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Praxis 11. Mai 2016

Es kann immer irgendwas sein

Exotischer Job: Der Hausarzt der europäischen Astronauten bildet seine Patienten zu Rettungssanitätern aus.

Völlig losgelöst von der Erde: Auf ihren Missionen sind Astronauten eher weit weg von der nächsten Arztpraxis. Weltraumarzt Volker Damann und sein Team müssen ihre Patienten deshalb extrem gut vorbereiten. Im Notfall müssen diese ihre Wunden selbst versorgen.

Kein Arzt weit und breit – in Zeiten des Ärztemangels ein oft gehörter Satz. Zwischen Volker Damann und seinen Patienten liegen aber schon mal 400 Kilometer. Und um sie zu überwinden, bräuchte er eine Rakete. Damann ist Weltraumarzt bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA. Er leitet die medizinische Abteilung beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, wo Astronauten für ihre Missionen im All ausgebildet werden.

Weltraumarzt: Das klingt im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich abgehoben. Tatsächlich bleibt der Radiologe Damann selbst allerdings am Boden. So nahe wie er kommen dem Weltall trotzdem nur sehr wenige Ärzte, denn Weltraummediziner gibt es gerade mal eine Handvoll, schildert der 56-Jährige.

Die Betreuung der Raumfahrer geht weit über einen gewöhnlichen Arzt-Patienten-Kontakt hinaus. „Wenn ein Astronaut zwei Jahre vor dem Flug für eine Mission nominiert wird, wird auch ein Arzt mitsamt Team nominiert, der die gesamte Mission betreut“, erläutert Volker Damann. „Der mitlernt und mittrainiert, um ein Verständnis dafür zu bekommen: Was geschieht auf der Mission eigentlich?“

Der Körper baut im Weltall ab

Dieses extrem gute Kennenlernen sei besonders wichtig, betont Damann. Denn die Schwerelosigkeit verändert den Körper des Astronauten – davor schützen selbst gute Fitness und Krafttraining an Bord nicht zu 100 Prozent. „Die Bilder von Schwerelosigkeit sehen immer so leicht und einfach aus. So ist es im Prinzip auch, und genau das ist das Problem“, schildert Damann. „Der Körper passt sich sehr, sehr gut an die neue Situation an.“

Das Herz etwa muss plötzlich nicht mehr gegen die Schwerkraft anpumpen, und Knochen und Muskeln müssen kein Körpergewicht mehr tragen. Also lassen Herzleistung, Knochensubstanz und Muskelkraft im Laufe der Zeit nach. Ein ganz normaler Prozess eigentlich. „Zum Problem wird das erst bei der Rückkehr auf die Erde“, sagt Damann. „Unsere Aufgabe ist es deshalb, den gesundheitlichen Zustand des Astronauten vor dem Flug zu konservieren, um möglichst wenige negative Effekte dieses körperlichen Abbaus zu haben und anschließend schneller rehabilitieren zu können.“ Die intensive medizinische Betreuung am Boden sei auch deshalb so wichtig, weil die Astronauten, einmal auf der ISS in rund 400 Kilometern Höhe angekommen, für viele Wochen oder sogar Monate nicht mehr einfach mal schnell zum Arzt gehen können.

Der Astronaut Alexander Gerst etwa war zuletzt sechs Monate lang im All. Darum werde natürlich schon bei der Auswahl darauf geachtet, dass die Raumfahrer keine gravierenden Vorerkrankungen haben. Dennoch: „Ein technischer Systemausfall ist deutlich weniger wahrscheinlich als ein Ausfall des biologischen Systems“, sagt Damann. Sprich: Es kann immer irgendetwas sein. „Wir bilden Astronauten deshalb so aus, dass sie in etwa bis zu dem Niveau eines Rettungssanitäters als unser verlängerter Arm Erste Hilfe leisten können, wenn es zu einem Notfall kommt.“

Konkret heißt das: Die Raumfahrer lernen, Zähne zu ziehen, Platzwunden zu nähen, Brandwunden zu versorgen und Wiederbelebungsmaßnahmen. Außerdem gibt es an Bord eine Hausapotheke mit Tabletten gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit, ganz alltägliche Wehwehchen also, die selbst den fittesten Astronauten mal treffen können. „In der Bordapotheke gibt es auch einige verschreibungspflichtige Medikamente, die wir vom Boden aus verordnen können.“ Bei Erkrankungen, die über kleine Wunden oder Zahnschmerzen hinausgehen, ist Ende: „Dann muss der Astronaut runter auf die Erde“, sagt Damann.

Für jedes Crew-Mitglied gibt es Sprechstunden. Die laufen nicht über einen öffentlichen Funkkanal, sondern verschlüsselt. In der Umlaufbahn unseres Planeten wird die ärztliche Schweigepflicht ernstgenommen.

springermedizin.de, Ärzte Woche 19/2016

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