zur Navigation zum Inhalt
 
Sportmedizin 29. Dezember 2011

Ernährungsmärchen Teil 3: "Essgewohnheiten sind kaum zu ändern"

Der Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ wird vielfach im Zusammenhang mit Bildung und Erziehung verwendet. Spielt dieser Spruch auch in der Ernährungserziehung eine Rolle und wie kann die Entwicklung des Essverhaltens positiv beeinflusst werden?

Eine ausgewogene Ernährung und die richtige Auswahl an Lebensmitteln sind schon im Kindesalter von wesentlicher Bedeutung und stellen nicht nur eine wichtige Grundlage für Wachstum, Entwicklung, Gesundheit und körperliche und geistige Leistungsfähigkeit dar, sondern spielen auch in der Entwicklung des Essverhaltens eine wichtige Rolle.

Untersuchungen zeigen, dass Neugeborene eine angeborene Präferenz für den Süßgeschmack aufweisen und Speisen mit bitterem oder saurem Geschmack systematisch ablehnen. Angeborene Mechanismen bei der Nahrungsaufnahme scheinen jedoch nur in den ersten Lebensmonaten im Säuglingsalter von Bedeutung zu sein [1, 2]. Durch jahrelange soziokulturelle Lernprozesse wie beispielsweise durch die Umwelt, Traditionen, Verfügbarkeit von Speisen, Gewohnheiten der Eltern und anderer Vorbilder, das gesellschaftliche Umfeld und die Erziehung werden die Ernährungsgewohnheiten von Kindern weiter ausgebildet [3, 4].

Schon die Ernährung der Mutter kann während der Schwangerschaft und Stillzeit die Vorliebe für bestimmte Geschmacksrichtungen und die Akzeptanz von Nahrungsmitteln bei Kindern prägen. Dies zeigt eine Untersuchung an 46 Frauen, die im letzten Trimester schwanger waren und auch vor hatten, nach der Geburt zu stillen. Bei jenen Müttern, die während der Schwangerschaft oder Stillzeit wiederholt Karottensaft tranken, konnte beobachtet werden, dass deren Kinder höhere Mengen eines Karotten-Getreide-Breis aßen.

Gleichzeitig wurden während der Fütterung des Karotten-Getreide-Breis auch weniger häufig negative Gesichtsausdrücke bei den Kindern wahrgenommen [5]. Da die Aromastoffe der mütterlichen Ernährung in das Fruchtwasser abgegeben und vom Fötus aufgenommen werden, lernt das Kind Geschmackseindrücke bereits im Mutterleib kennen. Auch die Muttermilch ist aufgrund des Übergangs der Aromastoffe von der Ernährung der Stillenden sensorisch deutlich vielfältiger [6].

Um die Geschmackspräferenzen von Kindern positiv zu lenken, sollte daher schon während der Schwangerschaft und Stillzeit auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung geachtet werden. Kinder bevorzugen vor allem vertraute und ihnen bekannte Nahrungsmittel und lehnen neue, unbekannte Nahrungsmittel anfänglich ab. Ein sehr früher Kontakt mit bestimmten Nahrungsmitteln kann zu einer erhöhten Präferenz dieser Nahrungsmittel führen und für langfristige Geschmacksvorlieben sorgen [7].

Studien zeigen auch, dass die Präferenz und Akzeptanz für neue und unbekannte Nahrungsmittel verbessert wird, je öfter den Kindern diese Nahrungsmittel ohne Zwang dargeboten werden. Dies zeigt beispielsweise eine Studie an Kindern im Alter von 4 bis 5 Jahren, die über einen Zeitraum von mehreren Wochen 15-mal entweder einen gesüßten, gesalzenen oder neutralen Tofu bekamen. Je länger die Kinder mit einer der drei Geschmacksrichtungen exponiert waren, desto höher war auch die Vorliebe für die getestete Sorte, während die anderen Sorten weniger beliebt waren [8].

Einer weiteren Untersuchung an Vorschulkindern zufolge müssen neue und unbekannte Nahrungsmittel zwischen 10- und 16-mal angeboten werden, bevor diese akzeptiert werden [6]. Die National Feeding Infants and Toddlers Study zeigt jedoch, dass rund ein Viertel aller Eltern nach zweimaligem oder seltenerem Probieren voreilig den Schluss ziehen, dass ihre Kinder das Lebensmittel bzw. die Speise nicht mögen. Die höchste Anzahl, in dem Eltern ihrem Kind ein neues Lebensmittel gaben, war 3- bis 5-mal [9].

Das Essverhalten der Kinder wird aber nicht nur durch die eigenen Erfahrungen, sondern auch durch das Beobachten und Imitieren Anderer beeinflusst. Zwischen Eltern und Kindern können Ähnlichkeiten sowohl in der Akzeptanz, der Präferenz und im Konsum von Nahrungsmitteln, als auch in der Bereitschaft, neue Nahrungsmittel zu probieren, beobachtet werden [4].

Beispielsweise ist der Obst und Gemüsekonsum der Eltern positiv mit dem Obst- und Gemüsekonsum von Kindern und Jugendlichen assoziiert [10]. Neue und unbekannte Nahrungsmittel werden von Kindern eher probiert und akzeptiert, wenn auch Erwachsene in ihrem Beisein das gleiche Nahrungsmittel essen. Dieser Effekt ist umso stärker, wenn es sich bei diesen Erwachsenen um nahe Bezugspersonen handelt [4, 11].

Eltern sollten daher stets mit gutem Beispiel vorangehen. Mit zunehmendem Alter wird das Essverhalten verstärkt auch von anderen Personen außer den Eltern, vor allem durch Gleichaltrige, bestimmt. Gleichzeitig nimmt auch die Bedeutung des Fernsehens immer mehr zu [4]. Studien zeigen, dass ein hoher Fernsehkonsum mit einem höheren Konsum von Fast Food, Süßigkeiten sowie Limonaden und einer geringeren Aufnahme von Obst und Gemüse assoziiert ist [12, 13, 14].

Regelmäßige Familienmahlzeiten verbessern hingegen die Ernährungsgewohnheiten im Kindes- und Jugendalter. Jugendliche, die mindestens 5 Mahlzeiten in der Woche gemeinsam mit ihren Eltern einnehmen, essen nicht nur häufiger Frühstück und Abendessen, sondern auch mehr Obst, Gemüse, Getreide und kalziumreiche Nahrungsmittel. Die Aufnahme von Ballaststoffen sowie Vitaminen und Mineralstoffen, wie beispielsweise Folsäure, Vitamin A, C, E und B6, sowie Kalzium, Magnesium, Zink und Eisen ist bei Jugendlichen, die häufig gemeinsam mit ihren Familien essen, ebenfalls erhöht [15, 16, 17].

Kinder verfügen normalerweise über ein gut funktionierendes Hunger- und Sättigungsgefühl. Ein falsch erlerntes Essverhalten kann jedoch dazu führen, dass diese natürlichen Sättigungssignale nicht mehr wahrgenommen werden. Mit zunehmendem Lebensalter gewinnen äußere Reize wie beispielsweise Verfügbarkeit, Geruch, Geschmack, aber auch das Essen zu festgelegten Essenszeiten oder die Portionsgröße immer mehr an Bedeutung [3].

Schon bei Vorschulkindern konnte beobachtet werden, dass eine Verdoppelung der Portionsgröße die Essmenge um mehr als ein Viertel erhöht. Die Erhöhung der Portionsgröße wurde von den Kindern jedoch nicht wahrgenommen. Auch die erhöhte Essmenge wurde von den Kindern nicht durch eine verringerte Aufnahme bei anderen Mahlzeiten kompensiert [6].

Kinder die häufig ihren Teller leer essen müssen, wählen auch größere Mengen, wenn sie die Portionsgröße selbst bestimmen können [18] und weisen ein geringeres Sättigungsgefühl auf [4]. Weder strenge Verbote noch Zwänge wirken sich günstig auf das Essverhalten der Kinder aus. Kinder, deren Eltern fett- und zuckerreiche Nahrungsmittel verbieten, sind vermehrt auf diese Lebensmittel fixiert und konsumieren diese auch, wenn sie schon satt sind [4].

In einem Versuch an 3- bis 6-jährigen Kindern konnte gezeigt werden, dass die beschränkte Verfügbarkeit von „gut schmeckenden Nahrungsmitteln“ wie beispielsweise Salzgebäck, Kekse oder Müsliriegel sowohl das Verlangen als auch die Auswahl und den Konsum des jeweiligen Lebensmittels erhöht [19]. Auch in einer weiteren Studie, in der Eltern kaum bzw. keinen Zucker oder süße Nahrungsmittel erlauben, zeigen 55 Prozent der Kinder in einem Testversuch eine deutliche Vorliebe für die Limonade mit dem höchsten Zuckergehalt, während keines der Kinder die Limonade mit dem niedrigsten Zuckergehalt bevorzugte [20]. Auf der anderen Seite ist die Präferenz für bestimmte Lebensmittel umso geringer, je öfter Eltern ihre Kinder unter Druck animieren diese Lebensmittel zu essen [21].

Bei Familien mit 5-jährigen Kindern konnte gezeigt werden, dass der höchste Konsum von Obst und Gemüse bei jenen Kindern zu beobachten ist, deren Eltern wenig Druck ausüben und selbst einen hohen Konsum von Obst und Gemüse aufweisen [22].

Neben der Erziehung und der Anpassung des Essverhaltens an andere Personen wird das Essverhalten von Kindern unter anderem auch durch die Nahrungsmittelverfügbarkeit und Zugänglichkeit zu Hause beeinflusst. Eltern oder andere Bezugspersonen haben einen großen Einfluss auf die Verfügbarkeit und somit auf die Präferenzen und den Konsum von Kindern und Jugendlichen. Wenn Obst und Gemüse im Haushalt verfügbar ist, wird dieses eher gegessen. Studien zeigen auch, dass der Obst- und Gemüsekonsum von Kindern höher ist, wenn diese Lebensmittel nicht nur verfügbar, sondern auch leicht zugänglich und bereits „essfertig“ zum Beispiel in Form von Karottensticks oder Apfelspalten zur Verfügung stehen [4, 6].

Da die Ernährungsgewohnheiten und Präferenzen schon im frühen Kindesalter geprägt werden, ist es wichtig, dass Kinder schon so früh wie möglich den „richtigen Umgang“ mit Nahrungsmitteln kennenlernen. Auch die Vorbildwirkung der Eltern trägt zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten bei.

Literatur

[1] Schwartz MB, Puhl R. Childhood obesity: a societal problem to solve, Obes Rev, 4 (1): 57-71, 2003.

[2] Diedrichsen I, Ernährungspsychologie, Berlin, Springer, 1990.

[3] Ellrott T. Wie Kinder essen lernen, Ernährung, 1: 167-173, 2007.

[4] Patrick H, Nicklas TA. A review of family and social determinants of children's eating patterns and diet quality, J Am Coll Nutr, 24 (2): 83-92, 2005.

[5] Mennella JA, Jagnow CP, Beauchamp GK. Prenatal and postnatal flavor learning by humaninfants, Pediatrics, 107 (6): E88, 2001.

[6] Savage JS, Fisher JO, Birch LL. Parental influence on eating behavior: conception to adolescence,J Law Med Ethics, 35 (1): 22-34, 2007.

[7] Logue AW, Die Psychologie des Essens und Trinkens, Heidelberg, Berlin, Spektrum Akademischer Verlag, 1998.

[8] Sullivan SA, Birch LL. Pass the sugar, pass the salt: Experience dictates preference, Dev Psychol, 26 (4): 546-551, 1990.

[9] Fox MK, Pac S, Devaney B, Jankowski L. Feeding Infants and Toddlers Study: What Foods are Infants and Toddlers Eating?”, J Am Diet Assoc, 104 (1 Suppl 1): S22-S30, 2004.

[10] Pearson N, Biddle SJ, Gorely T. Family correlates of fruit and vegetable consumption in children and adolescents: a systematic review, Public Health Nutr, 18: 1-17, 2008.

[11] Addessi E, Galloway AT, Visalberghi E, Birch LL. Specific social influences on the acceptance of novel foods in 2-5-year-old children, Appetite, 45 (3): 264-271, 2005.

[12] Taveras EM, Sandora TJ, Shih MC, Ross- Degnan D, Goldmann DA, Gillman MW, The association of television and video viewing with fast food intake by preschool-age children, Obesity 14 (11): 2034-2041, 2006.

[13] Vereecken CA, Todd J, Roberts C, Mulvihill C, Maes L, Television viewing behaviour and associations with food habits in different countries, Public Health Nutr 9 (2): 244-250, 2006.

[14] Blanchette L, Brug J, Determinants of fruit and vegetable consumption among 6-12-yearold children and effective interventions to increase consumption, J Hum Nutr Diet 18 (6): 431- 443, 2005.

[15] Burgess-Champoux TL, Larson N, Neumark-Sztainer D, Hannan PJ, Story M. Are family meal patterns associated with overall diet quality during the transition from early to middle adolescence?, J Nutr Educ Behav, 41 (2): 79-86, 2009.

[16] Larson NI, Neumark-Sztainer D, Hannan PJ, Story M. Family meals during adolescence are associated with higher diet quality and healthful meal patterns during young adulthood, J Am Diet Assoc, 107 (9): 1502-1510, 2007.

[17] Neumark-Sztainer D, Hannan PJ, Story M, Croll J, Perry C. Family meal patterns: associations with sociodemographic characteristics and improved dietary intake among adolescents, J Am Diet Assoc, 103 (3): 317-322, 2003.

[18] Wansink B, Payne C, Werle C. Consequences of belonging to the "clean plate club", Arch Pediatr Adolesc Med, 162 (10): 994-995, 2008.

[19] Fisher JO, Birch LL. Restricting access to palatable foods affects children's behavioral response, food selection, and intake, Am J Clin Nutr, 69 (6): 1264-1272, 1999.

[20] Liem DG, Mars M, De Graaf C. Sweet preferences and sugar consumption of 4- and 5-yearold children: role of parents, Appetite, 43 (3): 235-345, 2004.

[21] Galloway AT, Fiorito LM, Francis LA, Birch LL. 'Finish your soup': counterproductive effects of pressuring children to eat on intake and affect, Appetite, 46 (3): 318-323, 2006.

[22] Fisher JO, Mitchell DC, Smiciklas-Wright H, Birch LL. Parental influences on young girls' fruit and vegetable, micronutrient, and fat intakes, J Am Diet Assoc, 102 (1): 58-64, 2002.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben