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Foto: stpoelten.lknoe
Prim. Doz. Dr. Roland Sedivy Vorstand des Instituts für Klinische Pathologie am Landesklinikum St. Pölten.
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Prim. Doz. Dr. Roland Sedivy Vorstand des Instituts für Klinische Pathologie am Landesklinikum St. Pölten.

 
Pathologie 4. April 2009

Der heimtückische Giftmord könnte wieder in Mode kommen

Die heimischen Obduktionsquoten wecken schlimme Befürchtungen.

Der Chefpathologe in St. Pölten ist ein Mann, der sich Gedanken über die Gegenwart der Autopsie in Österreich macht und sich mehr Technik für die Zukunft wünscht – vor allem auch in der Obduktion.

 

Prim. Doz. Dr. Roland Sedivy, Vorstand am Institut für Klinische Pathologie des Landesklinikums St. Pölten, sieht sich nicht nur als Anwalt der Toten, er macht sich darüber hinaus auch Sorgen um die Hinterbliebenen. In St. Pölten entstand so ein Vorzeigemodell, das es erlaubt, die Hinterbliebenen multiprofessionell zu betreuen. Gedanken macht sich der literarisch begabte Pathologe aber auch um die sinkende Obduktionsrate in Österreich und beschreibt im Interview die Chancen der „Virtopsie“.

 

Herr Professor, in Ihrem aktuellen Buch Arsen, Strychnin & Co: Giftattentate in Österreich beschreiben Sie die aufsehenerregendsten heimischen Giftanschläge. Wie gingen Sie bei der Recherche vor?

SEDIVY: Inspiriert hat mich ja eigentlich meine Frau, eine begeisterte Krimileserin. Dass ich das Projekt letztendlich in Angriff nahm, war aber dem Zufall zu verdanken. Ich wurde vom österreichischen Rundfunk eingeladen, um in einem TV-Interview etwas zu der Stellung des Pathologen in Österreich zu sagen. Zufälligerweise ereignete sich kurz davor das mittlerweile berüchtigte Giftattentat auf den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger. Natürlich weiß ich, dass die Begriffe Pathologe und Gerichtsmediziner oft vertauscht werden und bereitete mich daher auch auf allfällige Fragen in diese Richtung vor. Die Recherche dafür machte mir richtig Spaß, und so realisierte ich das Buchkonzept, das ich schon länger in mich trug.

Bei dem Buch ging es mir aber nicht darum, irgendwelche Details der Attentate offenzulegen, sondern ich habe mir die Geschichten nach den verwendeten Toxinen ausgesucht, damit sie mir als Hintergrund zur Beschreibung des jeweiligen Giftes dienen. Dabei legte ich vor allem Wert auf die Verständlichkeit, um ebenfalls für Laien interessant zu sein, und habe versucht, biologisch komplexe Abläufe nachvollziehbar zu beschreiben.

 

Welche Geschichte hat Sie besonders fasziniert?

SEDIVY: Spannend fand ich insbesondere jene Fälle, in denen das Gift als trojanisches Pferd, also als Geschenk, verabreicht wurde. Angefangen bei der Schenkung von Potenzpillen durch einen Oberleutnant an einen K.u.k.-Generalstabsoffizier. Womit sonst kann man Männer leichter verführen? Diese Pillen gibt man nicht weiter und nimmt sie möglichst verschwiegen ein. Bemerkenswert ist, dass die Vorliebe zum Giftmord, die man ja eher den Frauen zuschreibt, sich nicht unbedingt am Geschlecht orientiert, sondern am Beruf der Mörder. Und in diesen Arbeitsbereichen sind Frauen überproportional vertreten. Man kann also sagen: Der Giftmord ist nicht geschlechtsspezifisch, sondern geschlechtstypisch.

 

Nun gab es in der letzten Zeit wiederholt Giftattacken in Österreich. Hat der Giftmord wieder Renaissance?

SEDIVY: Mit dieser Frage treffen Sie ins Schwarze, denn aufgrund der derzeit dramatisch sinkenden Obduktionsfrequenzen, vor allem in der Bundeshauptstadt, hege ich eben diese Befürchtung. Dabei war einst gerade in Wien die Situation geradezu vorbildhaft. Da hat die Gerichtsmedizin die sanitätspolizeilich verstorbenen Leichen übernommen und obduziert. Davon konnten und können wir in Niederösterreich nur träumen. Hier sind die meisten Krankenhäuser für Giftanalysen nicht gerüstet. Aufgrund meiner gerichtsmedizinischen Erfahrungen sehe ich dieses Manko sehr deutlich. Die meisten Kollegen auf der Pathologie haben keinerlei kriminalistische Ausbildung und Erfahrung, gehen an diese Sachen also sehr unbedarft ran. Das soll kein Vorwurf sein, denn dies fällt weder in ihren Verantwortungsbereich noch wurden sie dafür ausgebildet. Gerade beim Giftmord muss der Untersucher aber aktiv an diese Möglichkeit denken, da sich die Hinweise sehr selten von selbst offenbaren.

Die aktuellen Obduktionsraten lassen mich also vermuten, dass der Trend zum Giftmord dramatisch steigen könnte, ohne dass wir das statistisch erfassen würden – insbesondere wenn die Öffentlichkeit davon Wind bekommt. Mir ist bewusst, dass ich mich mit meinen Warnungen dem Vorwurf aussetze, dass ich die falsche Seite alarmiere. Ich bin aber überzeugt, dass Schweigen in dieser Sache der verkehrte Weg ist. Mit meinem Buch möchte ich vor allem unterhalten sowie einen interessanten und lehrreichen Einblick in die Welt der Toxine bieten, wenn ich daneben aber die Öffentlichkeit vom Sinn der Obduktionen überzeuge und Kollegen sensibilisieren kann – umso besser! Denn was wäre wirklich fatal? Wenn wir in sechs oder mehr Jahren per Zufall einen Serientäter oder eine –täterin aufspüren!

 

Sie haben am Beginn Ihrer Karriere ein Jahr auf der Gerichtsmedizin zugebracht und kritisieren, dass die Pathologen kaum einen Bezug zur Gerichtsmedizin aufbauen können.

SEDIVY: Es ist für mich tatsächlich völlig unverständlich, dass es da keinen Austausch gibt. Ich bin überzeugt, dass beide Fachschaften davon enorm profitieren würden. Als stellvertretender Fachgruppenobmann des Landes Niederösterreich setze ich mich für einen verpflichtenden Austausch ein. Außerdem könnte man viele spannende Synergien zwischen den beiden Fächern aufbauen, die derzeit vollkommen brach liegen. Beispielsweise könnten bei der Gewebebegutachtung die in der Histologie besser geschulten Pathologen die Gerichtsmediziner unterstützen.

 

Aber die Obduktion hat ja noch weitere wichtige Aufgaben, etwa die Evaluierung der Diagnose und somit die statistische Todesursachenermittlung.

SEDIVY: Das ist ein weiterer selten beachteter Nachteil der fallenden Obduktionsquoten. Die Statistiker warnen bereits, dass wir zukünftig völlig falsche epidemiologische Daten bekommen und somit eine verkehrte Vorstellung der Krankheitsbilder. Bleibt dies so, dann müssen wir in Zukunft von Wahrscheinlichkeiten und nicht mehr von Sicherheiten in diesem Bereich ausgehen.

Dabei haben wir gesetzlich die besten Grundlagen, so können bei uns die Angehörigen eine Obduktion nicht verhindern. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb habe ich mich immer bemüht, den Anverwandten zu verdeutlichen, warum eine Obduktion wichtig ist – und zwar auch in ihrem Sinne. So habe ich ein Begleitschreiben konzipiert und biete die Möglichkeit an, dass sich der Chefpathologe mit den Familien zusammensetzt, um offene Fragen zu beantworten. Wir nennen dieses Service in St. Pölten Hinterbliebenenbetreuung. Da liegt aus meiner Sicht ein Riesenpotenzial drin. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Mann verstarb an einer Leberzirrhose. Natürlich wurde in seiner Umgebung hinter vorgehaltener Hand über eine Vergangenheit als „Trankler“ spekuliert, worunter seine Familie stark litt. Erst unsere Obduktion brachte die Ehrenrettung für den Toten: hereditäre Hämatochromatose. Ich versuche bei diesem Service aber weitere Schritte zu setzen, um den Hinterbliebenen auch in anderen Dingen zu helfen, schließlich wurden diese Menschen bislang vernachlässigt, denn nach dem Tod hört das Pouvoir der Kliniker bekanntlich auf. Ich habe daher versucht, den Anverwandten mit Trost und Ratschlägen beiseite zu stehen, merkte jedoch bald, dass es hier trotz aller Empathie in dramatischen Fällen professioneller Hilfe bedarf. Daher habe ich ein Netzwerk von Sozialarbeitern, Psychologen und Psychotherapeuten erstellt und wir alle zusammen können die Verzweifelten auf mehreren Ebenen unterstützen. Das ist eine wunderbare Gelegenheit zu helfen, ich will ja nicht nur der postmortale Besserwisser mit dem erhobenen Zeigefinger sein! Dieses Vorzeigemodell wurde übrigens für den Vorsorgepreis des Landes Niederösterreich eingereicht.

 

Wie sieht eigentlich die Obduktion der Zukunft aus?

SEDIVY: In dieser Frage gibt es für mich ein Zauberwort: die Virtopsie! Hier wird die herkömmliche Autopsie mithilfe der Computertomographie mit einer postmortalen Angiographie unter künstlicher Zirkulation, ergänzt oder sogar gänzlich ersetzt. Die Schnitte werden demnach statt mit dem Skalpell virtuell gesetzt. Falls dann doch geschnitten werden muss, können wir viel gezielter vorgehen. Ein weiterer Vorteil: Schnitte sind nicht nur quer, sondern auch längs möglich.

Die Virtopsie ist in mancher Hinsicht genauer als die gebräuchliche Autopsie. Wenn wir beispielsweise den Verdacht auf einen Hirninfarkt haben und das Gewebe in etwa Ein-Zentimeter-Abständen schneiden, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine fünf Millimeter große Blutung unentdeckt bleibt. Ich bin jetzt seit 16 Jahren in der Pathologie und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, so etwas kann ich nicht übersehen. Im CT bleiben aber selbst so kleine Blutungen nicht unentdeckt.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir eine digitale Speicherung des gesamten Leichnams haben, die Jahrzehnte später ohne Einbußen abgerufen werden kann, was unzählige Exhumierungen ersparen könnte. Die digitale Konservierung sollte mit einigen Gewebsproben, etwa Blut oder Harn, ergänzt werden.

Zudem gibt es religiöse Menschen, die eine Obduktion als Leichenschändung sehen. Vor mir stehen immer wieder Menschen mit Tränen in den Augen, die flehen, ihren Liebsten diese „fürchterliche Prozedur“ zu ersparen. Freilich sehen wir das anders, aber wenn es neben dem Skalpell andere Möglichkeiten gibt, warum soll ich diese Verzweifelten vor den Kopf stoßen?

In ihrem heutigen Stand ist die Virtopsie allerdings noch nicht ausgereift und relativ teuer. Um den Kostenfaktor etwas zu entschärfen, könnte man alte CTs auf die Pathologie schaffen, statt sie zu verschrotten. Viele ältere Geräte werden ja aufgrund der höheren Strahlung ausgemustert – ein Nachteil, der bei unserer Klientel gegenstandslos wird. Letztlich hoffe ich, dass diese Methode bereits in zehn Jahren zum Standardverfahren zählt.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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