zur Navigation zum Inhalt
© akg-images / dpa
© ESA

Volker Damann ESA Raumfahrtmediziner

 
Zahnheilkunde 12. August 2015

Zähne ziehen in 400 km Höhe

All-Mediziner sind Teil der Mission, zwei Jahre haben sie Zeit ihre Patienten und sich selbst vorzubereiten.

Herzleistung, Muskelkraft und Knochenstärke lassen im Weltraum nach. Eine Herausforderung für die wenigen Weltraummediziner, die es gibt.

Kein Arzt weit und breit – in Zeiten des Ärztemangels ein Satz, von dem viele Patienten sagen, er sei ihnen bekannt. Auch zwischen Volker Damann und seinen Patienten liegt mitunter ein breiter Weg, 400 Kilometer im Schnitt. Um diese Distanz zu überwinden, bräuchte er allerdings eine Rakete. Denn es geht nicht etwa nach Norden, Süden, Westen, Osten, sondern steil gen Himmel – raus ins All.

Damann ist Weltraumarzt bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA. Er leitet die medizinische Abteilung beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, wo Astronauten für ihre Missionen im All ausgebildet werden. Zu dieser Ausbildung gehört nicht nur das fachspezifische, technische Wissen für Experimente an Bord der Internationalen Raumstation (ISS), sondern auch eine intensive medizinische Vorbereitung auf die Strapazen eines Raumflugs und einen mehrmonatigen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit.

Weltraumarzt klingt als Begriff und im Wortsinn ziemlich abgehoben. Tatsächlich bleibt der Radiologe Damann am Boden. So nahe wie er kommen dem Weltall trotzdem nur sehr wenige Ärzte, denn Weltraummediziner gibt es nur wenige, schildert der 56-Jährige. Zum 25-köpfigen Team zählen drei Ärzte, außerdem Psychologen, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Ingenieure und IT-Spezialisten.

Arzt wird mitnominiert

Derzeit betreut die medizinische Abteilung sechs Raumfahrer, die sich auf Missionen vorbereiten oder bereits auf der Internationalen Raumstation (ISS) sind. Das klingt nach einem perfekten Betreuungsverhältnis: Drei Ärzte und ein gesamtes Spezialistenteam auf sechs Patienten. Aber die Betreuung dieser Patienten der etwas anderen Art geht weit über einen gewöhnlichen Arzt-Patienten-Kontakt hinaus. Wenn ein Astronaut zwei Jahre vor dem Flug für eine Mission nominiert wird, wird auch ein Arzt mitsamt Team nominiert, der die Mission betreut“, erläutert Damann. „Der mit lernt und mit trainiert, um ein Verständnis dafür zu bekommen: Was geschieht auf der Mission eigentlich?“ Je näher der Flug rückt, desto intensiver werde die Arbeit. „Wie bei einem Mannschaftsarzt vor der Weltmeisterschaft“, führt Damann als Vergleich an. „Wir sind also eine Art Müller-Wohlfahrt, nur nicht für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, sondern die europäischen Raumfahrer.“ Durch die gemeinsame Vorbereitungszeit lernt der Mannschaftsarzt seinen Patienten gut kennen, weiß genau, wie fit er ist und wo es Schwachstellen gibt.

Schwerelosigkeit verändert alles

Und das sei wichtig, sagt Damann. Denn die Schwerelosigkeit wird den Körper des Astronauten verändern, davor schützen selbst gute Fitness und Krafttraining an Bord nicht zu 100 Prozent.

„Die Bilder von Schwerelosigkeit sehen immer so leicht und einfach aus, so ist es im Prinzip auch, und genau das ist das Problem“, schildert Damann. „Der Körper passt sich sehr, sehr gut an die neue Situation an.“ Das Herz muss plötzlich nicht mehr gegen die Schwerkraft anpumpen, und Knochen und Muskeln müssen kein Körpergewicht mehr tragen. Also lassen Herzleistung, Knochensubstanz und Muskelkraft im Laufe der Zeit nach. Ein normaler Prozess. „Zum Problem wird das erst bei der Rückkehr auf die Erde“, sagt Damann. „Unsere Aufgabe ist es deshalb, den gesundheitlichen Zustand des Astronauten vor dem Flug zu konservieren, um möglichst wenige negative Effekte dieses körperlichen Abbaus zu haben und anschließend schneller rehabilitieren zu können.“

Die intensive medizinische Betreuung am Boden sei wichtig, weil die Astronauten, einmal auf der ISS in rund 400 Kilometern Höhe angekommen, für viele Wochen oder sogar Monate nicht mehr einfach mal schnell zum Arzt gehen können. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst, eine Social Media-Größe, war sechs Monate lang im All. Darum werde natürlich schon bei der Auswahl darauf geachtet, dass die Raumfahrer keine gravierenden Vorerkrankungen haben. Dennoch: „Ein technischer Systemausfall ist deutlich weniger wahrscheinlich als ein Ausfall des biologischen Systems.“

Erste Hilfe im All

„Wir bilden Astronauten deshalb so aus, dass sie in etwa bis zu dem Niveau eines Rettungssanitäters als verlängerter Arm der Mediziner am Boden Erste Hilfe leisten können, wenn es wirklich zu einem Notfall kommt.“ Konkret heißt das: Die Raumfahrer lernen Zähne zu ziehen, Platzwunden zu nähen, Brandwunden zu versorgen und Wiederbelebungsmaßnahmen. Außerdem gibt es an Bord eine Hausapotheke mit Tabletten gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit, ganz alltägliche Auas also, die selbst den fittesten Astronauten treffen können. „In der Bordapotheke gibt es einige verschreibungspflichtige Medikamente, die wir vom Boden aus verordnen können.“

Die Betreuung der Astronauten bleibt an Bord intensiv, selbst wenn die gesamte Erdatmosphäre zwischen Arzt und Patient liegt. Für jedes Crew-Mitglied gibt es ärztliche Sprechstunden, sagt Damann, anfangs täglich, später wöchentlich.

Diese laufen nicht über einen öffentlich zugänglichen Funkkanal, sondern verschlüsselt. Denn auch außerhalb der Erde gilt die ärztliche Schweigepflicht.

Alle Erkrankungen, die über kleine Wunden oder Zahnschmerzen hinausgehen, übersteigen allerdings die fachlichen und auch die technischen Möglichkeiten in der Raumstation. „Dann muss der Astronaut runter auf die Erde“, macht Damann deutlich. Die ISS sei noch nah genug an der Erde dran, um das im Ernstfall gewährleisten zu können.

Bei künftigen bemannten Missionen zum Beispiel zum Mars sehe das anders aus. Zumal hier noch ganz andere Gefahren auf die Raumfahrer zukommen: etwa die extreme Strahlenbelastung. Die ist schon in der relativ geringen Höhe von 400 Kilometern nicht ohne - sie liegt laut Damann in der Größenordnung von einer Röntgenaufnahme der Lunge pro Tag.

Ein Klacks im Vergleich zu der Dosis, die bei einem Flug zum Mars drohen würde. Über die Langzeitfolgen von Strahlung für den Astronauten wisse man noch nicht alles, sagt der Radiologe.

Die Weltraumakademie

Langfristig schwebt ihm eine Space Medicine Akademie vor, in der junge Leute die Laufbahn eines raumfahrenden Weltraummediziners einschlagen können. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass künftige Ärztegenerationen dem All noch viel näher kommen, als wir uns das heute vorstellen können.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben