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Geschichte 21. Februar 2008

Das Mikroskop des Robert Koch (Narrenturm 131)

Unter den zahlreichen Exponaten der Sammlung historischer Mikroskope im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum findet sich unter der Musealnummer 24.926 ein ziemlich einfaches unsigniertes Modell, von dem schon der legendäre „Hofrat“, Dr. Karl Alfons Portele (1912–1993), einst Direktor des Museums, berichtete, es sei „auch damals schon ein relativ billiges Gerät“ gewesen.

Dass Robert Koch mit einem einfachen Mikroskoptyp in den 1870er Jahren das Rätsel der Milzbrandkrankheit löste und damit zum Mitbegründer der modernen Bakteriologie wurde, war für den ehemaligen Direktor des Pathologisch-anatomischen Museums Dr. Karl Alfons Portele gesichert. Portele überzeugte sich natürlich auch praktisch davon, dass mit diesem unscheinbaren Instrument Milzbrandstäbchen und auch Sporen eindeutig nachzuweisen sind. Die oft kolportierte Geschichte, Koch habe für seine Milzbranduntersuchungen ein qualitativ hochwertiges und teures Mikroskop von E. Hartnack benutzt, war für Portele damit widerlegt.
Robert Kochs (1843–1910) Karriere war 1905 mit dem Nobelpreis für Medizin auf dem Höhepunkt. Begonnen hatte sie der damals noch unbekannte und in der wissenschaftlichen Welt noch namenlose preußische Amtsarzt in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Wollstein, dem heutigen Wolsztyn in Polen. Wie der mit materiellen Gütern nicht gerade gesegnete Kreisphysikus zu seinem ersten heiß begehrten Mikroskop kam, wird in seinen – allerdings zumeist romanhaften – Biographien unterschiedlich berichtet: Mal war es ein Geschenk seiner Frau zu seinem 28. Geburtstag, mal ein Weihnachtsgeschenk, mal kaufte er es sich selbst im etwa 150 Kilometer entfernten Breslau und hoffte von seinem angetrauten Weib wegen seiner Verschwendung nicht allzu sehr gerügt zu werden. Sei es, wie es sei, kaum eine Anschaffung hat sich für die gesamte Menschheit wohl mehr gelohnt als das einfache Mikroskop, mit dem Robert Koch seine einsame Forschertätigkeit begann. Nachdem anfänglich praktisch alles, was ihm in die Hände kam, unter der Linse seines Mikroskops landete, konzentrierte sich sein Interesse aber bald auf den Milzbrand. Als Amtsarzt in einem vorwiegend landwirtschaftlichen Bezirk hatte er naturgemäß viel mit Milzbrand zu tun. Nicht nur dass das Vieh der Bauern regelmäßig von der Seuche heimgesucht wurde, auch in seine Ordination kamen oft mit Milzbrand infizierte Patienten. Beiden konnte er – wie auch die gesamte Medizin seiner Zeit – allerdings nicht helfen.

Des Rätsels Lösung

Milzbrandbazillen hatte zwar schon 1849 der Arzt Aloys Pollender (1800–1879) im Mikroskop beobachtet, und Casimir Davaine (1811–1882) übertrug durch Impfung mit Blut von Milzbrandtieren diese Krankheit 1850 auf andere Tiere, aber ob diese beobachteten kleinen Stäbchen tatsächlich der Erreger der Krankheit waren oder erst im kranken Tier entstanden, war damals noch unklar. Erst Koch gelang es, alle Phasen der Entstehung des Milzbrandbazillus, seine Verwandlung zu Sporen und den Übertragungsweg zu verfolgen und das Rätsel zu lösen.
Bei modernen Hygienikern stellt sich auch heute noch blankes Entsetzen ein, wenn sie lesen, unter welchen Bedingungen Robert Koch seine durchaus nicht ungefährlichen Milzbrand-Forschungen betrieb. In seinem vom Sprechzimmer nur durch einen einfachen Stoffvorhang abgetrennten „Laboratorium“ experimentierte er unbekümmert mit den gefährlichen Erregern.

Sensationelle Ergebnisse

Er züchtete hier Reinkulturen im Kammerwasser von Rinderaugen, übertrug die Krankheit mangels geeigneter Spritzen mit ausgeglühten Holzsplittern auf Mäuse und konnte am Beispiel des Bacillus anthracis erstmals durch systematische Experimente den kausalen Zusammenhang zwischen Bakterien und einer Erkrankung beweisen. In seiner Beweiskette folgte Koch seinem Lehrer Jakob Henle (1809–1885), der bereits 1840 aus rein theoretischen Überlegungen heraus ein belebtes Kontagium angenommen hatte und die heute „Henle-Koch“ benannten Postulate bereits angedacht hatte:
1. Der Erreger muss bei allen Trägern der Krankheit immer vorhanden sein.
2. Der Erreger ist bei keiner anderen Krankheit nachzuweisen.
3. Auf gesunde Wirte überimpft, tritt die spezifische Krankheit wieder auf.
4. Der Erreger muss isolierbar sein und in Reinkultur wachsen.
Die sensationellen Ergebnisse seiner Milzbrandforschung – alles durchgeführt mit dem einfachen wohlfeilen Mikroskoptyp, das in der Schausammlung des Narrenturms besichtigt werden kann – publizierte er 1876 unter dem Titel Die Äthiologie der Milzbrand-Krankheit, begründet auf der Entwicklungsgeschichte des Bazillus Anthracis. Mit dieser Arbeit legte Koch den Grundstein für die medizinische Bakteriologie, zeigte die oft listigen Ansteckungswege tödlicher Bakterien und riss gleichsam die Tür auf für die Aufklärung weiterer gefährlicher Infektionskrankheiten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2008

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