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Abb. 1: Speziell geformte Griffe bzw. Griffaufsätze zur Erleichterung der häuslichen Mundhygiene bei eingeschränkten motorischen Fähigkeiten

Abb. 2: Vergrößerungsgläser, die es auch mit Beleuchtung gibt, sollten Standartausrüstung in jedem Pflegebereich (häuslich oder institutionell) sein.

 
Zahnheilkunde 2. April 2010

Zahnpflege – Anleitung und Empfehlungen

Klinische Problemstellung mangelnde orale Hygiene

Ältere Menschen sind aus vorgenannten Gründen oft nur eingeschränkt zur Mundhygiene fähig. Daher gilt es unter Berücksichtigung dieser Bedingungen Strategien in punkto Zahn-, Prothesen- und Mundhygiene zu definieren, die eine schmerzfreie Funktion des Kauorgans gewährleisten und damit eine Beeinträchtigung der Lebensqualität verhindern.

Mundpflege im Alter

Die Problemstellung ist durch die bereits erwähnten, mehr oder weniger ausgeprägten Defizite definiert.

Abnahme der Sehkraft

Personen die zum Lesen einer Brille bedürfen, sind auch nicht in der Lage, die Qualität der Zahnreinigung ohne Sehbehelf zu kontrollieren. Dies ist ein Faktum, welches kaum Beachtung findet.

Sehhilfen und gängige Vergrößerungshilfen schaffen hier effizient Abhilfe (Abb. 2).

Abnahmen der Feinmotorik

Zu dünne Zahnbürstengriffe können beispielsweise in der täglichen Mundhygiene Hürden darstellen. Einfache Hilfsmittel, wie z.B. Griffaufsätze einzelner Firmen bzw. ein um den Bürstengriff gerolltes Tennisschlägergriffband, können hier leicht Abhilfe schaffen (Abb. 1).

Abnahme der geistigen Kapazität

Hilfestellung zur Hygiene sind in vielerlei Hinsicht notwendig und sinnvoll.

Pflegepersonen, die in ihrer Ausbildung meist nur schlecht bzw. gar nicht in puncto Mundpflege älterer Patienten geschult sind, gilt es, speziell für die Pflege Mittel in die Hand zu geben, die auf diese spezielle Situation abgestimmt sind.

Antimikrobielle Substanzen

Aus diesem Grund sind auch grundlegende Anforderungen an antimikrobielle Substanzen zu definieren (siehe Kasten).

Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft für Gerostomatologie wurde versucht, nach den oben genannten Anforderungen ein Produkt zu finden, das für den Einsatz bei älteren Patienten geeignet ist und alle gestellten Forderungen erfüllt. Zu diesem Zweck wurden einige gängige Produkte miteinander verglichen, wobei sich herausstellte, dass von den verglichenen Produkten einzig eine auf Teebaumöl basierende Mundspülung alle Ansprüche erfüllt. Teebaumöl hat, wie zahlreiche Studien zeigen, eine hohe minimal-inhibitorische Wirkung auf unterschiedlichste Krankheitserreger bei vergleichbar geringeren Konzentrationen als gebräuchliche, antimikrobiell wirkende Substanzen (Nennhoff et al. 1996, Hammer et al. 2002). Vor allem das breite Wirkungsspektrum, speziell auch auf oral pathogene Keime, scheint im Vergleich zu den heute im zahnärztlichen Gebrauch stehenden Substanzen, wie es Groppo (2002) bzw. Soukoulis & Hirsch (2004) in ihren Studien nachgewiesen haben, einen Vorteil aufzuweisen. Nicht nur die bakteriostatische und bakterizide Wirkung, sondern auch die gleichzeitig vorhandenen antimykotischen Eigenschaften (Vazquez et al., 2000; Shin 2003) scheinen diese Substanz für den Einsatz in der Alterszahnheilkunde besonders geeignet zu machen. Das in diesem Zusammenhang oft angeführte allergene Potenzial von Teebaumöl bezieht sich lediglich auf unrein hergestellte Teebaumölprodukte und kann bei industriell gereinigten Teebaumölprodukten fast gänzlich ausgeschlossen werden (Carsib & Riley 2001).

Fluoride

Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass älteren Personen Fluoride in ausreichender und effizienter Weise zugeführt werden. Hier hat sich eine Kombination aus Zahnpasta und Gel, bestehend aus stabilisiertem Zinn-(II-)Fluorid, zur lokalen Anwendung zur Karies- und Gingivitisprophylaxe sowie zur Behandlung von Zahnhalsüberempfindlichkeit als sehr wirksam gegenüber Natriumfluorid erwiesen (Imfeld 1997, 1999) und ist für institutionalisierte Patienten das Mittel der Wahl (Willumsen et al., 2007). Zur Orientierung der Mundhygienemaßnahmen bei älteren Personen wurden diese in vier Gruppen eingeteilt und entsprechende Pflegeempfehlungen definiert, welche als Hilfe zur täglichen Mundhygiene dienen können.

Allgemeine Pflegeempfehlungen

Begrifflich ist zwischen Zähneputzen und Speiserestentfernung zu unterscheiden. Dabei ist zu differenzieren zwischen Patienten mit

  • Eigenbezahnung,
  • Eigenbezahnung und festsitzendem Zahnersatz (Brücken oder Implantate),
  • Eigenbezahnung und abnehmbarem Zahnersatz (Teilprothese),
  • keiner Eigenbezahnung (Totalprothese).

 

Worauf kommt es bei der Zahnreinigung an?

  • Einmal täglich Zahnreinigung mit einer Zinn-(II-)fluoridhaltigen Zahnpasta (alle Zahnflächen gründlich reinigen, mindestens 10 min.), am besten abends, Zahnzwischenräume nicht vergessen
  • Nach dem Essen Speiserestentfernung (z.B. durch Spülen mit Wasser)

 

Worauf kommt es bei der Prothesenreinigung an?

  • Einmal täglich Prothesenpflege (mit Bürste und Reiniger)
  • Nach dem Essen Speiserestentfernung (z.B. durch Spülen mit Wasser)

 

Worauf kommt es bei der Mundreinigung an?

  • Vermeiden des Austrocknens der Schleimhaut in der Nacht
  • Mittel mit Langzeitwirkung durch besondere Galenik empfehlenswert (vermindert gerade bei älteren Personen den meist auftretenden Pilzbefall durch Candida albicans). In der Schweiz hat sich hier ein Mittel auf Teebaumölbasis für die Langzeitanwendung bewährt und durchgesetzt, was insbesondere durch Studien von Saxer und Kulik belegt wurde.

Pflegeempfehlung für Patienten der Gruppe A

Senioren der Gruppe A sind körperlich und geistig nicht beeinträchtigt. Sie können ihre Mundhygiene und Prothesenpflege selbstständig durchführen.

Wichtig:

  • Zähneputzen mit einer Zinn-(II-)fluoridhaltigen Zahnpasta mindestens einmal täglich vor dem Schlafengehen
  • Speiserestentfernung nach jedem Essen (auch bei Zwischenmahlzeiten) durch Spülen mit Wasser
  • Verwendung einer antimikrobiellen und fungiziden Mundspülung
  • Intensivfluoridierung mit stabilisiertem Zinn-(II-)fluoridhaltigen Gel einmal wöchentlich
  • Gründliche Reinigung des Zahnersatzes einmal täglich

 

Da die Mundhygiene selbstständig durchgeführt wird, ist eine Pflegeempfehlung für Pflegepersonen nicht notwendig. Die Patienten benötigen jedoch:

  • regelmäßige Motivation zur täglichen Mund- und Prothesenpflege
  • Demonstration geeigneter Hilfsmittel im Rahmen einer individuellen Prophylaxesitzung
  • zweimal jährlich professionelle Zahnreinigung bzw. professionelle Prothesenreinigung

Pflegeempfehlung für Patienten der Gruppe B

Patienten der Gruppe B sind in Bezug auf ihre Mundhygiene und Prothesenpflege hilfebedürftig, sehen schlecht, und ihre Motorik ist eingeschränkt. Im Allgemeinen können sie jedoch ihre Mundhygiene und Prothesenpflege selbstständig durchführen, Patienten dieser Gruppe benötigen jedoch Unterstützung:

  • Motivation zur selbstständigen Mundhygiene und Prothesenpflege, bei Bedarf Kontrolle und Hilfestellung durch Pflegepersonen
  • Auswahl, Demonstration und Handhabungskontrolle geeigneter Mundhygieneartikel: Zahnbürste, evtl. mit Spezialgriff, Prothesenbürste, Superbrush, elektrische Zahnbürste, Zahnzwischenraumbürste, Zahnpasta und Mundspüllösung
  • Hilfsmittel, z.B. Vergrößerungsspiegel mit Lichtquelle, Lesebrille, Sitzmöglichkeit
  • zweimal jährlich professionelle Zahnreinigung bzw. professionelle Prothesenreinigung

Pflegeempfehlung für Patienten der Gruppe C

Senioren der Gruppe C sind in ihren Fähigkeiten so weit eingeschränkt, dass sie bei der Mundhygiene und Prothesenpflege aktive Hilfe benötigen. Die Verantwortung für die Mundhygiene und Prothesenpflege unterliegt bei Patienten dieser Gruppe dem Pflegepersonal:

  • Motivieren Sie zum Versuch der selbstständigen Mundhygiene, kontrollieren Sie jedoch das Ergebnis und putzen Sie nach.
  • Mundhygieneartikel: Zahnbürste, evtl. mit Spezialgriff, Prothesenbürste, Superbrush, elektrische Zahnbürste, Zahnzwischenraumbürste, Zahnpasta und Mundspüllösung
  • Stellen Sie sich zum Zähneputzen hinter den Pflegebedürftigen, fixieren Sie seinen Kopf zwischen Ihrem Körper und Ihrem Arm. Es wird Ihnen so leichter fallen, Ihre eigene Putztechnik auf den Patienten zu übertragen.
  • Setzen Sie bettlägerige Patienten aufrecht, um das Verschlucken zu vermeiden. Nierenschale als Hilfe empfohlen.

 

Durchführen der täglichen Mundhygiene:

  • Prothesen sind vor der Mundhygiene herauszunehmen.
  • Mund gut und in Ruhe ausspülen lassen.
  • Zähne einmal täglich vor dem Schlafengehen putzen.
  • Vor dem Schlafengehen fungizide Mundspüllösung verwenden.
  • Einmal täglich Prothesen reinigen.

Pflegeempfehlung für Patienten der Gruppe D

Patienten der Gruppe D zeichnen sich durch einen sehr schlechten Allgemeinzustand aus, vielfach ist eine reguläre Mundhygiene nicht mehr möglich und spielt aus präventiver Sicht nur mehr eine untergeordnete Rolle. Liebevolle Zuwendung ist in dieser Situation das Wichtigste. Sollte der Patient signalisieren, dass er eine bestimmte Maßnahme oder ein bestimmtes Produkt nicht mag, weichen Sie bitte auf etwas anderes aus. Bei hochgradig pflegebedürftigen Senioren sowie Patienten, die über eine Magensonde ernährt werden, ist eine reguläre Mundhygiene nicht mehr möglich.

Folgende Maßnahmen sollten durchgeführt werden:

  • Mehrmals täglich antimikrobielle und fungizide Mundspülung, z.B. Lösungen mit Teebaumöl verwenden, alternativ Mund und Zähne mit getränktem Gazetupfer reinigen, evtl. Lippen eincremen.
  • Bei Mundtrockenheit Gabe von Speichelersatzmitteln: Hier hat sich z.B. Emofluor® Mundbefeuchter (Fa. Natim) sehr bewährt. Diese Maßnahmen sind auch bei Patienten mit Magensonde durchführbar.

Fazit

Bei Senioren finden wir in Bezug auf die Mundhygiene wesentlich komplexere Situationen vor als bei jüngeren Personen. Wir müssen daher durch gezielte, individuelle Unterstützung sicherstellen, dass die Mundgesundheit und damit die Lebensqualität erhalten bleiben.

Korrespondenz: Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl Abteilung für Zahnersatzkunde der Univ.-Klinik ZMK in Graz. Dr. Gerwin V. Arnetzl Univ.- Klinik für ZMK Graz Auenbruggerplatz 12 A-8036 Graz Kontakt:

Anforderungen an antimikrobielle Substanzen zur Mundpflege des älteren Patienten
breites Wirkungsspektrum gegen Mikroorganismen
hohe Wirksamkeit bei geringer Wirkstoffkonzentration
gegen Pilzinfektionen erfolgreich und ohne Nebenwirkungen einsetzbar
keine Nebenwirkungen, wie z.B. Zungenbrennen, Geschmacksveränderungen, Verfärbungen an Zähnen und Mundschleimhaut
entzündungshemmend
Langzeitanwendung ohne Nebenwirkungen
alkoholfrei, da häufig gleichzeitig eine Xerostomie vorliegt
gute Galenik, damit eine lange Verweil- und Wirkdauer vor Ort gesichert ist
keine Inaktivierung durch Tenside (Schaumbildner in Zahnpasten)
einfache Anwendbarkeit

Gerwin Arnetzl, Gerwin V. Arnetzl, Graz, 1/2010

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