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Foto: flickr
Musiker sind besonders von Lärmbelastungen betroffen. Nicht nur beim Konzert oder Festival wird es so richtig laut, sondern schon beim täglichen stundenlangen Üben.
 
Allgemeinmedizin 27. April 2010

Im Getöse des Tages

Die chronische Lärmbelastung schlägt sich immer mehr auf die Gesundheit – Teil 2.

In den letzten Jahrhunderten hat der Begriff „Lärm“ eine deutliche Wandlung erfahren. Verstand man darunter zunächst ein bewusst eingesetztes Signal, etwa um Soldaten zu den Waffen zu rufen, so meinte die Akustikforschung des 19. Jahrhunderts mit „Lärm“ eher die Dissonanz von Klängen. Seit ungefähr dem Jahr 1930 wird Lärm zumeist als „unerwünschter Schall“ definiert.

„Der Lärm ... ist die impertinenteste aller Unterbrechungen, da er sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja zerbricht“, beklagte bereits Schopenhauer. In Österreich darf daher in Räumen, in denen überwiegend geistige Tätigkeit ausgeführt wird, ein Wert von 50 Dezibel nicht überschritten werden. „Sehr anspruchsvolle Tätigkeiten werden allerdings bereits bei 45 Dezibel gestört“, erklärt Prof. Dr. Rainer Guski, Arbeitsgruppe für Umwelt- und Kognitionspsychologie der Ruhr-Universität Bochum.

Lernbremse Lärm

Wie etliche Studien ergaben, beeinträchtigt chronische Lärmbelastung die kognitiven Fähigkeiten von Kindern. Sie schneiden bei Lesetests schlechter ab und geben zudem bei schwierigen mentalen Aufgaben schneller auf. Lärm behindert darüber hinaus auch die Kommunikation und wird etwa beim Fernsehen als sehr störend empfunden.

Eine weitere Lärmwirkung stellt die Belästigung dar. „Diese wird stark von situativen, personalen und sozialen Faktoren wie dem Zeitpunkt des Auftretens der Belastung, der gerade intendierten Tätigkeit, der generellen Bewertung der Lärmquelle, dem Vertrauen in die für den Lärm und den Lärmschutz Verantwortlichen, der individuellen Lärmempfindlichkeit oder der Ortsüblichkeit des Lärm bestimmt“, erläutert Guski.

Trautes, ruhiges Heim?

Rund 36 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher fühlen sich tagsüber im Wohnbereich durch Lärm gestört. In Wien sind es knapp 50 Prozent, während sich in Kärnten lediglich 25 Prozent gestört fühlen. Die wichtigste Lärmquelle stellt der Verkehr (und hier zumeist der Straßenverkehr) dar. An zweiter Stelle folgen die Nachbarn.

Herzinfarkt durch Ruhelosigkeit

Lärm verursacht aber nicht nur Belästigungen, sondern führt auch zur Ausschüttung von Stresshormonen und gefährdet so die Gesundheit. Ab Schallpegeln (tagsüber) von 55 bis 60 Dezibel ist das Risiko für Bluthochdruck erhöht, ab 60 dB das Herzinfarktrisiko. Diese Werte werden in Österreich – beunruhigenderweise - sehr häufig überschritten.

„Der räumlichen und zeitlichen Ausdehnung von Lärm muss unbedingt Einhalt geboten werden“, fordert Prof. Dr. Peter Lercher vom Institut für Hygiene und Sozialmedizin der Med. Universität Innsbruck. „Ruhige Gebiete im ländlichen Bereich und ruhige Zonen in der Stadt, etwa Innenhöfe, müssen unter Schutz gestellt werden“, betont der Lärmexperte. In lauten Gegenden seien Rückzugsgebiete sehr wichtig. Aus der Lärmwirkungsforschung sei bekannt, dass Menschen, die in ihrer Wohnung eine Rückzugsmöglichkeit vom Lärm haben, sich weniger belästigt fühlen. Eine Innsbrucker Untersuchung habe darüber hinaus gezeigt, dass Kinder mit Rückzugsmöglichkeiten in Lesetests besser abschneiden.

Alarm schlagen

Um auf die Bedeutung von Ruhe aufmerksam zu machen, findet seit mehreren Jahren Ende April der „Tag gegen Lärm“ statt. An diesem Tag sollten alle, denen Ruhe ein Anliegen ist, laut auf die von vielen unterschätzte Gefahr Lärm hinweisen, so das Lebensministerium.

Geräusche quälen: Hyperakusis
Wenn der Filter der Gehörwahrnehmung nicht funktioniert, werden schon Geräusche zur Belastung. Der Körper reagiert mit Herzjagen, Schwitzen, Mundtrockenheit und Kopfschmerzen. Die Folgen können Konzentrations- und Schlafstörungen oder Depressionen sein, die Betroffenen schirmen sich zunehmend sozial ab. Als Ursache sehen Experten die zunehmende akustische Belastung der Umwelt an.

Von Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 17/2010

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