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Diabetologie 4. Dezember 2008

Betreuung statt Intervention

Die Möglichkeiten des Disease-Management-Programms „Therapie Aktiv“.

Der Anstieg von chronischen, nicht übertragbaren Krankheiten stellt weltweit eine große Herausforderung dar. Die Weltgesundheitsbehörde schätzt, dass solche Krankheiten wie etwa Krebs, Diabetes mellitus Typ 2, kardiovaskuläre Erkrankungen und ähnliche Leiden für 60 Prozent der globalen Mortalitätsrate verantwortlich sind. Es ist außerdem bekannt, dass der Lebensstil große Auswirkungen auf diese Krankheiten hat und Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung sowie mangelnde Bewegung zu deren Entwicklung maßgeblich beitragen. Des Weiteren spielt die Motivation der Patienten in der erfolgreichen Behandlung dieser Krankheiten eine wesentliche Rolle. Daher werden Programme entwickelt, um für diese Faktoren zu sensibilisieren.

 

Als ganzheitliches Instrument zur Steuerung der Behandlung und Betreuung von Patienten begleitet das Disease-Management-Programm den Prozess funktions- und leistungsebenenübergreifend über den gesamten Krankheitsverlauf hinweg.

Österreich wird eingeschult

Diabetes mellitus Typ 2 entspricht den Kriterien einer typischen disease-management-fähigen Erkrankung. Die Steiermärkische Gebietskrankenkasse wurde im Rahmen eines Innovationsprojektes des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger beauftragt, ein Disease-Management-Programm (DMP) für Diabetes Typ 2 zu entwickeln. 2004 wurden die einzelnen Komponenten des Programms fertiggestellt und behandlungsrelevante Bereiche, wie etwa die Therapiepfade, mit der Österreichischen Diabetesgesellschaft und der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin akkordiert. Ebenso wurde ein Schulungskonzept für ganz Österreich erarbeitet, das von der heimischen Ärztekammer als einheitliche Schulungsunterlage für das DMP „Therapie Aktiv“ anerkannt wurde.

Homogenität der Behandlung verbessern

Vorrangiges Ziel ist vor allem die Verbesserung struktureller Probleme, wie ein verzögerter Therapiebeginn, Inhomogenität der Behandlung und mangelndes Schnittstellenmanagement. Hier soll künftig durch die einheitliche Patientenversorgung ein Benefit erzielt werden. Zahlen aus dem Jahr 2004 (FOKO) ergaben, dass im niedergelassenen Bereich weniger als 50 Prozent der Diabetiker einen Augenarzt konsultierten, weniger als 60 Prozent eine HbA1c-Messung und weniger als 40 Prozent eine Fußuntersuchung hatten.

Betreuung optimieren und Patienten schulen

Der „Therapie Aktiv“-Arzt sorgt für die strukturierte Behandlung während des gesamten Krankheitsverlaufes unter dem Motto „Langzeitbetreuung anstelle anlassbezogener Intervention“.

Für die beste Versorgung des Patienten ist auch dessen Motivation ausschlaggebend. Ein ganz wesentliches Ziel von „Therapie aktiv“ ist es daher, Patienten in ihrer Selbstverantwortung zu stärken. Es ist die Aufgabe des DMP-Arztes, zusammen mit dem oder der Betroffenen immer wieder neue, in kleinen Schritten erreichbare Zielvereinbarungen zu treffen und ihn/sie bei deren Umsetzung zu unterstützen.

Einen weiteren wichtigen Teil des Programms stellt die Diabetikerschulung dar, die in Kleingruppen nach dem Düsseldorfer Modell durchgeführt wird.

Die Teilnahme an der „Therapie Aktiv“ erfolgt für Arzt und Patient freiwillig. Interessierte Personen mit Typ-2-Diabetes mellitus können sich bei einem eigens hierfür geschulten Arzt einschreiben. Die vierstündige Ärzte-Basisschulung für das DMP wird in allen teilnehmenden Bundesländern angeboten. Der notwendige Mehraufwand, wie z.B. die Fußuntersuchung und die Dokumentation, wird mit einem zusätzlichen Honorar abgegolten.

Fußambulanzen

Eine weitere wichtige Aufgabe eines Disease-Management-Programms ist die Optimierung des Nahtstellenmanagements zu höheren Ebenen, wie etwa Spitalsambulanzen. In der österreichischen Gesundheitslandschaft sind diese Spezialeinrichtungen noch nicht flächendeckend vorhanden. Insgesamt gibt es 72 Diabetesambulanzen, von denen wiederum nur 44 über eine Fußambulanz verfügen. Da jedoch 15 Prozent der Diabetiker am diabetischen Fußsyndrom, einer schwerwiegenden Folgeerkrankung des Diabetes mellitus leiden, ist es wichtig, die Versorgungsstruktur in diesem Bereich zu verbessern, um das Amputationsrisiko zu senken. Dazu werden in einem Pilotprojekt der Gesundheitsplattform in vier steirischen Krankenanstalten Fußambulanzen eingerichtet. Das Projekt hat das Ziel, vor dem Aufbau einer flächendeckenden Versorgung Grundlagen zu erarbeiten und zu erproben. So soll beispielsweise der Bedarf an Fußambulanzen zur flächendeckenden Versorgung ermittelt werden. Jene in der Steiermark sollen bis 2009 in Betrieb gehen.

Status quo

Das Programm wurde im Februar 2007 gestartet und läuft nun bereits in den Bundesländern Steiermark, Niederösterreich, Wien, Salzburg und Tirol. In Oberösterreich und dem Burgenland gibt es strukturierte Diabetikerprogramme. In Oberösterreich ist eine Überführung vereinbart, im Burgenland angedacht. In Vorarlberg wird das Programm voraussichtlich mit Jänner 2009 starten. In Kärnten ist ein Start ebenso für das nächste Jahr geplant.

Insgesamt sind derzeit österreichweit 5.303 Patienten und 332 Ärzte in das Programm „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ eingeschrieben. Über die Internetplattform www.therapie-aktiv.at, können die Patienten Informationen über den nächstgelegenen DMP-Arzt bekommen. Bei den in der Tabelle angeführten Zahlen handelt es sich um die derzeit in das Programm eingeschriebenen Ärzte und Patienten (siehe Tabelle).

Es wird noch bundesweiter Anstrengungen bedürfen, dass allen Diabetikern dieses Programm angeboten werden kann. Hierbei gilt es vor allem Ärzte im niedergelassenen Bereich für dieses Programm zu begeistern; erreichen sie dadurch doch nicht nur eine bessere Patientenbindung und eine Zusatzhonorierung, sondern vor allem eine verbesserte strukturierte Betreuung ihrer Patienten.

Stand der derzeit in das Programm eingeschriebenen Ärzte und Patienten (10/2008)
Disease Management eignet sich vor allem für Krankheiten mit • hoher Prävalenz, • Beeinflussbarkeit des Krankheitsverlaufes, • einer ausgeprägten Variabilität der medizinischen Maßnahmen und Interventionen, • Verfügbarkeit von Leitlinien • hohen Behandlungskosten.

Von Prim. Dr. Gert Klima, Ärzte Woche

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