichtige Rolle. Personale Faktoren sind geringes Wissen über kurz- und längerfristige Auswirkung des Tabakkonsums, Überschätzung der Verbreitung des Zigarettenkonsums und geringe Kompetenz, dem Gruppendruck zum Rauchen zu widerstehen. Unter den umweltbezogenen Faktoren sind leichte Zugänglichkeit, aggressive Werbung, niedriger Zigarettenpreis und geringe Einschränkungen und Regeln im familiären, schulischen und Freizeitbereich hervorzuheben. Angst vor einem später entstehenden Lungenkrebs oder Herzinfarkt bzw. Raucherhusten haben die Jugendlichen üblicherweise nicht. Diese Langzeitfolgen sind „zu weit weg“, um sie betroffen zu machen. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, warum Gesundheitsargumente bei Jugendlichen nicht fruchten. Die Botschaft „du sollst nicht rauchen, weil später Probleme auftreten“, führt eher zu gegenteiliger Wirkung. Die Herausforderung für uns alle besteht darin, Kindern und Jugendlichen zu helfen, dem sozialen Druck „jetzt zu rauchen“ Stand zu halten.

Mit geeigneter Supervision kann die Rauch-Einstiegsrate um 23 % gesenkt werden

Verschiedene Schulungsprogramme und Projekte wurden in den letzten 10 bis 20 Jahren weltweit bei Jugendlichen durchgeführt, allerdings mit geringen Erfolgen. Wesentliche Schwächen aller bisherigen Projekte waren der späte Beginn der Intervention, eine zu kurze Begleitung der Jugendlichen, zu wenig Motivation und Emotionalität und vor allem auch schlechte Vorbilder durch die rauchenden Erwachsenen. Mit viel Aufwand und persönlichem Engagement ist es uns im Rahmen des Anti-Rauchprojektes „Ich brauch‘s nicht – ich rauch nicht“ im Bundesland Salzburg gelungen, 2880 Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren über 3 Jahre zu begleiten. Mittels Stärkung der Nichtraucherkompetenz, des Selbstbewusstseins und der Eigenverantwortung wurde im Rahmen von Rollenspielen versucht, den Jugendlichen zu helfen, nicht mit dem Rauchen zu beginnen. Gleichaltrige nichtrauchende Jugendliche wurden als „Peers“ eingesetzt, Videos über verschiedene „Verführungssituationen“ wurden gedreht und den Jugendlichen handlungsrelevante Strategien vermittelt. Mit diesen Maßnahmen erreichten wir in der Projektgruppe im Vergleich zu einer gleichaltrigen Kontrollgruppe eine relative Reduktion des Einstiegs ins Rauchen um 23 %. Die Jugendlichen haben die Hilfe in dieser schwierigen Phase geschätzt, die intensive Betreuung mit dem Thema jedoch nur als einen Puzzlestein im komplexen Problem der Tabakprävention gesehen. Die 13- bis 15-jährigen Jugendlichen waren der Meinung, dass ein Rauchverbot in den Schulen, in allen Lokalen und vor allem auch an allen öffentlichen Plätzen notwendig ist, um ihnen zu helfen, nicht mit dem Rauchen zu beginnen.

Projekt für Berufsschüler

Nach Abschluss des Projektes bei 11- bis 14-Jährigen haben wir ein 3-jähriges Projekt für 15- bis 18-jährige Berufsschüler entwickelt, welches wir vor einigen Monaten abgeschlossen haben. Der Anteil der Täglich-RaucherInnen lag zu Projektbeginn bei etwa 50 %, bei den Mädchen noch etwas höher als bei den Burschen. Nach dem 3. Projektjahr konnten wir eine relative Reduktion von 20 % im Rauchverhalten in der Experimentalgruppe gegenüber einer gemachten Kontrollgruppe erreichen. Das Image des Rauchens wurde in dieser Altersgruppe, auch bei den RaucherInnen, als durchaus ambivalent bis kritisch eingeschätzt (eher uncool und gesundheitsschädigend, andererseits gut gegen Stress und schlank machend). Die gängigen Informationen über die Schädlichkeit des Rauchens waren den SchülerInnen gegenwärtig.

Die Fakten sind klar – die Einsicht fehlt trotzdem

In diesem Projekt sahen wir erneut wie schwierig es ist, selbst mit intensivster Betreuung und personellem Einsatz Jugendliche in dieser Phase zu unterstützen, nicht mit dem Rauchen zu beginnen, oder die schon sehr vielen rauchenden Jugendlichen wieder vom Rauchen wegzubringen. Dies kann nicht gelingen, solange die Vorbildwirkung der Erwachsenen fehlt bzw. solange auch die Einsicht in die Gefahren des Tabakkonsums in unserer Gesellschaft nicht vorhanden ist. Tabak- konsum ist einer der am leichtesten vermeidbaren schweren Krankheitser-zeuger.

 

Erst wenn das den meisten Menschen in unserer Gesellschaft bewusst ist, werden wir Jugendlichen helfen können, nicht mit dem Rauchen zu beginnen. Wir ÄrztInnen sind aufgerufen, Vorbild zu sein, für eine rauchfreie Gesellschaft aktiv einzutreten, allen von uns betreuten Familien ehrliche Informationen zu geben, das Thema wiederholt während der Sprechstunden anzusprechen, zu helfen in den Familien rauchfreie Zonen zu schaffen und Eltern (Schwangeren!) und Jugendlichen konkret beim Ausstieg aus der Tabaksucht zu helfen (quit-Termin festlegen, Kontakt herstellen).

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Josef Riedler
Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde
Kardinal Schwarzenberg’sches Krankenhaus
Kardinal Schwarzenberg-Straße 2-6
5620 Schwarzach i. Pongau
Fax: ++43/6415/7101-3040
E-Mail:

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