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Prof. Dr. Paul Kyrle Klinische Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie, Universitätsklinik für Innere Medizin Medizinische Universität Wien

 
Allgemeinmedizin 27. April 2010

Thrombose-Rezidivrisiko einfach bestimmen

In der jüngsten Ausgabe des Journals Circulation der AHA wurde das Vienna Prediction Model mit dem „Editors Pick“ als bedeutendste Arbeit ausgezeichnet.

Eine mehr als verdiente Würdigung jahrzehntelanger Arbeit, die jetzt im Ergebnis jedem Mediziner ermöglicht, auf einfache Art und Weise das Rezidivrisiko bei PatientInnen mit Venenthrombose oder Lungenembolie zu berechnen.

 

Überraschend allerdings: Das Modell kommt aus Österreich. Herzstück ist ein „Risk-Calculator“, der einfach online abrufbar ist. Im SpringerMedizin.at-Interview Prof. Dr. Paul Kyrle, der das Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Sabine Eichinger von Anfang an betreut hat.

 

Sie sind schon seit Jahrzehnten in der Forschung tätig. Wie kam es ausgerechnet zu dieser Idee?

KYRLE: Das ist ein Projekt, das ich zusammen ,it Frau Prof. Eichinger begonnen habe. Seit 20 Jahren verfolgen wir Patienten mit Venenthrombose nach Beendigung der blutverdünnenden Therapie prospektiv über die Jahre und beobachten, wer wieder eine Venenthrombose oder eine Lungenembolie bekommt, und was die Risikofaktoren dafür sind. Darüber gibt es sehr viele Publikationen, auch im New English Journal of Medicine und in anderen Journalen. Das hat letztendlich aber nicht dazu geführt, dass die Ergebnisse für die klinische Praxis relevant waren. Weil es immer nur einzelne Faktoren betraf.

 

Zum Beispiel?

KYRLE: Wie zum Beispiel, dass Männer ein höheres Risiko haben als Frauen oder dass Patienten mit Faktor 8 ein höheres Risiko haben als mit niedrigem Faktor 8. Deshalb haben wir ein System entwickelt, das uns mit wenigen Faktoren ermöglicht, für jeden einzelnen Patienten vorhersagen zu können, wie hoch sein Rezidivrisiko sein wird. Das geht mit dem Geschlecht, der Lokalisation der Thrombose und einem Laborbefund, dem D-Dimer, der einfach zu bekommen ist.

 

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

KYRLE: In der Praxis ist das ganz einfach. Es geht entweder tabellarisch oder im Internet. Man gibt das Geschlecht an, wo die Thrombose war – mit drei Möglichkeiten: Unterschenkel, Oberschenkel oder Lunge, und den D-Dimer-Wert, den man im Labor erhoben hat. Dann rechnet das Modell in einer Kurve aus, wie hoch innerhalb der nächsten fünf Jahre zu jedem Zeitpunkt das Risiko ist. Das ist der „Risk Calculator“, mit dem man für jeden einzelnen Patienten auf Grund seiner Charakteristika das Risiko vorausberechnen kann.

 

Das klingt sehr einfach. Wie schwierig war die Arbeit im Hintergrund?

KYRLE: Ja, das klingt einfach, es hat aber viele Monate gedauert, das statistisch und biometrisch zu berechnen. Das ist der Verdienst von Herrn Prof. Heinze, der ein sehr guter Statistiker ist. Wir haben alle Informationen und alle Risikofaktoren aus den vergangenen 20 Jahren gesammelt, immerhin von über 1000 Patienten. Das ist ein unglaublicher Berg an Daten, statistisch biometrisch aufgearbeitet, und alles Relevante und Wichtige ist in das Modell eingeflossen.

Das heißt, der Risk Calculator ist bereits im Internet nutzbar?

KYRLE: Ja, das geht über die Zeitschrift Circulation und über die Homepage der Medizinischen Universität Wien.

 

Wie genau sind die Ergebnisse des Risk Calculators?

KYRLE: Konfidenzintervalle sind dabei, das heißt, die Schwankungsbreite wird pro Patient und Fall mit ausgeworfen.

 

Was waren die schwierigsten Hürden in der langjährigen Forschungsarbeit?

KYRLE: Das waren multiple Hürden. Vor allem war es schwierig, eine so große klinische Studie, die über 20 Jahre läuft und an der viele, viele Leuten über Jahre mitgearbeitet haben und dann wieder ausgeschieden sind, zu finanzieren. Das war ein sehr teures und aufwendiges Unternehmen, vor allem von Seiten des Personals.

Mit Hilfe von Nationalbank, Bürgermeisterfonds und der Wiener Städtischen Versicherung ist es uns doch gelungen, immer wieder Gelder aufzutreiben, um das Projekt überhaupt finanzieren zu können. Das heißt, die Finanzierung war eigentlich das Schwierigste. Schwierig war auch, eine klinische Studie im akademischen Bereich ohne Pharmaindustrie so durchzuführen, dass auch saubere Daten herauskommen. Zusätzlich, dass man die Patienten nicht verliert – wir mussten ihnen immer nachgehen. Das war ein sehr großer Aufwand bei tausend Patienten über 20 Jahre.

 

Welche Tipps würden Sie Kollegen geben, wenn diese ein Forschungsprojekt planen?

KYRLE: Ganz ehrlich gesagt? Keine akademischen Studien durchführen. Das ist einfach nicht machbar in Österreich, da die öffentlichen Mittel dafür fehlen.

 

Würden Sie Ihre Forschungsleistung als Ihr Lebenswerk betrachten?

KYRLE: Naja Lebenswerk… es ist, gemeinsam mit Frau Prof. Eichinger, viel Arbeit über 20 Jahre gewesen. Begründet auf der sogenannten AUREC Studie, The Austrian Study on Recurrent Venous Thromboembolism, die international sehr renommiert ist.

Das ist weltweit die größte Studie zum Thema, mit der wir im Laufe der Jahre eh schon recht berühmt geworden sind. Jetzt haben wir das Ziel erreicht, das Patientenrisiko mit einfachen Mitteln, die für jeden zugänglich sind, zu berechnen. Ohne teure kostspielige Labortests an den Universitätskliniken. Jeder Arzt kann die Risikobewertung einfach durchführen.

 

Was sind Ihre Zukunftspläne?

KYRLE: Wir werden die Patienten natürlich weiter verfolgen und eine Validierungsstudie durchführen, auf internationaler Basis.

 

Das Gespräch führte Andrea Niemann

Der Risikorechner für die Praxis

Link zum Risk Calculator - HTML File (4 KB)

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