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Psychiatrie und Psychotherapie 7. September 2011

Forscher schlagen Alarm: Verfälschte Suizidstatistik

In Österreich ist die Autopsierate in den vergangenen 20 Jahren von 35 Prozent auf 17 Prozent zurückgegangen. "Der Rückgang an Autopsien reduziert die Qualität der offiziellen Suizidstatistik", sagt Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie. Das zeigt auch eine von Kapusta geleitete Studie mit Daten aus 35 Ländern anhand der Suizidstatistik, die jetzt im renommierten US-Fachmagazin "Archives of General Psychiatry" veröffentlicht wurde.

Erhalt der Qualität gefährdet

In Österreich sterben jährlich 1.300 Menschen an Suizid, das sind doppelt so viele wie im Straßenverkehr ums Leben kommen. Die Dunkelziffer könnte aber steigen, da die Qualität der Suizidstatistik abnimmt. Daher schlagen Forscher anlässlich des Welttags der Suizidprävention am 10. September 2011 Alarm und fordern den "dringenden Erhalt der hohen Qualität der Österreichischen Todesursachenstatistik und damit auch der Suizidstatistik".  

Hohe Autopsierate, höhere Suizidrate

Statistisch gesehen begingen vor 25 Jahren insgesamt 2.139 EinwohnerInnen in Österreich Suizid, im Jahr 2010 waren es 1.261. Obwohl der Rückgang der Suizide auf bisherige Präventionsarbeit wie die Entwicklung des psychosozialen Systems und zunehmende Hilfsangebote zurückzuführen ist, legen die Ergebnisse der Studie nahe, dass die Dunkelziffer steigt. Kapusta: "In Ländern mit den höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn ist die Suizidrate höher als in Ländern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in Ländern, in denen Autopsieraten zurückgehen, auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet."

Mehr Autopsien gefordert

Das Ergebnis der Studie ist ein Plädoyer für mehr Autopsien. "Gerade bei älteren Menschen macht man nahezu überhaupt keine Autopsien mehr. Dies betrifft nicht nur Suizide, sondern alle Todesursachen. Vor dieser Entwicklung wird auch bereits in den USA gewarnt. Dort scheinen nationale Suizidstatistiken bereits zweifelhaft niedrig zu sein, dafür scheint es eine Epidemie von Vergiftungen mit unklarer Intention zu geben, der so auch nicht zu trauen ist".

Ist den Statistien noch zu trauen? 

Es stelle sich überhaupt die Frage, wie lange man den offiziellen Suizidstatistiken überhaupt noch trauen könne, so der Suizidforscher, der auch Mitglied im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention und der Wiener Werkstätte für Suizidforschung ist. Denn nur mit qualitativ hochwertigen Basisdaten sei es möglich, eine bedarfsgerechte Gesundheitsplanung zu machen oder Präventionsprogramme wissenschaftlich verlässlich zu evaluieren. "Dies gilt nicht nur für unseren Themenbereich. Es ist eine wichtige Frage für die gesamte Medizin und insbesondere für die Gesundheitsförderung und Präventionsforschung".   
 

Nationales Suizidpräventionsprogramm

 

In Österreich ist man dabei, nach internationalem Vorbild ein nationales Suizid-präventionsprogramm zu entwickeln.

Am 8. Juli 2011 wurde der Entschließungsantrag dazu im Parlament einstimmig beschlossen. "Eine entsprechende Koordination bestehender nationaler Ressourcen und wissenschaftlichen Wissens war seit langem nötig und wünschenswert",  so Nestor Kapusta, der mit Thomas Niederkrotenthaler und Gernot Sonneck von der MedUni Wien an der Entwicklung des Programms durch das Gesundheitsministerium maßgeblich beteiligt ist.

Das Programm zielt in die Richtung einer großflächige und dauerhafte Initiative zur Suizidprävention.

Presse MedUniWien

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