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Wer in Arbeit unterzugehen droht, flüchtet nicht selten vor privaten Problemen.
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Dr. Stefan A. Bayer Präsident der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin

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Mag. Andrea Freundl Arbeitspsychologin im H&S Management der RHI AG, Radenthein

 
Arbeitsmedizin 9. März 2010

Bye-out – ein neues Syndrom

Droge Arbeit gegen Probleme daheim.

Psychosozialer Stress, Burnout, posttraumatische Belastungsstörung – jeder Vierte wird von diesen Störungen irgendwann einmal in seinem Leben heimgesucht. Das wirkt sich auch auf das Berufsleben aus und führt zu Fehlzeiten. Oft sind es allerdings private Probleme, die die Arbeit belasten. Wenn der Grund für Arbeitsüberlastung im Entfliehen vor Auseinandersetzungen zu Hause liegt, greifen die üblichen Burnout-Therapien zu kurz.

In den vergangenen Jahren erlangt die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen den aktuellen Anforderungen der Arbeitswelt und dem vermehrten Auftreten von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in der Bevölkerung gibt, wachsende Bedeutung, sowohl in der Politik als auch in den Wissenschaften und den Berufsverbänden.

Der Begriff „Burnout“ ist beinahe zu einem Modewort geworden – sehr zum Leidwesen von Arbeitspsychologen und auch Arbeitsmedizinern, die immer öfter feststellen, dass die Symptome von Betroffenen und deren Umfeld oft erst dann ernst genommen werden, wenn es schon zu spät ist. Eine einheitliche Definition des Burnout-Syndroms gibt es nicht. Wörtlich übersetzt, bedeutet „to burn out“ ausbrennen.

Burnout: keine Modediagnose

Bereits Goethe soll am Burnout gelitten haben. Graham Greene beschreibt in seinem Roman „A Burn Out Case“ einen Architekten, der seiner Arbeit gegenüber zunehmend desillusioniert eingestellt ist. Die Romanfigur Thomas Buddenbrook wird als müder verdrossener Mann beschrieben, dem jede Aktivität eine Anstrengung abverlangt. Diese literarischen Fallbeispiele zeigen, dass Burnout keine Modediagnose, sondern schon lange bekannt ist.

Erschöpfungssyndrom bei Ärzten

Zum ersten Mal benutzte der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger 1974 den Begriff Burnout-Syndrom. Er hatte bei Ärzten einen Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung durch andauernde und wiederholte Belastungen festgestellt.

Danach versuchten viele Experten, das Burnout-Syndrom näher zu beschreiben: Pathogenetisch mündet beim Burnout-Syndrom ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Persönlichkeitseigenschaften und beruflichen Umweltfaktoren mittel- bis langfristig in eine verhängnisvolle seelische, körperliche, psychosoziale und vor allem berufliche Sackgasse.

Eine spezifische „Burnout-Persönlichkeit“ existiert nicht. Besonders gefährdet sind allerdings Personen, die anfangs enthusiastisch und voller Tatendrang zur Arbeit schreiten und hohe Erwartungen an sich selbst stellen. Um alle selbst gesteckten Ziele zu erreichen, werden Familie, Freunde und Freizeit vernachlässigt. So schlägt die „brennende Begeisterung“ oft um in „ausgebrannt sein“. Unbehandelt kann dieses Problem bis zur Depression führen.

Boreout bezeichnet den Gegenpart zum Burnout. Wenn man an konsequenter Unterforderung im Job leidet, führt das zu Desinteresse und Langeweile.

Flucht in die Arbeit

Unsere Untersuchungen mittels Biofeedback, Impuls-Test und Lebensqualitätsindex an mehr als 350 Mitarbeitern in der Industrie und in Dienstleistungsbetrieben haben jedoch gezeigt, dass die Ursachen für ein Burnout-Syndrom zu nur 30 bis 35 Prozent in der Arbeit zu suchen sind. Nachfolgende Mitarbeiter-Coachings haben diesen Trend bestätigt.

In der überwiegenden Zahl der Fälle spielt sich ein vergleichbares Szenarium ab:

Es kommt zur Verabschiedung von den privaten, meist familiären Problemen („Good bye“) und zur Flucht in den Arbeitsalltag. Private Probleme werden also an den Arbeitsplatz mitgenommen. Man deckt sich mit Arbeit ein, man findet in der Arbeit Erfüllung, vorerst zumindest.

Hier kommt auch das Phänomen des „Präsentismus“ ins Spiel: Unvollkommene Leistungsfähigkeit (nicht Leistungsbereitschaft) infolge privater Probleme. Mit Präsentismus (von Präsenz = Anwesenheit) bezeichnet zwar die Arbeitsmedizin das Verhalten von Arbeitnehmern, die trotz Krankheit am Arbeitsplatz sind. Das Gegenteil ist der Absentismus, umgangssprachlich auch „Krankfeiern“ genannt. Im engen Sinn entsteht also Präsentismus durch psychische, physische, chronische oder sporadische Erkrankungen. Jedoch ist Präsentismus aus arbeitspsychologischer Sicht mehr, denn im weiten Sinn bedeutet Präsentismus auch verminderte Leistungsfähigkeit durch Müdigkeit oder Erschöpfung, die entsteht, wenn private und/oder berufliche Probleme nicht bewältigt werden können. Persönliche Probleme wie Scheidung, finanzielle Schwierigkeiten und Schulden, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Hausbau, Probleme mit den pubertierenden Kindern, Rechtsstreitigkeiten etc. können ebenfalls die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit der betroffenen Mitarbeiter stark beeinträchtigen.

Kommt es nun zu einer Überforderung und sogar zum Burnout, das haben unsere Untersuchungen gezeigt, so ist die Ursache vorrangig nicht im Arbeitsumfeld und der Arbeitsorganisation zu suchen. Die primäre Ursache liegt zumeist im privaten Bereich.

Die klassische Therapie gegen Burnout greift hier zu kurz oder setzt sogar an der falschen Stelle an. Dies zeigt auch die amerikanische Burnout-Forscherin Christine Maslach und ihr Kollege M.P. Leiter. Sie haben in ihrem Buch Die Wahrheit über Burn-Out die Therapieoptionen genauer vorgestellt:

 

  • Arbeitsbelastung reduzieren
  • Wahl- bzw. Kontrollmöglichkeiten einbauen
  • Ausreichend Anerkennung
  • Gemeinschaftsgefühl
  • Fairness, Respekt, Gerechtigkeit
  • Wertschätzung der Arbeit

Dies ist zwar durchaus eine sekundäre Hilfe in der Behandlung von Burnout, greift aber zu kurz. Primär muss die Burnout-Hilfe und auch -Prävention weniger beim Arbeitsumfeld als vielmehr beim Mitarbeiter direkt ansetzen. Hier kann es durchaus auch sinnvoll sein, wenn Familienangehörige mit einbezogen werden. Wir haben daher dieses Syndrom zur besseren Unterscheidbarkeit vom klassischen Burnout-Syndrom „Bye-out-Syndrom“ genannt (siehe Kasten).

Zusammenfassung

Es geht nicht darum, die Existenz von Burnout-Prozessen in der beruflichen und sozialen Dynamik zu bezweifeln. Die Veränderungen in der modernen Arbeitswelt und den sozialen Beziehungen stellen einen wichtigen Hintergrund für die Entstehung dieses Phänomens dar. Das Besondere am Burnout-Konzept ist die Interpretation der psychischen, sozialen und somatischen Probleme als Folge einer „unerträglichen“ beruflichen oder sozialen Anforderungssituation. Die Ursachen werden nach „außen“ verlagert, sodass nicht das Individuum im Gesamten seiner Entwicklung „Schuld“ an der Entstehung der Problematik hat, sondern der Kontext der Arbeit und seine Anforderungen. Von Bedeutung ist hier die Frage, welche Einflüsse diese Art der Krankheitsverarbeitung auf die Veränderungsmotivation und die mögliche Therapie hat, wenn nicht das Individuum, sondern die Bedingungen in der Außenwelt das Problem scheinbar verursachen. Hier ist zu fragen, wie viel Bereitschaft der Betroffene zeigt, eigene psychische Anteile im therapeutischen Prozess aktiv aufzugreifen und zu verändern.

Fall 1:
Josef Maier hat seit der Geburt seiner behinderten Tochter starke Schuldgefühle. Die sich daraus ergebende familiäre Situation belastet ihn stark. Er findet seine Bestätigung und seinen Ausgleich in der Firma. Er übernimmt immer mehr Arbeitsaufgaben und „deckt sich zu“ mit Arbeit. Nach mehr als vier Jahren kommt es zum Zusammenbruch, zum Burnout. Die klassische Therapie in einem Sanatorium dauert lange, versagt aber schlussendlich. Denn nur das Symptom „Arbeitsüberlastung“ wird erkannt und Empfehlungen an den Arbeitgeber werden mitgegeben. In einem arbeitspsychologischen Test und mehreren nachfolgenden Gesprächen stellt sich aber die belastende familiäre Situation heraus. Nach einer Familientherapie unter Einbeziehung der Ehegattin und der behinderten Tochter geht es wieder „aufwärts“.

Fall 2:
Erika Müller hat eine Scheidung nach langjähriger Beziehung hinter sich, von der in der Firma kaum jemand etwas weiß. Nachdem sie mit niemandem darüber spricht, kennt man das Problem am Arbeitsplatz aber auch nicht. Sie ist abends immer die Letzte, die das Büro verlässt, arbeitet oft am Wochenende von zu Hause aus, und auch ihre Vorgesetzten schätzen ihren Arbeitseifer. Dadurch zieht sie auch immer mehr Arbeit an sich und findet Erfüllung in der Arbeit. Es ist ihr Ausgleich vom „Alleine sein“. Doch nach Jahren wird ihr das Ganze zu viel, sie bricht zusammen. Die Therapie deckt zum Glück den wahren Hintergrund der Problematik auf und setzt bei der Ursache – nicht am Arbeitsplatz – an. Heute ist Müller eine selbstbewusste alleinstehende Frau, die ihr Privatleben durch einen anderen Ausgleich schafft und im Unternehmen wieder ein vollwertige Mitarbeiterin ist. Namen aus Datenschutzgründen geändert
Fallbeispiele Bye-out-Syndrom

Von Dr. Stefan A. Bayer und Mag. Andrea Freundl, Ärzte Woche 10 /2010

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