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Foto: wikipedia
Für das freie Auge unsichtbar schwirren in der Frühlingsluft nahezu unendlich viele und verschiedene Pollenkörner – für Allergiker eine unangenehme Zeit.
 
HNO 16. März 2010

Pollen lösen nicht nur Triefnase aus

Kreuzallergien führen zur Unverträglichkeit von Lebensmitteln.

Wenn die Nase läuft, der Gaumen kribbelt und die Mundschleimhaut schwillt, sind nicht immer nur ausschließlich die Pflanzenpollen schuld an den Beschwerden. Wer auf die – unter dem Mikroskop sehr hübsch anzusehenden – winzigen Körnchen mit einer Allergie reagiert, ist häufig auch auf bestimmte Lebensmittel empfindlich, und zwar mit den oben genannten lästigen Symptomen. Für den Arzt ist es wichtig, die Auslöser zu kennen.

Die Praxis zeigt, dass Unverträglichkeitsreaktionen auf Lebensmittel in der Bevölkerung häufig sind. Doch nur vereinzelt wurde die Prävalenz systematisch untersucht. In Frankreich findet sich eine Prävalenz von 2,1 Prozent für Kinder, während epidemiologische Studien in Deutschland auf eine Rate von bis zu 35 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Berlin schließen lassen.

Kreuzallergien

Früchte, Gemüse und Nüsse gehören zu den häufigsten Auslösern einer Nahrungsmittelallergie im Erwachsenenalter. Meist liegt diesen allergischen Reaktionen eine primäre Sensibilisierung gegen verschiedene Pollen zugrunde. Fast 20 Prozent der Bevölkerung in Zentraleuropa leiden unter einer Pollenallergie, und die meisten Allergiker mit einer Birkenpollenallergie entwickeln mit der Zeit auch eine Allergie gegen pollenassoziierte allergene Nahrungsmittel.

Bei abnormen Reaktionen auf Nahrungsmittel kann nicht unisono von Nahrungsmittelallergien gesprochen werden. Nach dem Positionspapier der Europäischen Akademie für Allergologie und klinische Immunologie wird die Nahrungsmittelunverträglichkeit nach pathogenetischen Gesichtspunkten eingeteilt.

Bei einer Nahrungsmittelallergie werden im Rahmen einer allergischen Sensibilisierung vom Körper allergenspezifische Antikörper (am häufigsten IgE) und hierdurch sekundär sensibilisierte T-Effektorzellen gebildet, die spezifisch gegen die Nahrungsallergene reagieren. Da diese Mechanismen einer Typ-1-Reaktion entsprechen, können die Symptome schon durch geringste Mengen des betreffenden Nahrungsmittels ausgelöst werden. Eine vollständige Elimination der entsprechenden Allergene aus der Nahrung führt zur vollständigen Rückbildung der Symptome, wobei eine erneute Allergenaufnahme die Symptomatik erneut auslöst. Davon abzugrenzen sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten, da es sich hier um nicht immunologische Reaktionen handelt.

Das orale Allergiesyndrom

Das orale Allergiesyndrom (OAS) ist eine typische Begleitreaktion einer Pollinosis, bedingt durch pollenassoziierte kreuzreaktive Antikörper. Symptomatisch äußert es sich kurz nach dem Verzehr eines kreuzreaktiven Nahrungsmittels, wobei sich diese Symptome überwiegend nur geringgradig ausbilden. Allerdings kann sich in seltenen Fällen daraus auch eine Chelitis und Glossitis bis hin zum extremen Zungengrund- und Larynxödem mit lebensbedrohendem inspiratorischem Stridor entwickeln. Deshalb ist es wichtig, die Symptomatik rechtzeitig zu erkennen, richtig einzuordnen und adäquat und leitliniengerecht zu behandeln.

Die allergisch-anaphylaktische Reaktion reicht von Zungen- und Lippenbrennen über rezidivierende Schleimhautschwellungen, Halskratzen, Gaumenjucken, Schluckstörungen bis hin zur akuten Atemnot. Es kann auch zu Ohrenschwellungen, Fließschnupfen, Nasenblockade und Augenjucken kommen.

Der Schweregrad der Symptomatik ist wesentlich abhängig vom Sensibilisierungsgrad des Betroffenen, der Dosis, der Resorbierbarkeit des aufgenommenen kreuzreaktiven Allergens und der Lokalisation der Schleimhautschwellung (z. B. Pharynx, Larynx). Ebenfalls kann die Pollenexposition während der Saison einen Einfluss auf die Reaktion haben („Priming“). In dieser Zeit ist das Immunsystem der Betroffenen durch die Pollen schon „aktiviert“, sodass die Potenz zur Reaktion auf die Kreuzallergene erhöht ist.

Da bei den meisten Patienten mit einer Pollinosis Mehrfachsensibilisierungen auf verschiedene Pollenarten bestehen, kann das Spektrum der Nahrungsmittel, bei denen eine assoziierte Reaktion entsteht, vielfältig sein. Die am besten untersuchten Kreuzallergene sind die der Birkenpollen, die in Mitteleuropa am häufigsten für pollenassoziierte Nahrungsmittelallergien verantwortlich zu sein scheinen (v. a. über das Majorallergen Bet-v1. Hierzu zählt v. a. die Kern- und Steinobstallergie: Apfel, Haselnuss, Pfirsich und Kirsche sind die dafür relevantesten Obstsorten).

Bisher wurden sieben allergieauslösende Birkenproteine ausgemacht, von denen drei als strukturhomolog zu Nahrungsmittelproteinen gelten und für die Reaktionen verantwortlich gemacht werden.

Prävention möglich?

Die Frage, ob eine Hyposensibilisierung gegen Pollen auch einen sekundärpräventiven Effekt bei einer Nahrungsmittelallergie haben kann, ist derzeit durch kontrollierte klinische Studien noch nicht ausreichend beantwortet. Der allergologischen Erfahrung entsprechen allerdings vereinzelte Studienergebnisse, nach denen 50 bis 80 Prozent der Baumpollenallergiker, bei denen eine SIT mit Baumpollenallergenen durchgeführt wurde, auch bezüglich ihrer kreuzallergenbedingten Nahrungsmittelallergien von der Therapie profitierten. In anderen Studien ließ sich dies allerdings nicht bestätigen.

 

Quelle: Kreuzallergien mit Nahrungsmitteln von Prof. Dr. Ludger Klimek, in MMW Fortschr Med 2010; 152(8):31-33; springermedizin.de

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