zur Navigation zum Inhalt
© emer/fotolia.com
Artemisia annua liefert Artemisinin, den Ausgangsstoff für Malaria-Medikamente.
 
Infektiologie 5. Dezember 2014

Malaria-Medikamente aus Abfall

Erfolg durch Zusammenarbeit von Chemikern und Ingenieuren.

Die derzeit besten Medikamente gegen Malaria können jetzt direkt aus dem Pflanzenabfall der bisherigen Produktion hergestellt werden. Die Preise für Malaria-Medikamente würden damit sinken.

Einem Team des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam gelang es in Zusammenarbeit mit Kollegen des Max-Planck-Institutes für Dynamik komplexer technischer Systeme erstmals, sämtliche Verfahrensschritte zur Produktion der Malaria-Medikamente, inklusive der Aufreinigung, kontinuierlich durchzuführen. Mit der neuen Methode kann jetzt die komplette Medikamentenherstellung direkt im Durchflussreaktor an einem einzigen Ort stattfinden. Die dabei erreichte Reinheit der Medikamente erfüllt die Anforderungen der Zulassungsbehörden.

Einen photochemischen Durchfluss-Reaktor zur Produktion von Artemisinin hatten die Wissenschaftler in Berlin bereits vor zwei Jahren entwickelt. Damals war es dem Team um Prof. Dr. Peter H. Seeberger gelungen, den Pflanzeninhaltsstoff Artemisinin des Einjährigen Beifußes (Artemisia annua) nach dessen Extraktion chemisch auch aus dem Abfall der Extraktion herzustellen. Artemisinin ist der Ausgangsstoff für die Malariamedikamente Artemether, Artesunat, Artemol und Dihydroartemisinin. Der Photoreaktor produziert aus Abfall kontinuierlich Artesunat und drei andere Medikamente.

Die jüngsten Erfolge der Berliner, Potsdamer und Magdeburger Chemiker und Ingenieure wurden ausschließlich durch Zuwendungen der Max-Planck-Gesellschaft ermöglicht und gelangen ohne weitere staatliche oder private Unterstützung.

Schwellen- und Entwicklungsländern bei der Produktion helfen

Die Umwandlung des Ausgangsstoffs Artemisinin in Medikamente wurde bisher in pharmazeutischen Unternehmen in der Schweiz, China, und Indien betrieben. Der Anbau und die Extraktion aus der Pflanze Artemisia annua (Einjähriger Beifuß) erfolgt dagegen vor allem in China, Vietnam, Madagaskar und Kenia. „Damit besteht jetzt die Möglichkeit einen weiteren Schritt der Wertschöpfungskette in die Schwellenländer zu verlegen, in denen bisher nur die Pflanze angebaut und extrahiert wird“, sagt Dr. Kerry Gilmore, Gruppenleiter des „Flow Chemistry Teams“ von Peter Seeberger. Noch wichtiger sei es, dass damit die Lieferkette verkürzt werden könne und die Entwicklungsländer die Möglichkeit erhielten, selbst ein dringend benötigtes Medikament herzustellen.

Seeberger betont: „Unser Ansatz ist die beste Lösung, um die Kosten der Produktion von Malaria-Medikamenten zu senken. Weil wir alle Wertstoffe der Pflanze ausnutzen, ist unser Verfahren deutlich billiger; dadurch gelingt es uns, reinste Medikamente zu produzieren. Wir können einerseits das von den Extrakteuren gewonnene Artemisinin in den Schwellenländern direkt in Medikamente umwandeln und andererseits zusätzlich aus dem Abfall Medikamente herstellen.“ Auf diese Weise würden etwa doppelt so viele Medikamente aus der vergleichbar großen Pflanzenmasse produziert. „Wir stärken dadurch die Erwerbsgrundlage der Bauern in den Entwicklungsländern.“

Kommerzielles Interesse an der Technologie ist nach Einschätzung der Wissenschaftler weltweit vorhanden. Seeberger: „Wir verhandeln zurzeit mit verschiedenen Interessenten über eine Industrieanlage in einem Schwellenland, die bis zu 20 Tonnen Wirkstoff herstellen soll. Unser Ziel ist es, den Preis der Malaria-Medikamente zu senken, egal ob mit oder ohne staatliche oder private Fördermittel.“

Bisher liegen die Kosten der Medikamenten-Produktion höher als der in Afrika erzielbare Verkaufspreis. Den Unterschied tragen Hilfsorganisationen und Stiftungen wie die Weltgesundheitsorganisation oder die Clinton Foundation. Die Medikamente werden in einem letzten Schritt mit einem weiteren bekannten Wirkstoff zu sogenannten Artemisinin-Kombinationstherapien mit dem Ziel vereint, die Resistenzbildung gegen die Artemisinin-Derivate zu verringern.

Freie Universität Berlin, Ärzte Woche 50/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben