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Pharmakologie & Toxikologie 7. November 2006

Kommt Zeit, kommt Schmerz, kommt Medikament

Chronische Schmerzen zeigen unabhängig von der Ursache einen zeitlichen Rhythmus. Ein Umstand, der immer häufiger berücksichtigt wird.

Beinahe alle Lebewesen unterliegen einem natürlichen und beständigen Auf und Ab. Der zirkadiane Rhythmus folgt einer Frequenz von etwa einer Tageslänge und spielt unter anderem beim Schlaf- und Wachzustand, beim Wechsel der Körpertemperatur sowie für die Hormonausschüttung eine bedeutende Rolle.
Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich die Chronopharmakologie, die sich mit dem optimalen Einnahmezeitpunkt von Medikamenten unter dem Aspekt der zeitlichen Strukturierung des Organismus beschäftigt. Eine Fachrichtung, die in der letzten Zeit einen enormen Zuwachs an Grundlagenwissen erfuhr. Mängel gibt es allerdings noch in der klinischen Umsetzung.
Denn Rhythmus und (Tages)-Zeit dürfen auch in der Schmerzbehandlung nicht unterschätzt werden, betonte Prof. Dr. Björn Lemmer vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Heidelberg, bei einer Pressekonferenz in Wien im Rahmen der 6. Österreichischen Schmerzwochen: „Dass der Schmerz einem bestimmten Zeitmuster folgt, wurde zu lange ignoriert. Es ist längst notwendig, neben der Frage der Medikation und der Dosis auch den besten Verabreichungszeitpunkt zu finden.“

Analgetika nach Fahrplan

Die Hinweise, dass auch der Schmerz einer tagesrhythmischen Modulation unterliegt, sind evident, erläuterte Lemmer. Er verwies auf zirkadiane Konzentrationsschwankungen von Enkephalinen und Endorphinen im zentralen Nervensystem: „Es erstaunt daher wenig, dass Lokalanästhetika wie Lidocain und Articain sowie stärkere Analgetika wie Opioide ebenfalls tageszeitliche Abweichungen ihrer schmerzstillenden Wirkungen aufweisen.“
Gerade auch bei den Symptomen der rheumatoiden Arthritis lassen sich offensichtlich regelmäßige Schwankungen dokumentieren. So sind die Krankheitszeichen in den frühen Morgenstunden, kurz nach dem Aufstehen am spürbarsten: „Aufgrund der bisherigen Daten-lage sollten daher NSAR bei dieser Krankheit abends eingenommen werden, um den frühmorgendlichen Symptomen rechtzeitig den Biss zu nehmen und die unerwünschten Wirkungen zu verringern. Bei einer morgendlichen Einnahme würde die Wirkung aufgrund der Resorptionslatenz zu spät eintreten.“ Dass dies bei Karzinompatienten mit Schmerzen unterschiedlichster Genese ebenso gilt, konnte anhand von Studien bewiesen werden, erläuterte Lemmer. In mehreren Versuchsanordnungen steuerten die Schmerzgeplagten selbst die Zufuhr von infundiertem Hydromorphon und prägten ein deutlich rhythmisches Muster. Analoge Ergebnisse wurden bei Patienten unter einer Morphin-Selbstapplikation wenige Tage nach einer Operation erfasst.
Eine Beobachtung, die auch Doz. Dr. Rudolf Likar, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) bestätigt. Etwa bei Tumor-patienten, die nachts die schmerzintensivsten Phasen und dann den höchsten Opioidbedarf hätten. Die richtige Lehre daraus sei, so Likar, dass die Ärzte in Kooperation mit den Patienten den Schmerz in all seinen zeitlichen Ausdrucksformen erfassen. Dazu bedarf es einer konsequenten Schmerzmessung und engmaschigen Dokumentation mithilfe eines Schmerztagebuchs mit mehreren Messzeitpunkten.

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