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Allgemeinmedizin 22. Oktober 2009

Auf der Suche nach dem „Bauernhof-Effekt“

Ursachen und protektive Faktoren bei Asthma bronchiale, Atopischer Dermatitis oder Heuschnupfen.

Eine geringere Inzidenz von Erkrankungen des allergischen Formenkreises in der ländlichen Bevölkerung wird schon lange vermutet und teilweise auch beobachtet. Ein handfester Beweis ist bislang ausgeblieben. Die vorhandenen Daten bestätigten zwar den Trend, blieben in vielen Punkten aber widersprüchlich. Ein groß angelegtes Projekt soll nun Klarheit über Ursachen und protektive Faktoren bei Asthma bronchiale, Atopischer Dermatitis oder Heuschnupfen bringen. Im Rahmen der laufenden GABRIEL-Studie wurden bereits mehr als 135.000 Schulkinder aus Süddeutschland, Westösterreich, der Schweiz und ländlichen Gebieten Polens eingebunden.

 

„Nach abgeschlossener Rekrutierung der Teilnehmer können wir auf eine extrem große Studienpopulation aus vier alpinen Regionen Europas zurückgreifen“, sagte Prof. Dr. Erika von Mutius vom Hauner‘schen Kinderspital, Universitätsklinik, München, bei ihrer Präsentation am Jahreskongress der European Respiratory Society ERS im September in Wien. „Wir haben im Rahmen der GABRIEL-Studie eine Unterscheidung von drei Personengruppen getroffen und differenzieren Kinder, welche unmittelbar auf einem Bauernhof aufwachsen (farmer), Kinder ohne Wohnsitz am Bauernhof, aber mit regelmäßiger Exposition zu Stallungen und landwirtschaftlichen Einrichtungen (exposed), sowie Kinder ohne solchen Kontakt (non-farmer). Die farmer machen je nach Region zwischen zehn und 15 Prozent der Studienpopulation aus.“ Die Rekrutierung wurde an Grundschulen mittels Fragebogen begonnen, wobei vorerst nicht zwischen gesunden und allergisch erkrankten Kindern unterschieden wurde (siehe Tabelle).

Ländliches Umfeld schützt klar

In der nächsten Studienphase wurden die Erkrankungen Asthma bronchiale, Atopische Dermatitis, Heuschnupfen und Atopie in den Subpopulationen erfasst. „Wir konnten einen klar protektiven Effekt des landwirtschaftlich geprägten Umfelds der Kinder feststellen. Dieser war bei Kindern am Bauernhof noch wesentlich stärker als bei Kindern mit gelegentlicher Exposition“, betonte von Mutius. In der Folge wurde die Exposition am Bauernhof genau unter die Lupe genommen. Eltern wurden beispielsweise befragt, wie oft das Kind dabei war, wenn ländliche Tätigkeiten wie etwa Hühnerfütterung oder Stallreinigung erledigt wurden. Die Befragungen zeigten bereits in den ersten Lebensmonaten eine regelmäßige Exposition der Kinder am Bauernhof gegenüber Stroh, Getreide, Katzenhaaren und Geflügelfedern. Meist war die Mutter schon in der Schwangerschaft mit diesen Allergenquellen in engem Kontakt.

Rohmilch schützt vor Asthma

Die Daten der GABRIEL-Studie sind noch lange nicht vollständig aufgearbeitet. In ihrem aktuellen Zwischenbericht zeigt von Mutius den Einfluss einzelner Determinanten auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit von Asthma bronchiale: „Den stärksten protektiven Effekt konnten wir mit 33 Prozent für den Genuss roher Kuhmilch erheben. Der Kontakt zu Rindern und die Exposition gegenüber Getreide war mit einer 30-prozentigen Risikoreduktion ebenfalls hochsignifikant.“ Ähnliche Zahlen liegen für die Atopie vor: Kontakt mit Katzen (-27 %), Geflügel (-23 %) oder Stroh (-19 %) reduziert die Erkrankungswahrscheinlichkeit.

Spurensicherung am Bauernhof

Um dem Bauernhof-Effekt auf die Spur zu kommen, rückten die Forscher des GABRIEL-Projektes zur mikro- und molekularbiologischen Spurensicherung aus. Repräsentative landwirtschaftliche Betriebe wurden zur Probengewinnung aufgesucht. So konnten beispielsweise die Matratzen der Kinder auf Rückstände von Bakterien, Pilzen und Milben untersucht werden. Erste Ergebnisse zeigen, was lange vermutet wurde: Eine höhere Belastung mit bakteriellen Endotoxinen geht mit einem verringerten Atopierisiko einher. Die Korrelation zu Asthma bronchiale erscheint hingegen wesentlich weniger stark. Wichtiges Ziel dieser Forschungen ist die Suche nach konkret protektiven Mikroorganismen. Da die natürliche Exposition gegen diese Antigene in den Wohlstandsgesellschaften offensichtlich immer weiter abnimmt, könnten sie die Grundlage einer ersehnten Impfung gegen Allergien darstellen.

Tabelle:
Relative Erkrankungswahrscheinlichkeit bei Schulkindern n = 34.472
  Asthma bronchialeHeuschnupfenAtopische DermatitisAtopie
Farmer 0.55 0.28 0.69 0.69
Exposed 0.80 0.62 0.97 0.70
Non-farmer 1.00 1.00 1.00 1.00

Von Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 43 /2009

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