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Zu lange Arbeitszeiten erhöhen die ärztliche Fehlerrate. Patientensicherheit und Qualität gehören eindeutig zu den Führungsaufgaben.
 
Gesundheitspolitik 28. Mai 2013

Patientensicherheit – mehr als ein trendiges Thema

Die Abläufe im Gesundheitswesen werden immer komplexer, gleichzeitig fehlt es an Zeit und Geld. Daher rücken Risikobewusstsein, Fehlermanagement und Fragen der Qualität zunehmend in den Mittelpunkt.

Eine Publikation des U.S. Institute of Medicine hat Ende 1999 erstmals das Thema Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitswesen so thematisiert, dass weithin Betroffenheit ausgelöst wurde. Zwischen 44.000 und 98.000 Tote soll das amerikanische Gesundheitswesen nach Angaben des Berichts „To Err is Human. Building a Safer Health System“ jährlich zu verzeichnen haben – Tendenz steigend. Wie können vermeidbare Fehler vermieden werden und die Sicherheit der Patienten im Gesundheitssystem gewährleistet werden?

Der Grund für die im amerikanischen Bericht erhobenen Opferzahlen des Gesundheitssystems sind Fehler, die vermeidbar wären und nicht nur enorme Kosten verursachen, sondern auch zu einem Vertrauensverlust der Patienten und zu hoher Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern im Gesundheitssystem führen.

Lange Arbeitszeiten erhöhen den Druck auf die Ärzte

Erst kürzlich forderte die Bundeskurie Angestellte Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer erneut eine Verkürzung der Dienstdauer in den Spitälern auf 25 Stunden. „Die derzeit erlaubten Dienste von bis zu 49 Stunden am Stück sind eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit der Ärzte und der Patienten“, sagte ÖÄK-Vizepräsident Dr. Harald Mayer. Laut einer Untersuchung an der Universität Innsbruck haben Ärzte, die länger als 24 Stunden im Dienst sind, eine Reaktionsfähigkeit als hätten sie 0,8 Promille Alkohol im Blut. „Niemand würde zu einem Taxifahrer ins Auto steigen, der 45 Stunden lang nicht geschlafen hat, warum also ist es bei Ärzten erlaubt?“, vergleicht Dr. Karlheinz Kornhäusl, stellvertretender Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte, durchaus plakativ. Betriebsvereinbarungen, die eine höchstzulässige Dienstdauer von 25 Stunden gewährleisten, sind zwar vorhanden, jedoch eine flächendeckende Regelung fehlt nach wie vor: Eine im Jahr 2011 angekündigte Novelle zum Krankenanstaltenarbeitszeitgesetz zur Arbeitszeitverkürzung ist bis jetzt nicht zustande gekommen.

Auch niedergelassene Ärzte sind betroffen

Dass Probleme im Zusammenhang mit der Sicherheit längst nicht nur im intramuralen Bereich virulent sind, zeigte jüngst eine Aufsichtsbeschwerde an Gesundheitsminister Alois Stöger. Der Sprecher der Österreichischen Patientenanwälte Dr. Gerald Bachinger äußerte im Namen der Patientenanwälte die Sorge um die Qualität im niedergelassenen Bereich, da die Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der Medizin GmbH (ÖQMed) offenbar nicht ausreichend in der Lage ist, den vom Ärztegesetz auferlegten gesetzlichen Verpflichtungen zur Qualitätskontrolle zu erfüllen.

Die ÖQMed wurde von der Ärztekammer mit der Hauptaufgabe gegründet, die Qualitätssicherung und das Qualitätsmanagement im ärztlichen Bereich zu untersuchen und sicherzustellen. Dazu werden Ordinationsevaluierungen und Patientenbefragungen durchgeführt oder Themen wie das Fehlermeldesystem CIRS bei Fragen zur Arzthygiene unterstützt. Letztlich stellt sich die Frage, ob die ÖQMed als Teil der Ärztekammer ausreichend Distanz und Objektivität und vor allem Durchsetzungsvermögen aufbringen kann?

Patientensicherheit hat viele Gesichter

Als die häufigsten Sicherheitsrisiken im Gesundheitswesen hat der US-amerikanische Bericht bereits vor rund 15 Jahren Medikationsfehler, Organverwechslungen bei chirurgischen Eingriffen, Wundinfektionen und Patientenverwechslungen identifiziert. Wenig verwunderlich ist auch, dass die häufigsten Fehler dort passieren, wo der Zeitdruck und die Arbeitsbelastung am größten sind, vorrangig im Anästhesie- und Intensivbereich sowie in Notaufnahmen. Verstärkt wird das Problem noch durch den Umstand, dass Themen wie Sicherheit, Risikomanagement oder gar eine offene Fehlerkultur weder Bestandteile in der Ausbildung von Medizinern sind, noch im Alltag von brauchbaren Vorbildern in den Führungspositionen gelernt werden können.

„Ursachen für unerwünschte Ereignisse in der Medizin sind meist menschliche Faktoren wie etwa die Kompetenz in der Entscheidungsfindung, situatives Bewusstsein oder die Team- und Kommunikationsfähigkeit. Daher liegt die Lösung des Problems nicht im medizinischen Wissen, sondern vielmehr in der richtigen Kommunikation in der Krise, Entscheidungen unter Druck rasch und sicher zu fällen und einer zielgerichteten Teamkoordination“, weiß Dr. Helmut Trimmel, MSc., Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin im Landeskrankenhaus Wiener Neustadt. Unabhängig von den Ursachen steht fest, dass Qualität und Sicherheit untrennbar miteinander verbunden sind und beide offensichtlich als Querschnittsmaterie alle – und damit wieder niemanden – in der Zuständigkeit so richtig betreffen ...

Sicherheit und Qualität sind Führungsaufgaben

„Patientensicherheit und Qualität sind ganz klare Führungsaufgaben. Wenn das die Führungskraft nicht wahrnimmt, findet es nicht statt“, ist Trimmel überzeugt. Dass dazu umfassendes Verständnis und Detailwissen von Maßnahmen zur Qualitätssicherung und des klinischen Risikomanagements erforderlich sind, liegt auf der Hand.

Trimmel hat sich dieses Wissen als einer der Ersten von bisher rund 40 Teilnehmern im Rahmen des postgradualen Universitätslehrgangs „Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitssystem“ (http://www.postgraduatecenter.at/ patientensicherheit) am Institut für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien angeeignet, der heuer in die dritte Runde geht. Der Schwerpunkt dieses Universitätslehrgangs liegt auf der direkten Verbindung zwischen Theorie und Praxis für Qualitäts-, Führungs- und Steuerungswissen. Damit soll den komplexen Herausforderungen Rechnung getragen werden, denen Verantwortliche im Gesundheitsbereich begegnen. In vier Semestern werden Lehrveranstaltungen unter anderem zu ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, Kommunikation, Organisationskultur sowie ‚Human Factors‘ abgehalten, die bereits die unterschiedlichen Handlungsfelder von Patientensicherheit erkennen lassen. „Der Lehrgang setzt auf hohe Praxisnähe sowohl der Teilnehmer als auch der Vortragenden, sodass hier ausgezeichnete Möglichkeiten geboten werden, den Lehrstoff zum Beispiel auch mit politischen Entscheidungsträgern zu diskutieren und gleichzeitig österreichweite Netzwerke zu bilden“, beschreibt Trimmel die Vorteile der Ausbildung für die klinische Praxis.

Gemeinsame Ausbildung bringt´s

Dass es sich bei Patientensicherheit also wohl um mehr als nur ein trendiges Thema handelt, das im Fall eines Fehlers „nur“ für gute Schlagzeilen sorgt, bestätigt auch der Medizinethiker Dr. Stefan Dinges, der gemeinsam mit dem Intensivmediziner Prof. Dr. Andreas Valentin, MBA, ab Herbst die Lehrgangsleitung übernimmt: „Das Setting der Ausbildung bietet den optimalen Rahmen, um ein komplexes Thema interprofessionell aufzuarbeiten und in der Praxis nicht nur für mehr Patientensicherheit, sondern auch für die entsprechende Mitarbeitersicherheit zu sorgen.“ Und dorthin ist der Weg in Österreich noch ein langer, ist Dinges überzeugt: „Von der Aufnahme über den Spitalsaufenthalt und zurück in die Hauskrankenpflege sollten Patienten gut begleitet und über einzelne Einrichtungen hinweg koordiniert werden, damit niemand verloren geht.

Doch in der Praxis ist das Gegenteil erfahrbar: Es gibt kein Gesamtbild von guter Versorgung eines einzelnen Patienten; teure Diagnostik wird doppelt und dreifach durchgeführt, Medikamentenverschreibungen nicht kontrolliert und im niedergelassenen Bereich fehlen etwa geriatrische Fachkompetenzen am Wochenende. Die Konsequenz: Statt eines barrierereduzierenden Case-Managements kommt es zu teuren und unerwünschten Spitalseinweisungen. Die Folge: verunsicherte Patienten und Angehörige und frustrierte Mitarbeiter.“

Wie sicher ist die Zukunft?

Das Berufsbild des „Patientensicherheitsmanagers“ wird es wohl noch lange nicht geben, die vielen Einzelaktivitäten und Leuchtturmprojekte bringen das Gesundheitswesen jedoch konsequent voran. Auch von den bisher ausgebildeten Lehrgangsabsolventen oder Risikomanagern wird sich die Thematik zumindest viral verbreiten. „Im Moment gelingt es noch nicht ausreichend, über die Patientensicherheit und die Mitarbeitersicherheit Druck auszuüben, damit sich politische Entscheidungsträger dieser Themen strukturiert und flächendeckend annehmen. Dennoch wird ein System, das so konsequent die Bedürfnisse der Mitarbeiter und der Kunden ignoriert, nicht lange stabil bleiben können“, ist Dinges überzeugt und ergänzt: „Ein Teil der Lösung liegt in der Frage: Wer profitiert davon, dass es so bleibt, wie es ist – und wer kommt unter die Räder?!“

Information

Nächste Infoabende für den Postgradualen Lehrgang Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitssystem

25. Juni 2013 und 18. September 2013, jeweils um 18.00 Uhr

Ort: Seminarraum des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin, Campus der Universität Wien, Spitalgasse 2-4, Hof 2.8, 1090 Wien

Info & Kontakt: http://www.postgraduatecenter.at/patientensicherheit

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