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Diabetologie 9. Februar 2010

Zucker und Zigaretten

Der Weg in Richtung Diabetes ist schon von Jugend an vorgezeichnet, wenn die Umwelt von Rauchschwaden vernebelt ist.

Die Beziehung zwischen Diabetes und Rauchen ist eine unheilvolle Affäre. Mit jeder Zigarette vergrößern sich die Risiken für schwere Komplikationen. Es gehört daher zur Behandlung der Krankheit, Diabetiker zum Rauchstopp zu motivieren. Noch besser wäre es, wenn Jugendliche erst gar nicht damit beginnen würden. Denn das Laster führt direkt zur Entwicklung des metabolischen Syndroms, zur Verringerung der Insulintoleranz und zum Diabetes. Schon das Passivrauchen ist mehr als problematisch, betonten Experten der Österreichischen Diabetes Gesellschaft bei einer Pressekonferenz.

 

Kinder ahmen Erwachsenenposen gerne nach: Die blasierten Bewegungen beim Zigarettenrauchen, der weiße Glimmstängel zwischen zwei gestreckte Finger gekonnt eingeklemmt, den Rauch nachdenklich aus Mund und Nase blasend – diese Haltung erscheint jedenfalls sehr nachahmenswert. Nur zu bald ersetzen die Kleinen Schokozigaretten oder Strohhalm durch echte Rauchwaren und versammeln sich zur Raucherrunde vor dem Schultor.

Rauchen macht Diabetes

Was sie und auch die meisten erwachsenen Raucher nicht wissen: Rauchen verursacht (auch) Diabetes. Das Risiko, am Typ-2-Diabetes zu erkranken, erhöht sich bei Erwachsenen durch das Rauchen um ein Dreifaches, da neben den anderen schädlichen Auswirkungen auch die Insulinresistenz negativ beeinflusst wird. Rauchen senkt die Glukosetoleranz (siehe Grafik 2) und verschlechtert die Blutzuckerkontrolle bei manifester Diabetes-Erkrankung.

Rauchende Jugendliche haben sogar ein vierfach erhöhtes Risiko, am „Alterszucker“ zu erkranken. Wenn Jugendliche rauchen, wird das sofort zum Problem, warnt etwa der Wiener Internist Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Past-President der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG): „Jugendliche werden allein durch das Passivrauchen sichtbar geschädigt. Das fängt bei Schäden an den Zähnen an und geht bis zu den Gefäßen, bis zur Neigung, Diabetiker zu werden.“

Rauchschwaden als Gefahr

So werden selbst jene Personen in ihrer Gesundheit gefährdet, die standhaft bleiben und nicht zur Zigarette greifen. Die Folgeschäden des Passivrauchens werden allgemein stark unterschätzt: So ist Passivrauchen bei Diabeteserkrankten für die Entwicklung der Arterienverkalkung genauso gefährlich wie Aktivrauchen bei Nichterkrankten. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass allein das Passivrauchen den Alterungsprozess der Halsschlagader um 67 Prozent beschleunigt.

Dr. Helmut Brath, Leiter der Diabetesambulanz am Wiener Gesundheitszentrum Süd, hat ein drastisches Beispiel für die Schädlichkeit des Rauchens bereit: „Wenn man in einer Garage einen Dieselmotor – wohlgemerkt ohne Partikelfilter(!) – eine halbe Stunde lang laufen lässt und danach den Feinstaub misst, hat man nicht einmal zehn Prozent des Feinstaubs, den drei Zigaretten im gleichen Raum beim Abheizen abgeben.“ Die Folge der Feinstaubbelastung durch das Rauchen: Nichtdiabetiker entwickeln leichter einen Diabetes, und Diabetiker bekommen häufiger Gefäßkomplikationen. Frauen sind besonders gefährdet.

Hungerbekämpfung

Junge Mädchen und Frauen, die zur Zigarette greifen, um den Hunger zu bekämpfen und schlank zu bleiben, handeln sich nicht selten dadurch erst recht ein metabolisches Syndrom ein (siehe Grafik 1). Das Risiko für diese Vorstufe des Diabetes erhöht sich, weil die Bildung des Bauchfetts angeregt wird. Ludvik: „Ich finde, das ist sehr alarmierend, denn das ist unabhängig davon, ob sie dick oder dünn sind, sich viel oder wenig bewegen.“

Rauchstopp

Weil Nichtrauchen für die Vermeidung von Diabetes-Komplikationen von eminenter Bedeutung ist, wurde das Thema Raucherentwöhnung auch in die neuen Therapieleitlinien des ÖDG aufgenommen. Aus medizinischer Sicht, so die Diabetesexperten, ist ein Rauchstopp bei Diabetikern eine unerlässliche Maßnahme zur Risikominderung – gleichzusetzen mit der Einstellung des Blutzuckers, des Blutdrucks oder der Lipide. Ärzte sollten deshalb die Raucherentwöhnung mit gleicher Intensität vorantreiben wie die Einstellung des Blutzuckerspiegels.

Der Fagerströmtest

Die wesentlichen Punkte der Raucherdiagnostik sind die Messung des Kohlenmonoxidgehalts der Ausatemluft bei jedem neuen Patienten und die Feststellung der Nikotinabhängigkeit mittels des Fagerströmtests für Nikotinabhängigkeit. Etwa ein Drittel der Raucher ist stark körperlich abhängig.

Der Fagerströmtest beruht auf der Beantwortung von sechs Fragen und einer Punktewertung zur Einschätzung der Nikotinabhängigkeit.

Die Fragen an den Patienten lauten:

  • Wann nach dem Aufstehen rauchen Sie Ihre erste Zigarette?
  • Finden Sie es schwierig, an Orten, wo das Rauchen verboten ist, das Rauchen zu unterlassen?
  • Auf welche Zigarette würden Sie nicht verzichten wollen? Die erste am Morgen? Andere?
  • Wie viele Zigaretten rauchen Sie im Allgemeinen pro Tag? Bis 10, 11 bis 20, 21 bis 30 oder 31 und mehr?
  • Rauchen Sie am Morgen im Allgemeinen mehr als am Rest des Tages?
  • Kommt es vor, dass Sie rauchen, wenn Sie krank sind und tagsüber im Bett bleiben müssen?

Für den behandelnden Arzt ist es, so Prof. Dr. Hermann Toplak von der Universitätsklinik für Innere Medizin Graz, jedenfalls durchaus eine Herausforderung, Patienten zum Rauchstopp zu motivieren.

Eine Raucherberatung ist jedenfalls nach den neuen Diabetes-Leitlinien integraler Bestandteil der Patientenschulung. Oder, wie Brath präzisiert, eigentlich sei es die Aufgabe, Patienten zum Aufhören-Wollen zu motivieren: „Nur wer aufhören möchte, kann auch aufhören.“

Das Problem ist, dass jugendliche Raucher nur selten überhaupt einen Arzt aufsuchen, der sie sanft in Richtung Nichtrauchen lenken könnte. Brath, auf das Problem angesprochen, dass der Hausarzt nur selten Ansprechpartner von jungen, in der Regel gesunden Menschen ist: „Hier sind die Kinderärzte und Gynäkologen gefordert, aktiv zu werden.“

Gelingt der Rauchstopp, reduziert sich die Mortalität durch KHK. Brath: „Die Raucherentwöhnung verringert Komplikationen besser als eine gute Blutzuckereinstellung (HbA1c).“

Debatte um Rauchverbote

Rauchverbote in öffentlichen Räumen und Restaurants könnten die Rauchgewohnheiten langfristig verändern, die Gesundheit von Jugendlichen schützen und die durch das Rauchen verursachten Todesraten senken. In Italien, wo das Rauchverbot bereits ohne Probleme eingeführt worden ist, sind die Todesfälle und Einweisungen ins Krankenhaus wegen Herzinfarkt und instabiler Angina pectoris bei 35- bis 64-Jährigen um 11,2 Prozent zurückgegangen. Ludvik: „Hier erflehen wir ein Machtwort aus Brüssel. Ich finde es fahrlässig, als Gesundheitsminister eine andere Position zu vertreten, als ein generelles Rauchverbot in Lokalen durchsetzen zu wollen.“

Von Inge Smolek, Ärzte Woche 6 /2010

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