zur Navigation zum Inhalt
 
Gerichtsmedizin 23. Jänner 2008

Meinung

Die Sensengasse hat nach dem Willen der Politiker ausgedient. Der dort ansässigen Gerichtsmedizin wird endgültig der Geldhahn abgedreht. Ist dies ein Persilschein für perfide Giftmörder?

Der Sachbuchautor und Pathologe Hans Bankl meinte vor wenigen Jahren in einem Interview, er hätte schon viele Giftmorde bei der Obduktion aufgedeckt. Ein Pathologe? Mitnichten! Und ganz hat es den Anschein, als ob man in Wien nun genau diesem Irrtum erliegt. Uns Pathologen fehlt nämlich das Instrumentarium der toxischen Analyse. Auch wenn wir nicht nur das sprichwörtliche „Messer im Rücken“ benötigen, um Fremdverschulden aufzuzeigen, sind wir aber auf Krankheitsdiagnostik spezialisiert. Seit 1.1.2008 sind nun die Gerichtsmediziner der Medizinischen Universität Wien auf „Eis“ gelegt. Die sanitätspolizeilichen Obduktionen werden daher von den Spitalspathologien durchgeführt. An sich keine ungewöhnliche Situation, da diese in anderen Bundesländern ebenso von Pathologen ausgeführt werden – doch fehlt uns die Möglichkeit Toxine nachzuweisen. Die Gefahr, die daraus resultiert, ist, dass maskierte Giftmorde ohne morphologisch fassbare Anhaltspunkte durch den Rost fallen. Nur die routinemäßig durchgeführte Toxikologie der Gerichtsmedizin deckt Unerwartetes auf! Wir Pathologen haben andererseits naturgemäß die höchste Expertise in der morphologischen Krankheitsdiagnostik, sodass bei speziellen, oft auch seltenen Krankheiten die Gerichtsmediziner die Unterstützung von den Pathologen einholen müssen. Der Autor dieser Zeilen kennt beide Seiten aus eigener Erfahrung und weiß um die Problematik des Wissensaustausches, der sicher nicht durch die beteiligten Menschen, sondern zumeist durch die bürokratischen Hindernisse erschwert wird. Der Verdacht auf eine Medikamenten-Überdosierung – bei Fehlen eines potenziell kausalen Zusammenhangs mit dem Tod – konnte bislang beispielsweise ohne mühselige Finanzierungszusage des Erhalters bei einer Spitalsobduktion akut gar nicht durchgeführt werden. Forensische Histologie wird andererseits von den Gerichtsmedizinern erledigt, wobei im Ausbildungscurriculum zum Facharzt für Gerichtliche Medizin nicht ein einziger Tag verpflichtender Ausbildung auf einer Pathologie vorgesehen ist! Und wir wissen alle, dass histologisches Wissen und Techniken rasch voranschreiten. Selbst die Kollegen der Neuropathologie müssen wenigstens sechs Monate Pflichtnebenfach auf einer Pathologie absolvieren.
Anstelle synergetisch Pathologie und Gerichtsmedizin wieder einander anzunähern, wird das renommierte Wiener Institut für Gerichtliche Medizin zugesperrt und von uns Pathologen erwartet, deren Arbeit im Rahmen der sanitätspolizeilichen Obduktion vollständig zu übernehmen.
Die vom Gericht beauftragten Obduktionen müssen ohnehin von den Gerichtsmedizinern durchgeführt werden. Pathologen können hier nur als Hilfsgutachter fungieren. Ein Tür-zu-Tür-Austausch ist dennoch allein räumlich weitgehend ausgeschlossen und gründet derzeit auf ein persönliches Engagement Einzelner.
Letztlich sind beide Fächer einander zwar sehr nahe, aber konkret mit unterschiedlichen Aufgaben betraut. Nachholbedarf gibt es meines Erachtens in der Kooperation Pathologie/Gerichtsmedizin in speziellen diagnostischen Überschneidungsbereichen. Mankos, die jedenfalls nicht durch die radikale Eliminierung eines ganzen Instituts behoben werden.
Ein Blick über unsere Grenzen macht deutlich, dass zwei so verwandte Fächer wie Pathologie und Gerichtsmedizin nebeneinander unter voller Ausnutzung aller Synergien in einem Krankenhaus wertvollste Qualitätssicherung und Forensik sowie regional unterstützende Verbrechensaufklärung betreiben könnten. Eine Gerichtsmedizin gehört daher meiner Meinung nach auch in jedes Referenzklinikum! Eine Prosektur, ein molekularbiologisches oder auch histologisches Labor können von beiden Instituten verwendet werden. Ob auf einem Sektionstisch gerichtlich oder klinisch obduziert wird, bzw. welche Schnitte am Mikrotom angefertigt werden, ist grundsätzlich belanglos. In all dieser Kürze will der Autor damit zum Ausdruck bringen, dass eine koordinierte Zusammenarbeit eine wesentliche Qualitätsverbesserung bei synergetischer Kostenbegrenzung für beide Fächer, als auch für das Gesundheits- bzw. Rechtswesen im Allgemeinen erreicht werden kann. Doch cave! Weder die Fusion noch die Schließung solcher Institutionen verbessern die gegenwärtige Situation – sondern nur ein Neuüberdenken und eine Neustrukturierung einer Kollaboration. So sollte die derzeitige Notlage Anlass genug sein, um intensiv über das Obduktionswesen und dessen Neuorientierung nachzudenken und in Bälde auch adäquat zu handeln.

Prim. Doz. Dr. Roland Sedivy ist stellvertretender Ärztlicher Direktor und Vorstand des Institutes für Klinische Pathologie im LKH St. Pölten., Ärzte Woche 4/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben