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Fotos (2): Dr. Wolfgang Gaissmaier

Menschen – egal ob gesunde oder kranke, Laien oder Ärzte – sind in der Regel leicht zu manipulieren. Häufig verwendete Methoden, um beispielsweise zur Teilnahme an Screeningprogrammen zu motivieren, sind die alleinige Angabe der relativen Risikoreduktion sowie Kampagnen, die gezielt die Emotionsebene ansprechen. Transparente Darstellung von Vor- und Nachteilen würde helfen, den Sinn von Gesundheitsstatistiken zu verstehen und das Vertrauen stärken.

 
20. August 2009

Screening-Methoden unter der Lupe

Der Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko wird oft verschwiegen.

Wie statistische Daten genützt werden, wie mit Zahlen Angst geschürt werden kann und was der Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko ist, wurde im Rahmen des Europäischen Kongresses für evidenzbasierte Prävention Ende Juni 2009 in Baden diskutiert.

 

„Die Antibabypille verdoppelt das Risiko für venöse Thromboembolien!“1 Diese und ähnliche Schlagzeilen waren in den vergangenen Jahren sowohl in Fach- als auch in Laienmedien zu lesen. Statistische Daten können alles behaupten und erklären – es kommt nur auf die entsprechende Interpretation an! Gerne wird bei der Auswertung von Studien mit relativen Zahlen argumentiert, wie in dem oben genannten Beispiel. Ein völlig anderes Bild vermitteln jedoch die absoluten Zahlen aus derselben Studie: „Die Antibabypille erhöht das Risiko für venöse Thromboembolien von einer auf zwei von 7.000 Frauen.“ Damit sieht das Risiko schon ganz anders aus.

Heftige Diskussionen

Ein weiteres Beispiel, das für heftige Diskussion sorgte und sorgt, ist das Mammographie-Screening. Dr. Wolfgang Gaissmaier vom Harding Center for risk literacy in Berlin schreibt dazu: „Von 1.000 Frauen, die sich keiner Mammographie unterziehen, sterben vier an einem Mammakarzinom. Und von 1.000 Frauen, die sich einem solchen Screening unterziehen, überleben drei die Diagnose Brustkrebs nicht.“ Nun kann man die Daten auf zwei Arten interpretieren: Die relative Risikoreduktion, an einem Mammakarzinom zu versterben, verringert sich mit einem umfassenden Mammographieprogramm um 25 Prozent. Oder man führt die absoluten Zahlen an: Ein Mammograpie-Screening verringert die Anzahl an Frauen, die an Brustkrebs sterben, auf eine von 1.000 Frauen – die absolute Risikoreduktion beträgt daher 0,1 Prozent.

Fast immer wird in Studien die relative und nicht die absolute Risikoreduktion angeführt. Was könnten die Gründe dafür sein? Das angeführte Beispiel zeigt die Beweggründe recht genau auf: Eine Risikoreduktion von 0,1 Prozent lockt wohl niemanden hinter dem Ofen hervor, geschweige denn zu einem Mammographie-Screening.

Geringfügige Verbesserung

Eine rezente Studie von Wegwarth, Gaissmaier & Gigerenzer (2009)2 beschäftigt sich mit dem Thema Überlebensrate (survival rates): In Prozentzahlen ausgedrückt, stieg die Fünfjahresüberlebensdauer bei Krebs von 1975 (70 %) auf 1999 (99%) stark an. In absoluten Zahlen stellt sich die Situation allerdings deutlich anders dar: 1975 überlebten 31 von 100.000 Patienten eine Krebserkrankung. 1999 waren es 31,6 von 100.000 – die absolute Besserung der Todesfallstatistik betrug demzufolge bescheidene 0,6 Personen.

PatientInnen alleingelassen

Solange sich dieses „Spiel mit Zahlen“ auf einen informierten Kreis von Medizinern und Forschern beschränkt, ist die Situation durchaus beherrschbar. Allerdings stellt Wolfgang Gaissmaier die Frage, wie gut ÄrztInnen um das Thema Statistik in der Medizin Bescheid wissen. Manipulativ wird die ganze Sache dann, wenn gesunde Menschen, aber auch PatientInnen, die sich mit relativem oder absolutem Risiko nicht auskennen, mit derartigen Zahlen konfrontiert werden – etwa um sie zu motivieren, an einem Screening-Programm teilzunehmen. Mit welchen Methoden dabei gearbeitet wird, zeigen Abbildung 1 und Abbildung 2. Mit derartigen Kampagnen werden in erster Linie Unsicherheiten und diffuse Ängste geschürt – es wird auf Emotionen gesetzt.

Vor- und Nachteile verstehen

Von einer informierten Teilnahme am Gesundheitssystem kann deshalb oft nicht die Rede sein, schreibt Wolfgang Gaissmaier in seiner Präsentation für die Präventionstagung. Denn „informierte Teilnahme an Präventionsprogrammen erfordert, dass PatientInnen und ÄrztInnen die Vor- und Nachteile von Präventionsprogrammen verstehen.“ Gaissmaier fordert „transparente Risikodarstellungen, weil diese den Menschen helfen, den Sinn von Gesundheitsstatistiken besser zu verstehen“.

 

Anmerkung: Dr. Wolfgang Gaissmaier konnte wegen eines Todesfalls in seiner Familie seinen Vortrag im Rahmen der Präventionstagung in Baden nicht halten. Er übersandte allerdings seine Power-Point-Präsentation, auf der dieser Artikel basiert.

 

1 UK Committee on the Safety of Medicines, 1995. Quelle: Power-Point-Präsentation von Dr. Wolfgang Gaissmaier: Statistical literacy: A prerequisite for informed participation in prevention porgrams

2 Wegwarth O, Gaissmaier W, Gigerenzer G. Smart strategies for doctors an doctors-in-training: heuristics in medicine. Med Educ. 2009 Jul 1. (Epub ahead of Print)

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 30 /2009

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