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Geschichte 6. Februar 2007

Der Anatom als Pionier sozialer Einrichtungen (Narrenturm 85)

Soziales Verantwortungsgefühl prägte das Leben Julius Tandlers. Deshalb hat der Anatom nicht nur durch seine Forschungen und Lehrbücher einen Ehrenplatz in der Geschichte der Wiener Medizin verdient. Umso befremdlicher erscheinen heute Tandlers Ansichten zur Euthanasie und zur Rassenhygiene.

In der Wiener Medizin engagierten sich in sozialen Fragen vor allem drei Theoretiker, und nicht die berühmten Kliniker der Wiener medizinischen Schule. Was bewog gerade Anatomen und Pathologen dazu, zu So­zialpionieren zu werden? War es der einmal „lebenden Menschen helfen wollende Arzt“ im Wissenschaftler? Waren es die ausgemergelten Körper, die auf den Seziertischen der Anatomen landeten und ihnen so das Elend der sozialen Unterschichten drastisch vor Augen führten? Um Zufall handelte es sich vermutlich nicht, da sich auch in Deutschland der Pathologe Rudolf Virchow heftigst als Sozialpolitiker engagierte. In Österreich war es der Anatom Ferdinand Leber (1727–1808), der trotz zunächst heftigster Widerstände Kaiserin Maria Theresias durch seine Hartnäckigkeit 1776 die Abschaffung der Folter in Österreich erreichte; der weltberühmte Anatom Joseph Hyrtl (1810–1894) hingegen stiftete im 19. Jahrhundert praktisch sein ge­samtes riesiges Vermögen für eine Reihe wohltätiger Einrichtungen; vor allem aber Julius Tandler (1869–1936) war Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem die private Wohltätigkeit ablösenden „geschlossenen System der Fürsorge“ weltweit beispielgebend. Tandler, der 1910 den Lehrstuhl für Anatomie an der Universität Wien innehielt und Hyrtl immer als seinen „geistigen Großvater“ bezeichnete, hat nicht nur durch seine anatomischen Forschungen und Lehrbücher einen Ehrenplatz in der Geschichte der Wiener Medizin verdient.

Mehr als Barmherzigkeit und milde Gaben

Von wesentlich größerer Bedeutung ist sein Engagement in sozialen Fragen, das heute als Meilenstein zwischen der privaten Armenfürsorge und Wohltätigkeit des 19. Jahrhunderts und dem modernen Sozialversicherungssystem angesehen wird. Die nach Lust und Laune zur eigenen Genugtuung und Gewissensberuhigung herablassend gegebenen Almosen der Reichen waren für Tandler nichts anderes als „Wohltäterei“. Tandlers etwa um 1920 in Wien begründetes „geschlossenes System der Fürsorge“ ging da andere Wege: nicht die mildtätige Barmherzigkeit, sondern die „Pflicht der Gesellschaft zur Fürsorge“, nicht das Betteln um milde Gaben, sondern das „Recht des Einzelnen auf Fürsorge“ und das „soziale Verantwortungsgefühl“ waren die Pfeiler seines Systems. Viele, auch heute noch bestehende soziale Einrichtungen gehen auf Initiativen Tandlers zurück: das Netz von Kindergärten, Mutterberatungsstellen, Schulzahnkliniken, die Kinderübernahmestelle, das kostenlose Säuglingswäschepaket, Eheberatung und Tuberkuloseheilstätten. Mit dem Chirurgen Leopold Schönbauer (1888–1963) errichtete er die erste Krebsberatungsstelle in Wien. Als dritte Stadt der Welt kaufte Wien 1930 fünf Gramm Radium zur Bestrahlung von Krebspatienten im Krankenhaus Lainz. Die enormen Geldmittel für diese Einrichtungen trieb Stadtrat Hugo Breitner auf. Breitner nannte Tandler scherzhaft seinen „teuersten Freund“.

Abgabe aus dem Stundenhotel

Für die Finanzierung ging Breitner ungewöhnliche Wege. „Fürsorgeabgaben“ aus Nachtlokalen, Bars und Pferdewetten bezahlten das Säuglingswäschepaket und das tägliche Mittagessen für die Schulkinder. Ein Wiener Stundenhotel kam so etwa für die Kosten eines Entbindungsheims auf. Tandlers Sozialpolitik wurde weltweit zum Vorbild. Sie zeugt von einer durch und durch humanistischen und fortschrittlichen Gesinnung. Umso befremdlicher erscheinen uns daher heute Tandlers Ansichten zur Euthanasie, zur – aus Kostengründen – „selbstverständlich unter allen Kautelen der Wissenschaft und der Menschlichkeit Unfruchtbarmachung der Minderwertigen“ und Bemerkungen vom „Volkskörper“ und vom Menschen als „lebendem Kapital“.

Unwiderstehlicher Einfluss des Wissenschafts-Mainstreams

Hier zeigt sich, und darüber sind sich fast alle Kommentare heute einig, wie ungeheuer groß der Einfluss des Zeitgeistes, „des rassenhygienischen Paradigmas“ dieser Zeit war. Auch die „positivsten Menschen“ konnten sich dem damaligen – für uns heute völlig unverständlichen und natürlich abzulehnenden – „Mainstream der Wissenschaft“ offenbar nicht entziehen. In der umfangreichen „Medicina in Nummis“-Sammlung des Narrenturms finden sich zwei „Professor-Dr.-Julius-Tandler-Medaillen“. Die Tandler-Medaille wird nach Beschluss des Wiener Gemeinderates vom 8. April 1960 den Satzungen gemäß „als äußeres Zeichen der Anerkennung und Würdigung an Personen verliehen, die sich durch uneigennützige und aufopfernde Tätigkeit um das Wohl der Mitmenschen besonders verdient gemacht haben“. Die Medaille mit dem Porträt Tandlers wird auch heute noch in drei Klassen – Gold, Silber und Bronze – verliehen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 6/2007

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