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1. September 2009

IQWiG: Die „Lizenz“ zur Abgabe von Empfehlungen

Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen setzt auf Health Technology Assessment (HTA).

Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWIG) im Gesundheitswesen wurde 2004 gegründet. Seither steht es immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik, besonders dann, wenn es Screening-Programme bewertet.

 

Das IQWIG ist dem Gemeinsamen Bundesausschuss im deutschen Bundesministerium für Gesundheit zugeordnet. „Das IQWiG ist eine Stiftung, die unabhängig über den Nutzen oder Schaden medizinischer Maßnahmen forscht“, erklärte Dr. Fülöp Scheibler, wissenschaftlicher Mitarbeiter des IQWiG, im Rahmen seines Vortrags, den er mit seinen Kollegen Stefan Lange und Julia Kreis vorbereitet hatte. „Wir sprechen Empfehlungen aus und produzieren evidenzbasierte Informationen.“

Evidenzbasierte Informationen

Besonders häufig steht das Thema Health Technology Assessment (HTA) im IQWiG auf dem Programm. „Definiert wird HTA als ein multidisziplinäres Gebiet, das sich mit medizinischen, sozialen, ethischen und ökonomischen Auswirkungen der Entwicklung, des Gebrauchs und der Verbreitung von medizinischen Technologien beschäftigt“, so Scheibler. Darüber hinaus dient HTA als wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Einschätzung des relevanten und verfügbaren Wissens im Hinblick auf direkte und beabsichtigte sowie indirekte und unbeabsichtigte Folgen der Anwendung von Technologien.

Systematische Reviews

Die meisten HTA-Berichte fußen dabei auf systematischen Reviews. Laut Cochrane-Glossar wird ein systematischer Review wie folgt definiert: „Sekundärforschung, bei der zu einer klar formulierten Frage alle verfügbaren Primärstudien systematisch und nach expliziten Methoden identifiziert, ausgewählt und kritisch bewertet und die Ergebnisse extrahiert und deskriptiv oder mit statistischen Methoden quantitativ (Meta-Analyse) zusammengefasst wer den.“1

„Wir liefern evidenzbasierte gesundheitspolitische Informationen“, formuliert Scheibler den Arbeitsauftrag des IQWiG. Die Werkzeuge, derer sich das Institut dabei bedient, beschränken sich nicht auf die Cochrane-Datenbank: „Wir arbeiten mit der US Preventive Services Task Force ebenso zusammen wie mit dem britischen National Institute of Clinical Excellence und anderen Organisationen“, so Scheibler weiter.

Maßnahmen durchleuchten

Ebenso wie die Notwendigkeit der Evaluierung von medizinisch-therapeutischen Maßnahmen sieht Scheibler die Aufgabe des IQWiG in der Bewertung von Präventionsmaßnahmen. Der Volkswirt verweist in diesem Zusammenhang auf Sir Muir Gray, den langjährigen Leiter des Centre for Evidence-Based Medicine in Oxford, der für seine Verdienste um das Screening geadelt wurde und als Beiratsmitglied des IQWiG tätig ist. Gray prägte im Zusammenhang mit Screening-Programmen das geflügelte Wort: „Alle Krebsfrüherkennungsmaßnahmen schaden, manche können auch nützen.“2

Warum etwa die Prävention von Zivilisationserkrankungen mit Hilfe von Ernährungsvorschlägen auch schiefgehen kann, erläutert Fülöp Scheibler anhand der Leitlinien „A Call for Higher Standards of Evidence for Dietary Guidelines“, die sich mit der mangelnden Evidenz von Ernährungs-Leitlinien intensiv auseinandersetzt.3 „Bestimmte Leitlinien geben etwa vor, auf Fett zu verzichten und viele Kohlenhydrate zu sich zu nehmen“, sagt Scheibler. „Wer sich an solche Empfehlungen hält, erreicht einzig eines – er wird zunehmen.“

Gegebenenfalls Screening- Kette berücksichtigen

Nicht immer sind für die Bewertung von Präventionsmaßnahmen ausreichend vergleichende Screeningstudien vorhanden. Oft lässt auch die Qualität der Studien keine Aussage über die Sinnhaftigkeit der Arbeit zu. „In einem solchen Fall müssen wir uns auf die Screening-Kette besinnen“, sagt Scheibler. Diese setzt sich aus mehreren Faktoren (siehe Abbildung 1) zusammen und erlaubt eine aussagekräftige Messung von Sinn oder Unsinn von Präventionsprogrammen.

Trotz heftiger Kritik, die immer wieder am IQWIG geübt wird, zeigt sich Fülöp Scheibler von dessen Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit überzeugt: „Wir glauben, es ist möglich, diagnostische Screeningverfahren in Diagnose- und Screeningstudien zu testen.“ Ebenso überzeugt ist der Wissenschaftler, dass eine evidenzbasierte Prävention möglich ist (siehe Abbildung 2). Scheibler fordert die intensive Beforschung von Sinn und Unsinn von Präventionsprogrammen: „Präventionsprogramme wenden sich an gesunde Menschen. Daher ist es unbedingt nötig zu fragen: Was ist wünschenswert, sinnvoll und notwendig?“

Schlussfolgerung

  • Die Evaluation von Präventionsmaßnahmen erweist sich häufig als aufwändiger als diejenige kurativer Interventionen.
  • Präventionsmaßnahmen sind gesundheitsbezogene Interventionen (oft bei Gesunden) und daher mit potenziellen Schäden verbunden.
  • Es sollten daher die gleichen methodischen Standards für ihre Evaluation gelten wie für kurative Interventionen.
  • HTA erscheint hier geeigneter als systematische Übersichten, weil er den komplexen kulturellen, kontextuellen und ethischen Anforderungen eher gerecht wird.

 

1 Cochrane-Glossar: www.cochrane.de/de/glossary.htm#s

2 Soeben ist ein neues Buch von Angela Raffle und Muir Gray zum Thema erschienen: „Screening – Durchführung und Nutzen von Vorsorgeuntersuchungen. Übersetzung von Franz Piribauer, Gerald Gartlehner, Philipp Mad und Fabian Wächter. Verlag: Hans Huber, ISBN 978-3-456-84698-9

3 Marantz PR et al. A Call for Higher Standards of Evidence for Diatery Guidelines. Am J Prev Med 2008. 34(3):234-240

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 36 /2009

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