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Geschichte 24. April 2007

Jede Zelle entsteht aus einer Zelle (Narrenturm 96)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es nur einen, der den welt­berühmten Pathologen Karl von Rokitansky und die Wiener medizinische Schule an Berühmtheit übertraf: Rudolf Ludwig Karl Virchow in Berlin. Er war fast so etwas wie eine Institution und ist auch heute noch der Inbegriff des deutschen Mediziners und Wissenschaftlers.

Betrachtet man die oft bahnbrechenden Leistungen von Rudolf Ludwig Karl Virchow (1821–1902) in der Anatomie, der Pathologie, der Anthropologie, Ethnologie, Histologie, Sozialmedizin und Sozialpolitik, kann man kaum glauben, dass hinter dieser Fülle an Publikationen ein einzelner Mensch steckt und nicht eine ganze Sippe von Wissenschaftlern gleichen Namens. Bereits als junger Arzt an der Berliner Charité und Assistent des Prosektors machte Virchow zwei Entdeckungen, die auch heute noch die moderne Medizin mit seinem Namen verbindet. So beschrieb der erst 24-jährige Pathologe 1845 zeitgleich mit dem schottischen Physiologen John Bennett ein Krankheitsbild, bei dem die Patienten an Schwäche, Infektanfälligkeit und Blutungsneigung litten und auffällige Veränderungen des Blutbildes im Mikroskop hatten. Während Bennet an eine Art Blutvergiftung – Pyämie – glaubte, beschrieb Virchow am ungefärbten Blutausstrichpräparat detailliert die charakteristische Morphologie einer linksverschobenen Myelopoese und nannte diese Krankheit wegen des „weißen Blutes“ später Leukämie. Für ihn ungewöhnlich bescheiden, schließt Virchow seinen Bericht über das „weiße Blut“ mit den Worten „ich würde mich glücklich schätzen, der Wissenschaft dadurch zu einer neuen und wie mir scheint nicht unwichtigen Tatsache verholfen zu haben“. Ein Jahr später gelang es Virchow, eine ebenso wichtige Tatsache klarzustellen: Im Januar 1846 enträtselte er mit mikroskopischen, chemischen und experimentellen Studien den Zusammenhang zwischen Thrombose und Embolie und löste somit ein Problem, das Generationen von Pathologen vor ihm nicht hatten klären können. Der junge Pathologe konnte schlüssig demonstrieren, dass der Embolus, der die Lungenschlagader blockierte und von Pathologen oft bei plötzlich verstorbenen Patienten gefunden wurde, aus dem Becken oder den Beinen stammt. Eine Idee, auf die noch kein Forscher vor ihm gekommen war. Bereits während seines Studiums war Virchow aber auch der Faszination der damals neuen mikroskopischen Zelllehre verfallen. Wenn also Zellen die kleinsten Bestandteile eines Organismus sind, in denen sich die gesunden Lebensvorgänge abspielen, so müssen sich logischerweise auch die krankhaften Lebensvorgänge in den Zellen abspielen, hier gleichsam ihren Sitz haben. So dachte er. „Lernen Sie mikroskopisch zu sehen“, lautete seine später oft gehörte Aufforderung an die Studenten.

Quantensprung in der Medizin

Mit seinem 1858 veröffentlichten Buch „Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre“ markierte Virchow den „größten Fortschritt, den die wissenschaftliche Medizin seit ihren Anfängen machte“. Nach dieser „Solidarlehre“ konnten alle Krankheiten auf die Veränderung der Körperzellen zurückgeführt werden. Die Humoralpathologie, nach der alle Krankheiten auf eine Störung der Säfte – Blut, Schleim, Galle und Schwarze Galle – zurückzuführen sind, hatte nun ausgedient. Mit diesem Werk „reinigte er die medizinische Luft von allen Körpersäften- und Humbugsrückständen“. Enzyme, Hormone und Vitamine spielten ja erst im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der medizinischen Forschung.

Der Meister: autoritär ...

Erkenntnissen, die er nicht selbst machte, stand Virchow zumeist recht hochmütig und skeptisch gegenüber. Vor Irrtümern war allerdings auch der „Papst“ selbst nicht gefeit. Autoritär lehnte er etwa die mikroskopisch kleinen, belebten Krankheitserreger rundweg ab. Die genialen Ideen von Ignaz Semmelweis erkannte er nicht an und den noch unbekannten Kreisphysikus Robert Koch, der ihm stolz seine Entdeckung des Milzbrandbazillus vorführte, geißelte er mit Spott. Ab 1859 war Virchow auch politisch tätig. Er setzte sich für Verbesserungen des Gesundheitssystems und den Bau von Krankenhäusern und Kinderspielplätzen ein. Berlin erhielt auf seine Initiative hin als eine der ersten europäischen Großstädte ein System der Wasserversorgung und eine Kanalisation mit Abwasserbeseitigung. Nach Virchows Ansicht hatte der Staat für die Gesundheit seiner Bevölkerung zu sorgen, und Arm und Reich sollten den gleichen Anspruch auf bestmögliche ärztliche Betreuung haben. „Der Arzt ist der natürliche Anwalt der Armen“, war Virchows Credo schon, als er noch als junger Draufgänger galt. Nach einem heftigen Streit im preußischen Reichstag forderte ihn 1865 sein politischer Widersacher, Kanzler Otto von Bismarck, sogar zum Duell. Der schmächtige, zeitlebens wenig kriegerische Virchow nahm die Forderung an, sofern Bismarck damit einverstanden wäre, Skalpelle als Waffen zu verwenden. Virchow hatte zwar manche Lacher auf seiner Seite, aber nur der Kriegsminister konnte letztendlich Schlimmeres verhindern. Zum Duell kam es nicht.

... und selbstgefällig

Eine schöne Medaille im Narrenturm erinnert an den wohl bekanntesten und berühmtesten deutschen Arzt, Forscher und Sozialpolitiker, dem man einiges, aber sicher nicht „noble Zurückhaltung und Bescheidenheit“ attestieren kann. Über seinen Einfluss auf künftige Generationen von Medizinern bemerkte er einmal schlicht: „Wenn sie von der deutschen Schule sprechen, bin ich es, den sie meinen.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2007

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