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Fotos (2): wikipedia
WHO-Impfprogramm zur Ausrottung der Pocken in Niger, West-Afrika, im Februar 1969. Zehn Jahre später war das Ziel erreicht.

Virenflüssigkeit aus Pockenwunden zur Variolation (1970er Jahre, Indien).

 
Impfen 25. Mai 2010

Schützt Pockenimpfung vor HIV-Infektion?

Der gemeinsame und interessante Faktor ist der CCR5-Rezeptor an den T-Helferzellen.

Das Thema fand sich in allen Medien unter Schlagzeilen wie: „Pockenimpfung hielt HIV in Schach“ oder „Pockenimpfung als Schutz vor HIV?“. Das Fragezeichen ist mehr als berechtigt. Denn diskutiert wird eine In-vitro-Studie aus den USA mit gerade einmal 20 Probanden.

Die vor wenigen Tagen in BMC Immunology erschienene Arbeit von Raymond Weinstein* fand Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen Pocken- und HIV-Infektionen geben könnte. Genauer gesagt geht es um die CCR5-Rezeptoren an den T-Helferzellen, die durch eine Pockenimpfung mehr oder weniger „blockiert“ werden könnten. Das schließen die Forscher daraus, dass bei einer In-vitro-Studie die Replikation der HIV R5-Stämme, die sich bevorzugt an den CCR5-Rezeptor binden, bei den Probanden mit Pockenimpfung drei bis sechs Monate zuvor deutlich geringer war als bei jenen ohne Impfung.

Die Studie im Detail

Die Forscher entnahmen 20 gesunden Probanden beiderlei Geschlechts und verschiedener Herkunft („whites and non-whites“, Mitglieder der US Navy) im Alter zwischen 19 und 41 Jahren, alle mit negativem HIV-Test im vorangegangenen Jahr, Blutproben. Die Testpersonen hatten einen ähnlichen Mix aus verschiedenen Impfungen, allerdings waren zehn Personen in den letzten drei bis sechs Monaten gegen Pocken geimpft worden, die anderen zehn nicht. Die Blutproben wurden zentrifugiert und Zellkulturen mit PBMC (peripheral blood mononuclear cells) angelegt, die auch die CD4+ T-Zellen beinhalten. Zwei verschiedene HIV-Stämme, HIV R5 (bindet sich bevorzugt an CCR5-Rezeptoren der T-Helferzellen) und HIV X4 (bevorzugen den CXC4-Rezeptor), wurden mit Kulturmedium oder Serum vermischt und nach einer Inkubationszeit von sieben Stunden mit den jeweils autologen Zellkulturen versetzt. Es ergaben sich also für jede Testperson insgesamt vier Proben: Je eine Kultur mit oder ohne Serumvorbehandlung und mit je einem der beiden Virenstämme. In der Folge maßen die Forscher die virale Replikation mittels reverser Transkriptase (RT) sowie die Spiegel der Cytokine MIP-1a, MIP-1b und RANTES.

Virusreplikation bei Geimpften verringert

Die Replikationsraten der HI-Viren lagen bei den Probanden mit vorhergehender Pockenimpfung signifikant unter jener der nicht vakzinierten Personen. Am Tag 10 der Studie war die Replikation bei den Kulturen der Ungeimpften, bei denen die HIV zuerst mit Serum vermischt waren („Serumvorbehandlung“), ungefähr drei Mal so hoch wie bei den Geimpften (p=0,013), am Tag 13 fünf Mal so hoch (p=0,008). Ohne Serumvorbehandlung lagen die entsprechenden Werte am Tag 10 ungefähr drei Mal so hoch wie bei den Ungeimpften (p=0,035) und am Tag 14 Mal so hoch. (p=0,017).

Bei den Ungeimpften war generell die Virusreplikation bei den serumvorbehandelten Kulturen größer als bei den nicht serumvorbehandelten. Die Autoren führen das auf eine Aktivierung der PBMCs durch das Serum zurück. Dieser Effekt trat bei den Geimpften nicht auf, was die Autoren auf eine Art Schutzeffekt der Impfung vor dieser Aktivierung zurückführen, ohne die Mechanismen näher zu erläutern.

Bei den mit X4-Stämmen behandelten Kulturen fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede, wenn auch ein leichter Trend zur Reduktion der HIV-Replikation in den Kulturen der geimpften gegenüber den nicht geimpften Personen. Die Serumvorbehandlung schien hier gar keinen Effekt zu haben. Bei den Chemokinen, die allerdings nur an Tag 2 und 5 gemessen wurden, fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede.

Schlüsselrezeptor CCR5

Die Zahl von 20 Probanden ist natürlich recht gering. Dennoch verweist die Studie, so Dr. Christian Zagler, II. Pulmologische Abteilung SMZ Baumgartner Höhe, Wien, darauf, dass die Möglichkeiten, den CCR5-Rezeptor zu beeinflussen, möglicherweise noch nicht ausgeschöpft sind.

Bekannt ist schon, dass jene etwa fünf Prozent der Bevölkerung, die aufgrund einer Mutation keine CCR5-Rezeptoren haben, nicht oder nur extrem selten mit HIV infiziert werden, und dass gewisse Virusinfektionen, etwa Masern bzw. die Masernimpfung, vor HIV-Infektionen schützen, wenn auch nur extrem kurzfristig, nämlich nur so lange die akute Immunreaktion anhält.

CCR5-Inhibitoren werden bereits jetzt in der AIDS-Therapie eingesetzt, doch die Möglichkeit eines Einsatzes im präventiven Bereich wurde noch nicht einmal ernsthaft angedacht. Die Studie von Weinstein weist auf eine solche Möglichkeit hin. Zagler erinnert auch an jene große Studie zur HIV-Impfung in Thailand, bei der jeder einzelne der beiden getesteten Impfstoffe sehr niedrige Wirkung hatte, die Kombination der beiden aber immerhin bei 30 Prozent der Geimpften einen wirksamen Schutz bot.

Frage der Impfnebenwirkungen

Die Hypothese, dass das Ende der Pockenimpfung die HIV-Epidemie ausgelöst oder zumindest bei der Ausbreitung von AIDS mitgeholfen haben könnte, hält Dr. Norbert Vetter, Primarius der Zweiten Internen Lungenabteilung des Pulmologischen Zentrums der Stadt Wien, Otto Wagner Spital, allerdings für „weit hergeholt“. Unter anderem seien die Zeitläufe nicht ganz schlüssig, denn die Ausbreitung von AIDS und HIV-Infektionen begann nur wenige Jahre nach dem Ende der Pockenimpfungen. Das führt zur Frage, wie lange ein entsprechender HIV-Schutz durch die Pockenvakzination – so er überhaupt auch in vivo nachgewiesen werden kann – anhalten würde. Dazu kommt, dass die Pockenimpfung selbst nicht unproblematisch ist. Von den zehn in der Studie geimpften Soldaten entwickelte einer eine generalisierte Pockenimpferkrankung, und ältere Kollegen werden sich darüber nicht wundern, werden sie doch selbst den einen oder anderen Fall einer Nebenwirkung der Pockenimpfung erlebt haben. Über die Häufigkeit solcher Nebenwirkungen schwanken die Angaben – wie bei vielen Impfungen – sehr stark. Vetter jedenfalls lehnt eine Pockenimpfung als Mittel zur HIV-Bekämpfung klar ab. Etwas anders sieht das em.o. Prof. Dr. Manfred Dierich, Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der MedUni Innsbruck: „In jenen Gegenden, wo die HIV-Durchseuchungsraten bei 80 Prozent liegen und wo auch kein Geld für die Tripletherapie vorhanden ist, würde ich mir über die Frage, ob die Pockenimpfung aufgrund der Nebenwirkungen ethisch vertretbar ist, wenig Sorgen machen. Allerdings natürlich nur unter der Voraussetzung eines tatsächlichen und ausreichend langen Schutzes vor einer HIV-Infektion durch die Impfung.“

Daten nicht neu

Die Studie ist übrigens nicht neu, sondern erst etwa sechs Jahre nach ihrer Entstehung publiziert. Weinsteins Universität, die George Mason University in Fairfax, Virginia, USA, veröffentlichte schon 2003 eine Pressemeldung zu der Arbeit**, die allerdings nicht von den Medien aufgegriffen wurde. Dieses Datum könnte allerdings auch erklären, warum eine absichtliche Pockenimpfung rund 40 Jahre nach der Ausrottung der Pocken überhaupt die Überprüfung durch eine Ethikkommission überstand. Nach den Anschlägen am 11. Septembers 2001 auf das World Trade Center tauchte nämlich die Angst auf, Terroristen könnten Pockenviren als Biowaffen verwenden. Aus diesem Grund wurde quasi versuchsweise eine gewisse Zahl an Militärangehörigen und Zivilisten in den USA gegen Pocken geimpft, um die Auswirkungen einer Massenimpfung zu überprüfen. Aus diesem Reservoir könnte Weinstein seine Probanden geschöpft haben.

Die zu Frage eines Standard-Lesers im Forum der Tageszeitung nach den Möglichkeiten, sich hier und heute in Österreich impfen lassen zu können, ist dagegen naiv und reichlich verfrüht. Dass der eine oder andere Patient sich damit auch an seinen Hausarzt wendet, ist jedoch zu erwarten.

 

* Weinstein R et al., BMC Immunology 2010;11:23, doi:10.1186/1471-2172-11-23, URL: www.biomedcentral.com/1471-2172/11/23.

**http://http://eagle.gmu.edu/newsroom/422/

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 21 /2010

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