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© Matthew Jones / Thinkstock
Der Pathologe verbringt heute die meiste Zeit mit der mikroskopischen Begutachtung und Diagnosestellung für den Patienten.
 
Allgemeinmedizin 2. Februar 2013

Von der Obduktion zur Diagnose für den Lebenden

Pathologie – gestern, heute, morgen.

Einen Rückblick über die letzten 200 Jahre der Wiener Pathologie gab eine wissenschaftliche Sitzung der Gesellschaft der Ärzte im Dezember in Wien.

In den letzten 200 Jahren seit der Gründung der Pathologie als selbstständiges Institut 1911-1912 in Wien, hat sich das Fach von Grund auf neu entwickelt und erweitert. Stand zu Beginn die Obduktion am Leichnam im Vordergrund, so bietet die molekularbiologische, mikro-anatomische, histologische Diagnostik heute die Voraussetzung für eine gezielte Therapie des Patienten. Auf Initiative des em. Prof. Dr. Heinz Holzner, der drei Jahrzehnte lang das Institut als Vorstand leitete, wurde daher, der neuen Entwicklung entsprechend eine Umbenennung von „Pathologische Anatomie“ in „Klinische Pathologie“ vorgenommen – heute das Klinische Institut für Pathologie mit Prof. Dr. Dontscho Kerjaschki als Vorstand.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien gab Dr. Roland Sedivy, Klinisches Institut für Pathologie der medizinischen Universität Wien, einen Rückblick über die letzten 200 Jahre der Wiener Pathologie.

Begonnen hat die Geschichte der Wiener Pathologie bereits in der Zeit von Maria Theresia. Unter der Federführung ihres Leibarztes Gerard von Swieten erließ sie ein Obduktionsgesetz, das in der Grundlage auch heute noch gültig ist. Den nächsten Quantenschritt zur Entwicklung der Wiener Pathologie setzte Carl Rokitansky. Er vollzog den Wandel der Medizin von einer philosophisch-mythologischen Betrachtung zu einer Wissenschaft auf reproduzierbarer, naturwissenschaftlicher Basis. „Tausende, am AKH durchgeführte Obduktionsbefunde wurden in Korrelation zu den klinischen Befunden vor dem Tod gestellt und erbrachten klar definierte Krankheitsbilder“, berichtet Holzner. Seiner Meinung nach sind über 300.000 Obduktionsbefunde noch erhalten. „Vergleicht man die seit 1817 erhaltenen Befunden und jene aus einer späteren Zeit, so findet man im ersten Zeitabschnitt Bezeichnungen wie Nervenfieber, Miselsucht oder allgemeine Schwäche, während später Herzklappenentzündung, Leberzirrhose, Lungenkrebs oder Tuberkulose als Todesursache angegeben werden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die anatomischen Grundlagen der Krankheiten von den Pathologen weitgehend aufgearbeitet und wurden zunehmenden durch neue Methoden ergänzt.“

Mikroskopische Diagnosestellung für die Patienten

Die Obduktion dient heute vor allem der medizinischen Qualitätskontrolle. „Doch die meiste Zeit verbringt der Pathologe heute mit der mikroskopischen Begutachtung und Diagnosestellung für den Patienten“, betont Kerjaschki. Er vergleicht die Arbeit mit jener eines Fluglotsens auf einem großen Flughafen, der zwar nach außen unsichtbar ist aber dennoch den gesamten Betrieb steuert und kontrolliert. Und so wie der Lotse keinen Applaus vom Passagier erhält, wird auch der Pathologe vom Patienten nicht bedankt. Doch Chirurgen, Internisten, andere Fachkollegen sind für seine Diagnosen dankbar, sowohl als wertvolle Hinweise während einer Operation oder als Empfehlungen für eine weitere Therapie.

50.000 Diagnosen pro Jahr

Aus einer halben Million von beurteilten mikroskopischen Gewebsproben werden am Institut etwa 50.000 Diagnosen von einem speziell ausgebildeten Team von medizinisch technischen Analytikern und Ärzten erstellt. In letzter Zeit setzt die Pathologie dafür auch molekularbiologische Methoden ein. Allerdings sei der mikroskopische Befund immer noch zu recht der „Gold-Standard der Diagnostik“, mit mehr als 99 ,9 Prozent Sicherheit, sagt Kerjaschki. Das Institut unterstützt auch als Referenzzentrum die Pathologen in anderen Spitälern. Im Vergleich zu den Pathologischen Instituten im deutschsprachigen Raum nimmt das Institut Platz 2 in der Liste der Top 5o, knapp nach Basel und vor Berlin, ein.

Wissenschaftliche Erforschung von Krankheitsursachen

Internationale Bedeutung hat das Institut auf dem Gebiet der Erforschung von Nierenerkrankungen und von Organabstoßreaktionen bei der Nierentransplantation Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Rolle der Lymphgefäße bei der Ausbreitung von malignen Tumoren. Im Kerjaschki-Labor ist es gelungen, ein Markermolekül für Lymphgefäße zu entdecken, womit die Mechanismen der Tumorbildung weiter geklärt werden sollen.

Die Alexander-Albrechts-Universität Erlangen hat Kerjaschki die seltene Auszeichnung des Ehrendoktorats für seine wissenschaftlichen Arbeiten verliehen.

Quelle: Wissenschaftliche Sitzung der Gesellschaft der Ärzte, Dezember 2012, Wien

G. Niebauer, Ärzte Woche 5/2013

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