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Foto: flickr / Lee Coursey
Die Parodontitis kann unter bestimmten Umständen am Anfang des körperlichen Verfalls stehen. Dies gilt insbesonders für ältere, chronisch kranke Menschen.
 
Allgemeinmedizin 17. November 2009

Der Teufel hat lange Zähne

Parodontale Erkrankungen, Diabetes und Mangelernährung haben eines gemeinsam: Sie treten oft bei alten Menschen auf und können einen Teufelskreis initiieren.

Wie eng die Korrelation zwischen parodontalen Problemen und anderen typischen Krankheitsbildern bei älteren Patienten ist, wurde Anfang Mai 2009 von Experten im Rahmen des 4. gemeinsamen österreichisch-deutschen Geriatriekongresses im Congress Center Wien erörtert.

 

Die Prävalenz von Parodontitis in den westlichen Ländern ist mit zehn Pro-zent bei über 65-jährigen und 25 Prozent bei über 85-jährigen Patienten sehr hoch. „Außerdem weist die Hälfte aller Diabetiker Zeichen einer schweren parodontalen Erkrankung auf“, so Prof. DDr. Gerhard Kolb, Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Geriatrie am St.-Bonifatius-Hospital in Lingen, Deutschland.

Das Zusammenspiel Parodontitis und Diabetes führt in einen Teufelskreis: Am Anfang steht meist eine unbehandelte Gingivitis, die schließlich zu einer tiefer gehenden Entzündung führt und einen radiologisch nachweisbaren vertikalen Knochenabbau nach sich zieht. Die Folge ist Zahnverlust, welcher – oft bedingt durch eine mangelhafte prothetische Versorgung – zu Problemen bei der Nahrungsaufnahme führt.

Die schlechte Kaufunktion wiederum begünstigt die Fehl- und Mangelernährung (geringe Aufnahme von Mikronährstoffen und insbesondere der Vitamine A und C) und führt letzten Endes zu einer Verschlechterung des metabolischen Status. Der Patient isst, was er kann, und nicht, was er seinem Diabetes entsprechend sollte. Dieser Umstand verzögert schließlich die Heilung der parodontalen Erkrankung. Der Teufelskreis hat sich geschlossen. „Eigentlich sprechen wir hier von einer Abwärtsspirale, denn der Gesundheitszustand des Patienten wird im Laufe der Zeit immer schlechter“, ergänzt Kolb. „Nach wie vor werden parodontale Erkrankungen bei alten Menschen vom Allgemeinmedizinern vernachlässigt. Abgesehen von der Diabetes-Problematik bilden sie oftmals auch die Basis für die Besiedelung mit gefährlichen Keimen, die unter anderem Pneumonien beim geriatrischen Patienten auslösen können.“

Interdisziplinäre Zusammenarbeit muss verbessert werden

Den Grund für diese Vernachlässigung sieht Kolb in den vielen gravierenden Folgen von Diabetes, von Erblindung über PAVK und dem diabetischen Fuß bis hin zu Nierenver-sagen, Herzinfarkt und Schlaganfall. Über die Schwere der Folgeerscheinungen hinaus werden die Zähne oft vergessen. „Umgekehrt konzentrieren sich Zahnärzte nach wie vor zu sehr auf den Mundraum des Patienten und vernachlässigen den restlichen Zustand“, so Kolb. Mit einer besseren Kommunikation, einem forcierten Informationsaustausch zwischen Arzt und Zahnarzt, könnte die Situation deutlich verbessert werden. Im optimalen Fall sollten Diabetologe, Geriater, Allgemeinmediziner und Zahnarzt an einem Strang ziehen.

Verbesserte Kaufunktion – besserer Ernährungszustand?

Ein Problem der Ernährung hochbetagter Menschen liegt in der Einseitigkeit – reich an Kohlenhydraten, arm an Gemüse –, die oftmals durch das Speisenangebot in Seniorenheimen noch gefördert wird. Außerdem können Senioren den Zustand ihrer Zähne selbst schlecht einschätzen: Solange sie keine Schmerzen haben, kümmern sie sich wenig darum. An die verminderte Kaufunktion haben sie sich im Laufe der Jahre gewöhnt.

Um nun festzustellen, ob die Verbesserung der Kaufunktion einen günstigen Einfluss auf die Ernährung alter Menschen hat, sanierte das Team von Prof. Dr. Bernd Wöstmann, Leiter der Prothetischen Abteilung an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, den Mundraum bei 47 Bewohnern eines Altenwohnheimes. Der Ernährungszustand wurde mittels Mini Nutritional Assessment (MNA) erhoben, die Kaufunktion anhand des „Möhrentests“ festgestellt – eine wenig appetitliche, dafür aber aussagekräftige Methode: Jeder Patient musste 45 Sekunden lang ein Stück Karotte kauen, durfte es aber nicht hinunterschlucken, weil der Zerkleinerungsgrad als Maßstab für die Kaufunktion gilt.

Bessere Kaufunktion reicht nicht

„Nach einem halben Jahr wurden die Patienten von uns erneut untersucht. Die Kaufunktion hatte sich – erwartungsgemäß – stark verbessert, die Ergebnisse hinsichtlich des Ernährungszustandes waren allerdings ernüchternd. Hier konnten wir keine Verbesserung feststellen“, schränkt Wöstmann ein. „Allerdings litt keiner der Patienten unter einem wirklich schlechten Ernährungszustand. Man kann jedenfalls daraus ersehen, dass eine Verbesserung der Kaufunktion alleine nicht reicht, um die Ernährungsgewohnheiten älterer Personen zu ändern. Daher muss man besonders diesen Menschen zusätzlich eine Ernährungsberatung angedeihen lassen.“

Die Abwärtsspirale konnte also nicht umgekehrt werden – allerdings erfolgte auch keine Verschlechterung, was man per se schon als Fortschritt sehen kann, denn in der Regel führt eine negative Entwicklung des Zahnstatus dazu, dass sich die Senioren noch unausgewogener ernähren. Und die Lebensqualität der Patienten wurde durch den sanierten Mundraum in jedem Fall gesteigert.

Pflegepersonal miteinbeziehen

Die Erhaltung der Mundgesundheit spielt auch in der Hauskrankenpflege eine bedeutende Rolle. Aus diesem Grund wurde vom Forschungsinstitut des Wiener Roten Kreuzes eine Literaturanalyse durchgeführt. „In der Fragestellung ging es um die wissenschaftliche Belegbarkeit von pflegerischen Interventionen zum Thema Mundpflege“, erklärt Mag. Elisabeth Haslinger-Baumann, Mitarbeiterin des Forschungsinstituts. Die Erkenntnisse sollten eine Arbeitshilfe zur Erstellung von Pflegeplänen bieten und auch in ein Handbuch für Hauskrankenpflege, herausgegeben vom Österreichischen Roten Kreuz, einfließen. Für die Beschreibung der aktuell besten wissenschaftlichen Evidenz wurde in erster Linie Sekundärliteratur herangezogen. Es wurden fünf Guidelines/systematische Übersichtsarbeiten und eine Validitätsstudie in die Analyse aufgenommen.

Gibt es Messinstrumente?

Die Auswertung ergab, dass Beobachtung und Dokumentation eine wichtige pflegerische Tätigkeit darstellen. Dafür sollte ein systematisches Mundhygieneassessment speziell für die Pflegediagnostik wie das Oral Health Assessment Tool (OHAT) verwendet werden, ein einfaches Messinstrument, das dem Pfleger wichtige Hinweise darauf gibt, wann ein Zahnmediziner konsultiert werden muss. Außerdem, so eine weitere Schlussfolgerung, senkt die wirksame Verwendung eines Antimikroben-Produkts, das die kariesfördernden Organismen und Krankheitserreger reduziert, nachweislich die Pneumonieprävalenz.

„Die professionelle Durchführung der Mundhygiene durch eine geschulte Pflegekraft stellt einen nicht zu vernachlässigenden Bereich der Prophylaxe dar. Neue Ausbildungsstrategien für Pflegepersonen und Unterstützung von pflegenden Angehörigen, die praktisch orientiert sind, sollen entwickelt und durchgeführt werden“, resümiert Haslinger-Baumann.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Zahnarzt 6/2009.

© Springer-Verlag, Wien

Von Mag. Ingo Schlager, Ärzte Woche 47 /2009

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