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Pharmakologie & Toxikologie 17. Oktober 2007

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

Professor Beubler hat sein Pharmakompendium überarbeitet, neu herausgegeben und einen Karrieresprung gemacht.

Prof. Dr. Eckhard Beubler ist der neue Vorstand des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Graz. Doch damit nicht genug, hat Beubler im Jahr 2005 das Kompendium der Pharmakologie herausgegeben. Die zweite, um die Toxikologie erweiterte Auflage ist nun erschienen und dient den Grazer Medizinstudenten als minimales Lernziel. Über unerforschte Wechselwirkungen und unzureichende Fachinformationen und die Rolle der pharmazeutischen Industrie sprach Beubler mit der Ärzte Woche.

Die Pharmakologiebücher werden immer dicker, die enthaltene Information immer unüberschaubarer. Der Anlass für Ihr Buch?
Beubler: Die für die Praxis wichtige Information geht manchmal in der Wissensfülle verloren. Deswegen habe ich die wichtigen und im Handel befindlichen Arzneimittel einer Arzneimittelgruppe an die Spitze des jeweiligen Kapitels genommen, damit man sieht, worum es eigentlich geht. Dann folgt die Beschreibung – so knapp wie möglich, so dass aber die wesentliche Information erhalten bleibt.

Es gibt zu jeder Substanzgruppe einen eigenen Abschnitt „Wechselwirkungen“. Ein Thema, das Ihnen persönlich am Herzen liegt?
Beubler: In letzter Zeit habe ich mich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt. Bei der Ärzteschaft bin ich damit anfangs auf Kritik gestoßen, mittlerweile wird das Thema „Wechselwirkungen“ aber als sehr wichtig betrachtet. Zuerst wollte niemand hören, dass fünfzehn Arzneimittel für einen Patienten unzumutbar sind. Viele Ärzte sind aber mittlerweile bemüht, die Anzahl an Arzneimitteln pro Patient möglichst niedrig zu halten.

Sind die Wechselwirkungen zwischen Medikamenten auch ein Forschungsgebiet von Ihnen?
Beubler: Nein. Aber es wäre wesentlich, Wechselwirkungen intensiver zu untersuchen, zumal das heute durchaus möglich ist. Es gibt heute umfassende Untersuchungsmethoden, welche die Abbauwege der Arzneimittel und ihre gegenseitige Beeinflussung erforschen. Die neueren Arzneimittel werden auf diese Weise geprüft - im Gegensatz zu den alten, bereits vor längerer Zeit zugelassenen Pharmaka.Bei diesen stehen dann auch keine Wechselwirkungen in der Fachinformation. Dieser Mangel wird interpretiert als Nichtexistenz von Wechselwirkungen, was natürlich falsch ist. Vor zehn Jahren hat man diese Methoden nicht gehabt, konnte das nicht untersuchen, und so steht nichts in der Fachinformation. Die danach nachgebauten Generika sind zwar neuere Arzneimittel, haben aber dieselbe, möglicherweise unvollständige Fachinformation. Es wäre wünschenswert, würden Generika, die jetzt auf den Markt kommen, die Bedingungen erfüllen die heute gefordert sind, nicht die von vor 15 Jahren. Die Sparmeister glauben, über das Propagieren von Generika die Finanzierung des Gesundheitswesens retten zu können. Das ist völlig unmöglich.

Welchen Anteil nehmen denn die Medikamente an den Gesamtkos­ten des Gesundheitswesens ein?
Beubler: Das sind plus minus fünf Prozent vom Gesamtbudget. Das trifft vor allem auf die Krankenhäuser zu, lässt sich gut berechnen und ändert sich kaum. Ob ich jetzt 5,1 oder 5,3 Prozent von diesem Budget für die Arzneimittel verwende, ist völlig irrelevant. Überhaupt auf dem Gebiet jener Arzneimittel, die ohnehin nicht teuer sind. Die Arzneimittel für die Tumortherapie und die Transplantationsmedizin wiederum machen fast 70 Prozent des gesamten Topfes aus. Auch Biologika sind extrem teuer.

Wie beurteilen sie die gegenwärtige Entwicklung?
Beubler: Durch die Weiterentwicklung der Biologika wird man näher ans physiologische Geschehen im Körper herantreten können, indem man spezifisch Proteine beeinflusst. Biologika – wie etwa die TNF-alpha-Hemmer Enbrel® und Remicade® sind gute Beispiele dafür. Generell hat es in den letzten Jahren aber wenige prinzipiell neue Medikamente gegeben, das schreibe ich auch im Vorwort meines Buches. Ganz neu sind beispielsweise die Renin-Antagonisten. Die sind in meinem Buch noch nit drin, allerdings gibt es die in der Schweiz bereits. Was die weitere Zukunft betrifft: Hellseher bin ich natürlich keiner. Auch die Firmen sind zurückhaltend mit ihrem Enthusiasmus.

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