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Geschichte 28. März 2007

Wenn Tote länger leben sollen (Narrenturm 92)

Das Einbalsamieren und Mumifizieren von Leichen ist eine Kunst, die seit Jahr­tausenden geübt wird. Jede Kultur hat so ihre liebe Not mit der Vorstellung, dass der menschliche Körper stirbt und verwest. Die bekanntesten Mumien stammen wohl aus Ägypten. Aber auch in jüngerer Zeit wird noch kräftig einbalsamiert.

 Aufbahrung Kaiser Franz Josef I.
Drei Tage blieb Kaiser Franz Josef I. in der Kapelle der Hofburg auf dem Schaubett öffentlich ausgestellt, von den herrlichsten Blumen und Kränzen mit prunkvollen Schleifen umgeben. Während dieser Zeit veränderte sich das Antlitz des Toten und die seinen Untertanen so vertrauten Züge waren kaum noch erkennbar. Die Ärzte haben möglicherweise bei dieser noch nicht sehr oft geübten neuen Balsamierungsart einen Fehler begangen.

Foto: Regal/Nanut

„Denn Erde bist du, und zur Erde sollst du zurück.“ Diese Worte der biblischen Dichter aus dem ersten Buch Mose beschreiben das fast unumstößliche Naturgesetz, dass jede Pflanze, jeder tierische oder menschliche Körper stirbt, verfault, zerfällt und letztendlich irgendwann zu Staub wird. Diese Vorstellung findet sich in praktisch allen religiösen Mythen.
Die Ur-Angst des Menschen, spurlos von dieser Erde zu verschwinden, hat in vielen Kulturkreisen zum Versuch geführt, den toten Körper zu konservieren und die „sterblichen Überreste“ möglichst unversehrt zu erhalten.
Die konservierenden Bestattungsmethoden, das Einbalsamieren und Mumifizieren von Leichen, ist eine Kunst, die seit Jahrtausenden in den verschiedensten Kulturen betrieben wird. Da in vielen Religionen an die Wiederkehr der Seele in den Körper geglaubt wird, mussten die nur vorübergehend entseelten Leichen so gut wie möglich erhalten bleiben.

Raffinierte Gemische

Am bekanntesten sind hier zweifellos die Mumien des alten Ägypten. Mit raffinierten Gemischen und viel Wissen balsamierten die alten Ägypter bereits seit dem
3. Jahrtausend v. Chr. ihre Toten mit hervorragenden Ergebnissen. Erst in den letzten Jahrzehnten erlaubten neue Untersuchungsmethoden und Analysen, bei denen nur wenig oder gar kein Material zerstört wird, nach und nach die Geheimnisse der ägyptischen Mumien zu lüften. Aber nicht nur die alten Assyrer, Perser, Ägypter, Äthiopier, Peruaner und Chinesen balsamierten ihre Toten, auch in Europa wurden bis ins 20. Jahrhundert zumindest die Leichen hochgestellter Persönlichkeiten wie Päpste, Mitglieder von Herrscherhäusern und Politiker – die bekanntesten Beispiele sind Lenin und Mao – mehr oder weniger meisterhaft konserviert.
Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum findet sich unter der Musealnum­mer 19.271 das Faksimile des ärztlichen Protokolls über die Konservierung des Leichnams von Kaiser Franz Josef I., gestorben am 21. November 1916 kurz nach 21 Uhr:
„Protokoll aufgenommen am 23. November 1916 über die Conservierung der Leiche seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. vom gefertigten in Gegenwart der zwei mitunterschrieben behandelnden Ärzte.
Die beiden großen Halsschlagadern werden freigelegt, in dieselben werden Kanülen eingebunden und sodann mit Formalin in concentriertem Zustand in den Kopf einerseits, in den Rumpf anderseits eingespritzt in der Menge von 5 Liter. Schließlich werden die gesetzten Halswunden vernäht.“

Nur ein Kerzl

Unterschrieben ist das Protokoll vom Gerichtsmediziner und Pathologen Prof. Dr. Alexander Kolisko (1857–1918) – sein signierter Seziertisch aus weißem Marmor wurde vor der Zerstörung gerettet und kann im Narrenturm besichtigt werden – vom letzten Leibarzt des Kaisers Hofrat Dr. Joseph Ritter von Kerzl – zu Lebzeiten des Kaisers pflegte der Leibarzt ironisch zu bemerken: „Andere Mo­narchen umgeben sich mit medizinischen Leuchten, Franz Josef hat nur ein Kerzl“ – und vom damaligen Vorstand der II. Medizinischen Universitätsklinik Dr. Norbert Ortner (1865–1930).
Laut Hans Bankl (1940–2004), Pathologe und Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Werke, ist dies ein auch im Wortlaut klassisches Konservierungsprotokoll. Eine auf diese Weise durchgeführte Konservierung sollte den „entseelten kaiserlichen Leichnam“ für viele Jahre in einem guten Erhaltungszustand bewahren.
In seiner Biographie des Kaisers, erschienen 1955, schrieb der Biograph des Hauses Habsburg, Egon Caesar Conte Corti: „Dann wird der Leichnam nach einem neuen Verfahren mit Paraffin einbalsamiert, in einen kupfernen Sarg gelegt und in die Kapelle der Wiener Hofburg überführt. Drei Tage bleibt er dort auf dem Schaubett öffentlich ausgestellt, von den herrlichsten Blumen und Kränzen mit prunkvollen Schleifen umgeben. Während dieser Zeit veränderte sich das Antlitz des Toten und die seinen Untertanen so vertrauten Züge werden kaum noch erkennbar. Die Ärzte haben bei dieser noch nicht sehr oft geübten neuen Balsamierungsart einen Kunstfehler begangen.“

Die moderne Methode

Hier irrte der gewöhnlich ausgezeichnet informierte Offizier. Wie man sich aus dem Protokoll überzeugen kann, wurde der Leichnam nicht mit Paraffin, sondern mit Formalin – Formaldehyd in wässriger Lösung – konserviert. Kaiser Franz Josef wurde neun Tage nach seinem Tod in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt. Dass sich die Gesichtszüge etwas verändert haben, hält Bankl durchaus noch für normal. Möglicherweise war aber die Methode damals wirklich noch nicht gut erprobt. Moderne Thanatopraktiker – Stichwort „modern embalming“ – spritzen heute mit Druck und deutlich mehr Volumen – etwa elf Liter formalinhältige Flüssigkeit – das Gefäßsystem des toten Körpers aus und können damit die Verwesung zwar längere Zeit aufschieben, aber auch nicht gänzlich verhindern.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 13/2007

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