zur Navigation zum Inhalt
© photos.com [M]
Die Annahme, Pilze seien an der Mehrzahl der CRS-Fälle beteiligt, ist nicht mehr haltbar.
 
HNO 11. Oktober 2012

Die Pilzsaison ist zu Ende

Antimykotische Behandlung bei chronischer Rhinosinusitis hat wenig Zweck.

Auf der Suche nach den wahren Ursachen der chronischen Rhinosinusitis (CRS) sind in den vergangenen zehn Jahren nicht wenige Rhinologen zu Pilzkennern avanciert. Sie glaubten, das auslösende Übel in der Mykologie entdeckt zu haben. Ein Review zeigt jedoch: Pilze sind eher selten die Ursache für CRS.

Entsprechend eindeutig fällt das Resümee der Autoren aus: Ein Jahrzehnt, nachdem Ponikau seine Hypothese in die Welt gesetzt hat, fehlen sowohl überzeugende immunologische Daten als auch Beweise dafür, dass sich eine CRS unter antimykotischer Therapie bessert. Die Annahme, dass Pilze an der Mehrzahl der CRS-Fälle beteiligt sind, müsse daher verworfen, die antimykotische Behandlung aufgegeben werden.

Die Ponikau-Studie

Im Jahr 1999 publizierten Ponikau et al. einen Artikel über die Diagnose und Inzidenz der allergischen fungalen Sinusitis (AFS). Darin waren 96 Prozent der Sekretproben von 210 CRS-Patienten positiv auf Pilze getestet worden. Gleiches galt für 100 Prozent der gesunden Kontrollpersonen. Bei den nachgewiesenen Pilzen handelte es sich vor allem um Alternaria, Penicillium, Cladosporium und Aspergillus. Von Letzterem vermutete man schon länger, er könnte bei CRS eine ähnliche Rolle spielen wie bei der allergischen bronchopulmonalen Aspergillose.

Die AFS-Diagnose sollte sich bei 93 Prozent der letztlich operierten Patienten bestätigen. Ponikaus Schlussfolgerung lautete, die diagnostischen Kriterien der AFS seien bei den meisten CRS-Patienten erfüllt, und zwar bei jenen ohne wie bei jenen mit Polypen. Gemeinsamer Nenner sei dabei das Vorhandensein eosinophiler Granulozyten im Mukus, nicht eine allergische Typ-I-Reaktion. Es sei deshalb besser, statt von einer allergischen von einer eosinophilen fungalen Rhinosinusitis zu sprechen.

Komplexe Krankheit

Attraktiv war die Hypothese von den Pilzen als CRS-Ursache allemal. Schließlich ließ sich mit ihrer Hilfe das komplexe Bild der CRS relativ einfach erklären. Und die CRS ist immerhin eine Volkskrankheit: Laut einer Studie des Global Allergy and Asthma European Network (GA2LEN) weist sie in Europa eine Prävalenz von 10,9 Prozent auf. Ständig verstopfte Nase, dauernder Sekretfluss, Gesichtsschmerz und verminderter Geruchssinn setzen den Betroffenen zu.

Die CRS ist aber nicht nur lästig, sondern auch gefährlich: Neben lokalen Komplikationen sind es vor allem die Auswirkungen auf die unteren Atemwege, die erhebliche Risiken bergen – indem beispielsweise asthmatische Beschwerden verschlimmert werden.

Doch mehr als zehn Jahre und laut der Zählung von Fokkens über 500 Fachartikel später haben sich die Hoffnungen, die sich an die Pilzhypothese zur CRS knüpften, praktisch zerschlagen. Wenn überhaupt, wirken Pilze bei der CRS wohl höchstens krankheitsmodifizierend – sieht man von jenen seltenen Formen ab, in denen zumeist immungeschwächte Patienten an einer durch Pilze verursachten invasiven Rhinosinusitis erkranken.

Daneben gibt es eine Subgruppe von etwa 20 Prozent der CRS-Patienten, schreibt Fokkens, die zähen Schleim und Polypen entwickelten. Den Betroffenen sei mit chirurgischer Entfernung des Schleims und aggressiver Kortikoidtherapie –lokal wie systemisch – zu helfen. Die Krankheitsfälle häuften sich in warmen und feuchten Gegenden. Das deutet zwar auf Pilze hin, doch Fokkens zufolge ist es völlig unklar, ob und wie Allergien und Pilze an diesem Phänotyp der CRS beteiligt sind.

Antimykotische Therapie versagt

Die Versuche, die CRS mit Antimykotika zu behandeln, verliefen jedenfalls enttäuschend. Im vergangenen Sommer erschien sogar ein Cochrane-Review zu diesem Thema, für den die Daten von sechs Studien mit insgesamt 380 Probanden gesichtet worden waren. Fünf der Studien hatten sich mit topischer, eine mit systemischer antimykotischer Behandlung der CRS beschäftigt.

„Auf der Basis dieser Metaanalyse lassen sich keine Belege dafür finden, mit denen sich der Gebrauch lokaler oder systemischer Antimykotika bei CRS rechtfertigen ließe“, lautet die Schlussfolgerung des Reviews. Ein Nutzen gegenüber Placebo sei nicht festzustellen.

Fazit

Rhinologisch betrachtet hat sich das Klima für Pilze also verschlechtert. Als potenzielle Hauptverursacher der gemeinen CRS scheinen sie weitgehend nicht infrage zu kommen – selbst wenn bestimmte nichtinvasive Formen, wie etwa die allergische fungale Rhinosinusitis (AFRS), vielleicht tatsächlich von Fungi verursacht werden. Dies zu klären, bleibt künftigen Studien vorbehalten. Fokkens möchte bei der AFRS bevorzugt die genannten feuchtwarmen Regionen in den Blick genommen wissen.

Quellen:

Fokkens JW et al.: Curr Opin Otolaryngol Head Neck Surg 2012; 20: 19–23

Sacks PL et al.: Cochrane Database Syst Rev 2011 (8): CD008263

springermedizin.de/CL, Ärzte Woche 41/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben