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Pathologie 24. April 2008

Iatrogene Pathologie

Iatrogene Pathologie war das Hauptthema der Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie (ÖGP). So manche Nebenwirkung hinterlässt gut nachweisbare Spuren.

Iatrogen bedeutet „durch ärztliche Einwirkung entstanden“. Somit beschäftigt sich die iatrogene Pathologie mit den geweblichen Veränderungen in Folge von medikamentösen oder bestrahlungsbedingten Nebenwirkungen und unterscheidet diese von anderen, etwa infektiösen und tumorösen Auslösern. Das richtige Erkennen dieser Nebenwirkungen im Gewebe reduziert folgenschwere gesundheitliche Schäden und stellt so auch eine wesentliche Kostenersparnis im Gesundheitssystem sicher.

Unerwünschte Nebenwirkungen

Eine australische Studie, deren Daten durchaus auf Österreich übertragbar sind, hat gezeigt, dass in einer allgemeinärztlichen Praxis innerhalb von sechs Monaten etwa zehn Prozent der Patienten eine unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) erleiden. Betroffen sind vor allem ältere Patienten. Bei gut einem Drittel kommt es zu stärkeren Beeinträchtigungen, die eine ergänzende Therapie der Nebenwirkungen erfordern. Knapp zehn Prozent müssen sogar stationär behandelt werden. US-Daten zeigen, dass UAWs in der Todesursachenstatistik auf Platz fünf liegen – hinter Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall und Lungenerkrankungen.

Die Rolle der Pathologie

Manche der unerwünschten Wirkungen ziehen Gewebsbiopsien oder gar Operationen nach sich. In diesen Fällen kommt dem Pathologen im interdisziplinären Behandlungskonzept die Aufgabe zu, gewebliche Veränderungen infolge von Medikamenten- und/oder Strahlentherapie zu erkennen und ursächlich einzuordnen. „Wichtig ist besonders die Abgrenzung von anderen, in erster Linie infektiösen, aber auch tumorösen Ursachen“, so betont Dr. Cord Langner, Institut für Pathologie, MedUni Graz. „Um das erkrankte Gewebe richtig beurteilen zu können, ist der Pathologe gewöhnlich auf klinische Daten zur Vorgeschichte und aktuelle Befunde angewiesen. Denn geweblichen Veränderungen und Reaktionsmuster sind immer als Indizien zu sehen, die im klinischen Zusammenhang beurteilt werden müssen“, betont Langner.
Hier sind behandelnde Ärzte aufgefordert, dem Pathologen die jeweiligen klinischen Daten zur Verfügung zu stellen. Durch die Zusammenarbeit gelingt es, iatrogene Veränderungen zu erkennen und unerwünschte Wirkungen frühzeitig zu erfassen, um Schaden von den Patienten abzuwenden. Das frühzeitige Erkennen von Nebenwirkungen bewirkt auch eine Kostenersparnis: Bereits vor zehn Jahren wurden in den USA alleine die jährlichen Aufwendungen zur Behandlung von unerwünschten Wirkungen durch eine Therapie mit Schmerzmitteln auf über zwei Milliarden US-Dollar geschätzt.

Gastrointestinale Schäden

Im Magen-Darm-Trakt zeigen viele Medikamente unerwünschte Wirkungen, vor allem Schmerzmittel und Antibiotika, aber auch Immunsuppressiva, konventionelle Chemo- und Strahlentherapien. Schmerzmittel schädigen am häufigsten den Magen und Zwölffingerdarm, können aber auch Gewebeschädigungen im Dünn- und Dickdarm verursachen, die zu lebensgefährlichen Blutungen führen können. Derartige Läsionen müssen allerdings richtig zugeordnet und von erregerbedingten Veränderungen und Tumoren abgegrenzt werden. Iatrogene Veränderungen heilen nach Absetzen der Medikamente meist komplikationslos ab.
Chemotherapeutika, die in der Onkologie eingesetzt werden, schädigen nicht nur den jeweiligen Tumor, sie greifen auch das Normalgewebe an, speziell solches mit einer hohen Zellteilungsrate, wie die Schleimhäute des Magen-Darm-Traktes. Manche führen dabei zu Gewebsveränderungen, die ihrerseits mit einem Tumor verwechselt werden können. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die mikroskopische Beurteilung des betroffenen Gewebes durch Pathologen von größter Bedeutung ist.

Iatrogene Leber-Schädigungen

Die Leber ist anfällig für ein besonders breites Spektrum an medikamentenassoziierten Schädigungen. Weil spezifische klinische Symptome fehlen, ist ein Nachweis besonders schwierig. „Die Inzidenz medikamentenassoziierter Schädigungen der Leber wird wahrscheinlich sehr unterschätzt“, meint Prof. Dr. Carolin Lackner, Institut für Pathologie, MedUni Graz. In den USA ist die medikamentenassoziierte Leberschädigung die häufigste Ursache des akuten Leberversagens und macht in aller Regel eine Lebertransplantation bei vormals lebergesunden Patienten nötig.

Ein Beispiel zur Kostenersparnis

Abgesehen von inhalierten Schadstoffen können manche Medikamente wie Bluthochdruckmittel, Herzrhythmusmittel, Psychopharmaka, Neuroleptika und besonders Zytostatika Lungenschäden verursachen. Solche Veränderungen kann man zwar radiologisch und klinisch vermuten, ein Beweis muss aber mittels Gewebeprobe erfolgen. „In einem solchen Fall ist der pathologische Befund nicht nur der effektivste, sondern auch der kostengünstigste“, betont Prof. Dr. Helmut Popper, Institut für Pathologie, MedUni Graz.
Dies zeigt sich an folgendem Beispiel: Die Lunge eines Tumorpatienten, der mit Zytostatika behandelt wird, entwickelt Symptome. Diese könnten mit der Medikamenteneinnahme zusammenhängen, es könnte aber auch ein Tumor oder eine infektiöse Lungenentzündung vorliegen. Radiologische Befunde – Kostenpunkt 600 bis 700 Euro je nach Aufwand – lassen alle drei Möglichkeiten offen. Mittels einer sehr teuren Laboruntersuchung (rund 400 Euro) könnte man chemische Abbauprodukte der Krebsmittel nachweisen, aber auch dies würde keinen Aufschluss über die Symptome geben. Die Befundung durch den Pathologen von Gewebs- oder Zellmaterial, das aus Lungenbiopsie oder Lavage gewonnen wird, kostet nur rund 300 Euro und bringt in nahezu allen Fällen die definitive Diagnose. Würde man die Zytostatika weiter verabreichen, obwohl die Lunge bereits klinisch, z.B. durch Ausbildung von Atemnot oder durch einen auffälligen Lungenröntgenbefund, nachweislich geschädigt wurde, kostet dies mehrere tausend Euro für einen kompletten Zyklus. Würde man ohne klaren Pathologie-Befund prophylaktisch Antibiotika geben, so kostete das zusätzlich circa 2.000 bis 3.000 Euro. Die Gesamtsumme beliefe sich auf mehrere tausend Euro, die durch den Einsatz pathologisch-diagnostischer Verfahren rasch und zuverlässig bereits im Vorfeld begrenzt werden kann.

Quelle: Presseaussendung der ÖGP

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