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Geschichte 18. Jänner 2007

Die Schädel des Herrn Doktor Hyrtl (Narrenturm 82)

Bereits als Medizinstudent begann der auch handwerklich geschickte Joseph Hyrtl Präparate anzufertigen und damit die Kästen des Anatomischen Museums zu füllen. Schon zwei Jahre nach seiner Promotion wurde er als Professor für Anatomie nach Prag berufen und kehrte 1845 wieder nach Wien zurück, wo er seine Kräfte auf den Aufbau der später weltberühmten anatomischen Sammlung konzentrierte. Teile der Kollektion sind im Narrenturm zu sehen.

Die Sammlungen des im 19. Jahrhundert weltweit gefeierten Anatomen Joseph Hyrtl (1810–1894) hatten nicht das Glück, als Einheit erhalten zu bleiben. Bereits die Wirren der Revolution von 1848 und mehrere Brände vernichteten zahlreiche Präparate. Viele Objekte seines „Vergleichend-Anatomischen Museums“ musste der passionierte Sammler zähneknirschend schon 1861 an die neu gegründete Lehrkanzel für vergleichende Anatomie an der Philosophischen Fakultät abtreten. Nach seiner Emeritierung 1874 wurden auch die restlichen Präparate dem zoologischen Museum übergeben. Mehrfache Übersiedelungen und Kriegsschäden dezimierten die Bestände des einst weltberühmten Museums weiter.
Den Grundstein zum anatomischen Museum der Universität Wien legte 1745 Gerard van Swieten. Er verwendete seine eigene wertvolle Sammlung mit Präparaten der bekannten Anatomen Rysch, Albin und Lieberkühn in seinen Vorlesungen, später stiftete er sie der Universität. Der Wundarzt des Wiener Bürgerspitals, Ferdinand Leber (1727–1808) – er war von 1761 bis 1786 auch Professor für Anatomie und theoretische Chirurgie – legte auf eigene Kosten eine Sammlung anatomischer Präparate an.
In die Geschichte der Wiener Medizin ging Leber aber nicht als Anatom, sondern als „Folterarzt“ ein. Er war jener Arzt, der durch unermüdliche Eingaben an Kaiserin Maria Theresia – „welche lange nicht nachgeben wollte“, immerhin 19 Jahre – 1776 die Abschaffung des „peinlichen Gerichtsverfahrens“, der Tortur, erreichte. Zehn Jahre später, mittlerweile auch Leibchirurg der Kaiserin, gab Leber das Lehramt der Anatomie auf und schenkte seine Kollektion der Fakultät.
Der erste Katalog der Sammlung erschien 1772 und beschrieb 236 Feucht- und 57 Trockenpräparate. Die goldene Zeit des Anatomischen Museums begann aber erst 1773 unter dem genialen Augenarzt und Anatomen Joseph Barth (1745–1818). Er bereicherte das Museum um viele wertvolle Objekte. Der Museumskatalog des Jahres 1823 zählte schon 2.150 Nummern.
Bereits als Medizinstudent begann der geschickte Hyrtl anatomische Präparate anzufertigen und damit die Kästen des anatomischen Museums zu füllen. Von seinem Lehrer Michael Mayer (1766–1830), einem Mann, „welcher 30 Jahre seines faulen Lebens auf dem entweihten anatomischen Lehrstuhl versessen hat“, hielt Hyrtl anscheinend nicht übermäßig viel. Mayer, der – wieder laut Hyrtl – „nur geboren schien, mit der Wucht seines Bauches den Hörsaal zu beengen“, bereicherte weder das Museum noch den anatomischen Unterricht.

 Totenköpfe
Oben: Der Narrenturm als „würdiges Obdach“ für die Reste der Hyrtlschen Sammlung. Ein anderer Teil landete bei den Zoologen. Links: Porträt des „anatomischen Giganten“.

Foto: Regal/Nanut

Römer und Ägypter

Hyrtl wurde 1837, nur zwei Jahre nach seiner Promotion, als Professor für Anatomie nach Prag berufen und kehrte 1845 wieder nach Wien zurück. Hier wurde ihm aber der versprochene Aufbau einer „Musteranatomie“ nicht nur nicht erfüllt, sondern, wie er meinte, sogar hintertrieben. So konzentrierte der geniale Präparator seine Kräfte in den Ausbau des anatomischen Museums, in die Herstellung von Präparaten und in seine Lehrbücher.
Unter ihm erlangte die Wiener Anatomie Weltgeltung. Seine Präparate waren Prachtexemplare, um die sich alle anatomischen Museen der Welt förmlich rissen. Die sensationelle Hyrtlsche Sammlung war weltberühmt. Leider ist sie heute nur mehr in Bruchteilen erhalten und zudem noch auf mehrere Orte verteilt. Im Narrenturm befindet sich die umfangreiche Schädelsammlung mit den von Hyrtl in seinem 1869 erschienen Buch „Vergangenheit und Gegenwart des Museums für menschliche Anatomie an der Wiener Universität“ im Katalogteil angeführten Objekten. Neben diversen Schädeln mit Knochenvariäteten, anatomischen Seltsamkeiten und Pathologien findet man hier etwa einen Schädel aus einem Römergrab in Carnuntum, den Schädel einer ägyptische Mumie, die Schädel der Novara-Expedition und die von Hyrtl so bezeichneten „Racenschädel“ – Schädel von Menschenrassen aus der ganzen Welt. Alle fein säuberlich beschriftet und durchnummeriert. Hyrtl, dem einst „bange wurde bei dem Gedanken, ob und wo seine Sammlung würdiges Obdach, Sorgfalt und Pflege finden wird“, wäre mit der Aufstellung im Narrenturm wohl rundherum zufrieden.

Enttäuscht ins Tusculum

Da die Wiener Anatomie – wie Hyrtl es geplant und gehofft hatte – kein „stilles, abgelegenes, wohnliches Haus entsprechend den Bedürfnissen der Wissenschaft“ erhielt, legte er sein Lehramt frühzeitig nieder und zog sich enttäuscht in sein „Tusculum“ nach Perchtoldsdorf zurück. Hier vollendete er sein wissenschaftliches Werk, das vor allem Studien zur anatomischen Sprache umfasste.
Hyrtl starb am 17. Juli 1894 in seinem Haus in Perchtoldsdorf. Der Nachruf auf den „anatomischen Giganten“ begann mit den Worten: „Der letzte Atemzug der alten medizinischen Schule Wiens – er ist geschehen.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 3/2007

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