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Allgemeinmedizin 3. April 2008

Ein zweifelhafter Deal

In den letzten Jahren haben Lifestyle-Medikamente eine zunehmende Bedeutung erlangt. Diese Substanzen werden meist von Gesunden zur vermeintlichen Erhöhung der Leistung und der Lebensqualität eingenommen, die Risiken dabei oft unterschätzt.

 by PhotoDisc

Foto: PhotoDisc

Eine weite Verbreitung haben Lifestyle-Medikamente in den letzten Jahren über die Medien erfahren und zeichnen sich inzwischen durch eine allgegenwärtige Präsenz in allen Lebensbereichen aus. Zentral über die Jahrhunderte ist dabei der Wunsch nach ewiger Jugend, Schönheit und Potenz, wobei besonders das Hautorgan einschließlich der Hautanhangsgebilde als sichtbare Außenhülle eine Schlüsselfunktion einnimmt. Oftmals werden von Gesunden teilweise leichte kurzzeitige Symptome, physiologische Körperfunktionen (Schwitzen, Haarzyklus, Herzschlag) oder psychosomatische Probleme als rein somatische Krankheiten angesehen. Eine Medikalisierung des physiologischen Lebens soll dann psychosoziale Probleme lösen. Mit der Einführung von neuen Lifestyle-Medikamenten wurde gleichzeitig auch eine Zunahme von Patienten mit somatoformen Störungen beobachtet.

Nootropica

Kaum ein anderes Medikament wie Sildenafil, zur Therapie der erektilen Dysfunktion (ED), hat eine so breite Diskussion des privaten Sexualverhaltens ausgelöst. So konnte in diesem Zusammenhang durch die Enttabuisierung jedoch auch eine Somatisierung von psychosozialen Ursachen der erektilen Dysfunktion beobachtet werden, und aus einem bislang noch „normalen“ gelegentlichen Versagen wurde eine Volkskrankheit. Immer schon strebt – irreales Wunschdenken – die männliche Bevölkerung nach einer hundertprozentig steuerbaren Erektion, wobei auch Gesunde Phosphodiesteraseinhibitoren einnehmen. Besonders eine Überdosierung, Wechselwirkungen und Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen mit teilweise schweren Komplikationen wie Herztod sowie eine nichtarteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie mit Erblindung müssen hierbei beachtet werden. Inzwischen stehen weitere Medikamente wie Tadalafil und Vardenafil mit längerer Wirkungsdauer teilweise im Sinne einer „Wochenendpille“ zur Verfügung. Auch bei Frauen wurde ein erfolgreicher Einsatz von Sildenafil zur Behandlung von Sexualstörungen dargestellt.
Neu ist auch die Thematik „Der alternde Mann“, wobei einer Testosteron-Abnahme außer Libidoverlust auch eine unbewiesene Vielzahl von Allgemeinbeschwerden bis hin zu depressiver Verstimmung zugeschrieben wird. In diesem Zusammenhang wurden Mesterolon und Testosteron-Depot-Präparate, wie aktuell besonders Testosteronundecanoat 1000 mg mit nur viermaliger i.m.-Applikation im Jahr (Dreimonatsspritze), zur Substitution von nachgewiesenen Mangelsyndromen eingesetzt. Seit 2003 steht die Testosteron-Gel Applikationsform zur Verfügung, und seit dieser Zeit erfolgt eine bequeme, aber teilweise auch missbräuchliche Anwendung bei normwertigen Testosteronspiegeln. Zu den häufigen Wechsel- und Nebenwirkungen gehören das Auftreten einer Akne, Polyzythämie, Oligozoospermie oder auch die Induktion von Prostataneoplasien. Der Einsatz als Lifestyle-Medikament gegen eine „Midlifecrisis“ ist abzulehnen.

Jungbrunnen mit Nebeneffekten

Strikt abzulehnen sind Hormonkuren mit Wachstumshormonen als vermeintlicher Jungbrunnen und Dopingmittel. Wachstumshormone wie Somatotropin werden heute gentechnisch hergestellt und stehen somit in ausreichender Menge zur Verfügung. Als Lifestyle-Droge soll Somatotropin verjüngen und schlank machen, jedoch ist die Wirkung einer Substitution im Alter nicht bewiesen. Trotzdem finden diese Hormone aktuell eine breite Anwendung zum Muskelaufbau und Körperfettabbau, zur Faltenprophylaxe und Besserung der vita sexualis. Die Folgewirkungen mit Wasserretention und Hypertonie sowie Langzeitfolgen mit Induktion von einem Diabetes mellitus und malignen Neoplasien oder deren Fortschreiten sind noch nicht absehbar.
Aber auch Psychopharmaka, besonders Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), insbesondere Fluoxetin, sind zur Verbesserung der Geselligkeit, Gewichtsreduktion, Enthemmung oder Antriebssteigerung beliebt und werden ohne Indikation ebenso als Lifestyle-Medikamente eingenommen. Neu ist der Einsatz von Paroxetin als „Pille für die Stillen“ bei Soziophobie.
Abzulehnen ist ebenso die missbräuchliche Einnahme von Methylphenidat oder Atomoxetin, welches beim Aufmerksamkeitsdefizit Syndrom eingesetzt wird. Zu den häufigen Nebenwirkungen der unterschiedlichen Psychopharmaka gehören insbesondere anticholinerge Nebenwirkungen, Schlaf- und Verdauungsstörungen sowie ED und Gewichtsveränderungen.
Übergewicht ist ein zentrales Problem unserer Wohlstandsgesellschaft und kann seit einigen Jahren mit den Inhibitoren der gastrointestinalen Lipasen Orlistat und Sibutramin angegangen werden, welche aber auch von Normalgewichtigen ebenso wie Appetitzügler missbräuchlich eingenommen werden. Als Nebenwirkung können Pigmentierungsstörungen, Flatulenz, Stuhlinkontinenz und Rektumschmerzen auftreten. Zu den weiteren ohne Indikation eingenommenen Substanzen gehören Antidiabetika wie Metformin und besonders Lipidsenker zur Gewichtsreduktion sowie nach fettreichen Mahlzeiten als „Die Pille für das Fett danach“. Eine breite Masse hat jetzt die medikamentösen Cholesterinbremsen (Simvastatin, Rosuvastatin) entdeckt, um auch nach Essorgien den Fettspiegel und damit das Herzinfarktrisiko zu senken. Dabei werden ohne Not die Nebenwirkungen der Medikamenten (Exantheme, Myopathie, Rhabdomyolyse besonders bei Cerivastatin) in Kauf genommen.
In letzter Zeit wird auch vermehrt der Wunsch nach mehr Agilität und Wachheit geäußert. Zur Verlängerung der Wachperioden wird missbräuchlich Epinephrin, Coffein oder Modafinil, ein Medikament zur Behandlung der Narkolepsie, eingenommen. Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören Nervosität und Kopfschmerzen. Donepezil wird zur Therapie bei M. Alzheimer eingesetzt. Eine Einnahme als Lifestyle-Medikament zwecks Verbesserung der Aufnahme- und Merkfähigkeit wurde erst kürzlich bei Studenten beschrieben. Zu den Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Schlafstörungen und Magen-Darm-Probleme.

Mehr Haare, weniger gesund

Haarausfall und besonders die weit verbreitete androgenetische Alopezie bei Männern ist ein häufiger Grund für die Konsultation eines Arztes. Seit der Einführung von Finasterid im Jahr 1999 werden in diesem Zusammenhang aber auch vermehrt Patientenvorstellungen mit körperdysmorphen Störungen bei vollem Haarkleid beobachtet. Als Nebenwirkung wurden verminderte Libido bzw. Ejakulatvolumen und ED sowie eine vergrößerte Brust beschrieben. In diesem Bereich ist mit zahlreichen neuen Präparaten zu rechnen.
Botulinumtoxin ist ein Neurotoxin und findet breite Anwendung bei Falten und Schweißbildung. Beim Off-label-Einsatz von Botulinumtoxin handelt es sich fast immer um eine Lifestyle-Medikation. Besonders bei einer körperdysmorphen Störung mit normwertig physiologischem Schwitzen wurde als Diagnose die Bezeichnung „Botulinophilie“ vorgeschlagen. Im Zusammenhang mit der Anwendung stehen Muskelschwäche, Sehstörungen und Taubheitsgefühl.
Vitamine, Spurenelemente und Nahrungsergänzungsmittel wurden bereits frühzeitig als Jungbrunnen beworben. Neue Aspekte der Prophylaxe und Therapie des Hautalterns beziehen sich auf Vitamin A, Vitamin E und Vitamin C. Die bisher in Zellkulturen und dem Tiermodell untersuchten positiven Effekte von Vitamin C und E als Antioxidantien sind aufgrund von klinischen Studien weiterhin strittig. Bei Überdosierung des bekanntesten Antioxidans Vitamin E (mehr als 1000 IU/Tag) wurde eine gegenläufige Entwicklung mit zunehmender Mortalität beschrieben. Die regelmäßige Anwendung von Vitamin C 100–500 mg/d steigert die Harn-Kalzium-Ausscheidung und damit das Risiko für Nierensteine und Osteoporose.

Kein Glanz kostet die Gesundheit

Bedenklich ist der orale Einsatz von Niedrigdosis-Isotretinoin, um eine physiologische Seborrhoe abzustellen und so eine gelegentlich glänzende Stirn zu vermeiden. Die Nebenwirkungen dieses Aknetherapeutikums, besonders Teratogenität und Stoffwechselstörungen, stehen dabei in keinem Verhältnis zur erwünschten Wirkung.
Fazit: Die missbräuchliche Anwendung von verschreibungspflichtigen Medikamenten, deren Einnahme medizinisch nicht notwendig ist oder außerhalb deren Zweckbestimmung als Lifestyle-Medikament erfolgt, ist strikt abzulehnen.

Der korrespondierende Autor Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Harth ist an der Klinik für Dermatologie und Phlebologie, Vivantes Klinikum Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité, tätig.

Der ungekürzte Originalartikel erschien in der Wiener Medizinischen Wochenschrift; 3-4,
2008 © SpringerWienNewYork

Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Harth, Priv.-Doz. Dr. Barbara Hermes, Priv.-Doz. Dr. Kurt Seikowski und Prof. Dr. Uwe Gieler


Meinung

In der öffentlichen Werbung für Lifestyle-Medikament steckt eine Gefahr.

von Raoul Mazhar

Prof. Dr. Mag. Eckhard Beubler, Vorstand des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der MedUni Graz, befürchtet einen „gewaltigen Graubereich“ von missbräuchlich verwendeten Arzneien. Insbesondere das Internet sei als Vertreiber kaum kontrollierbar. Jeder, der sich zu einem Kauf aus dubiosen Quellen hinreißen lässt, gehe ein unkalkulierbares Risiko ein, „da weiß man nie, was man wirklich einnimmt“.
Zur missbräuchlichen Verwendung nennt Beubler ein Beispiel: „Zunächst werden SSRIs zum Abnehmen und zur Antriebssteigerung eingenommen, danach stellen sich Potenzprobleme ein. Klar wird dann Sildenafil aus derselben Quelle bestellt. Auftretende Nebenwirkungen werden dabei geflissentlich ignoriert.“
Aber auch die Ärzte müssen Acht geben, denn viele verschreiben die SSRIs zu leichtfertig, so Beubler, und ignorieren, dass diese – bei richtiger Indikation freilich ausgezeichneten Präparate – persönlichkeitsverändernd wirken: „Dabei wird vergessen, dass etwa der alte Mensch das Recht auf eine vorübergehende Traurigkeit hat!“
Eine weitere Falle ortet Beubler in der Pharmawerbung. Es sei enorm wichtig, dass Medikamente nicht öffentlich angepriesen werden dürfen, „schließlich haben Menschen eine besondere Schwäche in ihrer subjektiven Unvollkommenheit. Wir alle wollen stärker, besser und schöner sein. Mit mangelndem Selbstvertrauen lässt sich daher viel Geld verdienen. Und wer Werbung unterschätzt, der versteht nichts davon.“ Sollte diese Regelung fallen, zeichnet der Pharmakologe ein unheilvolles Szenario: Patienten, die mit einer Werbung in die Praxis stürmen und ihre Präparate einfordern. Das nehme dem Arzt die Möglichkeit, seine Diagnose in Ruhe zu stellen. Und die sollte schließlich vor der Verschreibung stehen.

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