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Pathologie 26. Oktober 2015

Nochmal nachgeschaut

Die zweite Leichenschau deckt auf: Der natürliche Tod war gar nicht so natürlich.

In einem viereinhalbjährigen Untersuchungszeitraum hatten Ärzte bei der ersten Leichenschau, in 91,9 Prozent der Fälle, einen natürlichen Tod angegeben – bei 60,7 Prozent davon gab es Anhaltspunkte für ein nicht-natürliches Sterben.

Als der zu einer Leichenschau gerufene Hausarzt die Verstorbene in ihrem Ehebett vorfindet, stellt er einen natürlichen Tod fest. Übersehen hatte er jedoch die Strangmarke in ihrem Genick. In diesem und weiteren 725 Fällen war der „natürliche Tod“ gar nicht natürlich. Das kam bei einer Untersuchung von Rechtsmedizinern der Universität Greifswald heraus, die ihre Erkenntnisse auf der diesjährigen 94. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin präsentierten. Sie hatten sich im Untersuchungszeitraum von 2011 bis Juli 2015 Daten zur in Deutschland gesetzlich vorgeschriebenen zweiten Leichenschau vor der Feuerbestattung von 36.801 Verstorbenen in Mecklenburg-Vorpommern angesehen.

Darunter befand sich der Fall der oben erwähnten Frau. Sie hatte sich durch Erhängen suizidiert. Ihr Ehemann schnitt sie vom Strang und alarmierte den Notarzt, der jedoch nur noch den Tod feststellen konnte. Der zur Leichenschau angeforderte Hausarzt entkleidete die ins Ehebett gelegte Leiche nicht und übersah so die Strangmarke. Warum der Ehemann die Situation nicht erklärt hat, war in der Fallbeschreibung jedoch nicht vermerkt. Die Einäscherung wurde angehalten und der Fall bei der Polizei angezeigt.

In einem anderen Fall wurde eine Frau Zuhause auf der Toilette gefunden. Der leichenschauende Arzt deklarierte einen natürlichen Tod bei V. a. akuten Herztod. Bei der Krematoriumsleichenschau wurden jedoch zahlreiche, zum Teil umschriebene Unterblutungen des Brustkorbs und der unteren Extremitäten gefunden. Der Einäscherungsprozess wurde angehalten, der Fall angezeigt und die Leiche seziert. Dabei wurde festgestellt: Die Frau starb letztlich an einer Unterkühlung. Ihr Ehemann wurde wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, da er seine Frau wenige Tage vor ihrem Tod körperlich misshandelt haben soll. Dabei hatte sie wohl eine traumatische Brustkorbkompression mit beidseitigen Rippenfrakturen erlitten und daraufhin eine herdförmiger Lungenentzündung entwickelt.

Insgesamt haben die Rechtsmediziner vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Greifswald in dem viereinhalbjährigen Untersuchungszeitraum den Einäscherungsprozess von 1.196 Verstorbenen wegen verschiedener Auffälligkeiten angehalten (3,2 %):

• wenn die zweite Leichenschau selbst auffällig war, wenn also Verletzungen festgestellt wurden, die so nicht in der Todesbescheinigung dokumentiert waren,

• wenn die Todesbescheinigung mangelhaft erklärte Angaben enthielt,

• wenn ein falscher innerer Zusammenhang zwischen Todesursache und -art bestand,

• wenn die Anzeige eines natürlichen/ungeklärten Todesfalls fehlte,

• wenn der Leichnam stark fäulnisverändert und seine Identität unklar war.

Bei Verstorbenen, deren Einäscherung angehalten wurde, hatten Ärzte bei der ersten Leichenschau in 91,9 Prozent der Fälle (n=1.100) einen natürlichen Tod angegeben. Bei der zweiten Leichenschau zeigte sich, dass bei 60,7 Prozent der zunächst als natürlich deklarierten Sterbefälle (n=726) Anhaltspunkte für einen nicht-natürlichen Tod vorlagen, die angezeigt werden mussten.

Krematoriumsleichenschau

Die zweite ärztliche Leichenschau ist die Voraussetzung für die Freigabe zur Feuerbestattung und bei manchen Verstorbenen die letzte Möglichkeit, fragwürdige Befunde am Leichnam sowie Unklarheiten auf der Todesbescheinigung aufzudecken.

springermedizin.de, Ärzte Woche 44/2015

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